Die AfD wirbt mit dem Spiegel und Bundeskanzler Olaf Scholz. Foto: dpa

Eine Woche nach dem gewaltsamen Tod des Polizisten Rouven Laur hält die AfD eine Kundgebung ab. Tausende Gegendemonstranten stellen sich ihr entgegen.

Unmittelbar neben dem Brunnen auf dem Mannheimer Marktplatz, der nach dem gewaltsamen Tod des Polizisten Rouven Laur zum Gedenkort geworden ist, hat sich am Nachmittag eine Menschentraube gebildet. Ein Fernsehteam der ARD sammelt Stimmen ein. Statements werden beklatscht, andere schütteln den Kopf. Und als die Reporter längst verschwunden sind, wird immer noch diskutiert. „Ein Terrorist ist ein Terrorist“, ruft ein junger Türke in grauer Jogginghose aufgebracht. Aber wieso müsse man dafür gleich den ganzen Islam verantwortlich machen? Ihm gegenüber steht ein untersetzter Mann mit Einkaufstasche: „Wir haben hier in Mannheim so viele Demonstrationen“, sagt er. „Da müssen auch Islamkritiker demonstrieren dürfen.“

Immerhin: die Mannheimer sind miteinander im Gespräch. Am Abend klappt das weniger. Auf dem Paradeplatz hat die AfD zur Kundgebung geladen. 700 Teilnehmer halten erst eine Gedenkminute für den getöteten Polizisten ab, dann demonstrieren sie gegen „Messergewalt“, fordern auf Transparenten „Remigration jetzt“ und skandieren „AfD, AfD“. Noch stimmgewaltiger ist die Schar der Gegendemonstranten. Getrennt durch Absperrgitter und die Bereitschaftspolizei rufen sie immer wieder „Nazis raus“ und „Ganz Mannheim hasst die AfD“. Ansonsten bleibt es friedlich.

Jubel über Gerichtsentscheid

3300 sind dem Aufruf der Gewerkschaft und anderer Organisationen wie der örtlichen Ditib-Gemeinde zur Gegendemonstration gefolgt. Die beginnt am Nachmittag unter dem Motto „Gegen Islamismus und Rassismus“ auf dem Alten Messplatz auf der anderen Neckarseite mit einer guten Nachricht für die Demonstranten. Die AfD dürfe nun doch nicht auf dem von Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) zum Gedenkort erklärten Marktplatz ihre Kundgebung abhalten, erklärt der DGB-Sprecher Lars Treusch unter dem Jubel der Demonstranten.

Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim hob auf Beschwerde der Stadt die Eilentscheidung des Karlsruher Verwaltungsgerichts auf, das zuvor die AfD-Kundgebung auf dem Marktplatz zugelassen hatte. Der andere Veranstaltungsort, der in Sichtweite zum Marktplatz liege, sei der AfD zuzumuten, argumentiert das oberste Gericht. „Das ist ein gutes Zeichen für die Demokratie und den Rechtsstaat“, sagt Treusch. Auch die Polizisten, die den Demozug begleiten, atmen ein wenig auf. „Ich persönlich finde das gut, das der OB den Gedenkort durchsetzen konnte“, sagt ein Beamter der Göppinger Bereitschaftspolizei.

Frohnmaier droht mit Konsequenzen

Auf dem Paradeplatz ist man da anderer Meinung. „Wir wollten wie jede andere Partei unsere Anteilnahme ausdrücken“, sagt der AfD-Landeschef Markus Frohnmaier. Das sei auch nicht pietätlos. „Nur mit uns macht man so ein Theater.“ Der Rechtsstaat müsse sich auch gegenüber der AfD ordnungsgemäß verhalten. „Das wird auch Konsequenzen haben“, ruft Frohnmaier unter dem Jubel seiner Zuhörer.

Allerdings gibt es auch unter AfD-Anhängern andere Töne. „Auf den Marktplatz wären wir wahrscheinlich gar nicht gekommen“, sagt die 44-jährige Mannheimerin Nadine Dietrich. Eine Wahlkampfveranstaltung dort hätte sie aus Respekt vor dem Tod des jungen Polizisten nicht gut gefunden. Hoch umstritten sei aus ihrer Sicht das Beharren der Parteispitze auf den Veranstaltungsort auch intern gewesen. Dabei sei es wichtig zu demonstrieren. „Ich will zeigen, dass ich dagegen bin, wie es momentan läuft.“

Angst auf allen Seiten

Sie sei nicht radikal, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Auffallend viele tragen allerdings Shirts mit Lonsdale-Aufdruck, einer wegen der Buchstabenkombination „NSDA“ bei Rechtsextremen beliebte Marke. Ein älterer Mann fährt mit einem Krankenfahrstuhl heran. Aus den Boxen seines Elektrogefährts klingt „L’amour toujours“ von Gigi D’Agonstino, der Gassenhauer, dessen sattsam bekannte Umdichtung sich in rechten Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Auf dem Gelände muss er es dann aber abstellen. Einige skandieren „Lieber Sylt statt Mannheim“, was immer sie damit sagen wollen.

Die wahre Gefahr für Deutschland seien Islamisten und Linksradikale, viele trauten sich nicht einmal mehr durch Mannheim zu laufen, sagt der Co-Landeschef Emil Sänze. Allerdings haben auch andere Angst. Auffallend viele Kinder aus Migrantenfamilien seien am Freitag nicht in die Schule gekommen, berichtet die Lehrerin einer Innenstadtschule am Nachmittag auf dem Marktplatz. Sie hätten Angst, ihre Kinder zu schicken, hätten die Eltern erklärt. Noch ist Mannheim nicht zur Tagesordnung zurückgekehrt.