Mit ihrer rollenden Bühne hat Sabine Schief eine neue Möglichkeit entwickelt, vor Publikum aufzutreten. Foto: Sabine Schief (z)

Im Interview berichtet die Kabarettistin und Moderatorin, wie sie von der Corona-Krise betroffen ist und welche alternative Veranstaltungsformen sie entwickelt hat, um auftreten zu können.

Untertürkheim - Einige Monate lang keine Auftrittsmöglichkeiten, abgesagte Veranstaltungen, kaum Chancen, Geld zu verdienen und den Applaus des Publikums zu ernten. Die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown haben die Kulturtreibenden besonders hart getroffen. Die Untertürkheimer Kabarettistin und Moderatorin Sabine Schief blickt verhalten optimistisch in die künstlerische Zukunft, auch weil sie neue Formen entwickelt hat, ihre Talente einzusetzen.

Ein halbes Jahr Corona-Krise. Frau Schief, wie geht es Ihnen und Ihrem Mann?

Gesundheitlich glücklicherweise gut. Dafür sind wir auch dankbar und froh, vor allem weil mein Mann Michael zu den Risikopatienten gehört.

Und wie haben Sie als Künstlerin den Lockdown und die Auswirkungen erlebt?

Privatperson und Künstlerin kann man nicht trennen. Der erste Schreck war, dass sämtliche Veranstaltungen weggebrochen sind. In meiner gesamten Karriere war ich bestrebt mit dem Besten, was man kann, alle Menschen glücklich zu machen. Jetzt nichts machen zu dürfen, war schockierend. Privat habe ich gemerkt, dass ich erschöpft war. Bei dem Spagat, diesen anspruchsvollen Beruf auszuüben und die Pflege von Michael zu garantieren, bin ich oft über die Grenze meiner Kräfte hinausgegangen. Als wir wegen des Lockdowns zuerst auf uns allein gestellt sein mussten, fand ich dies zumindest die ersten Wochen lang entspannend.

Wann hat sich die Stimmung geändert?

Anfang Mai kam von künstlerischen Seite eine Unruhe auf. Ich erhielt zwar die Corona-Soforthilfe und bin dafür auch sehr dankbar. Da ich im Sommer eher wenige Auftritte habe, war ich zuversichtlich, dass ich diese Monate finanziell überstehe. Die Hoffnung lag auf einem gefüllten Veranstaltungskalender im Herbst und Winter. Aber es kam anders.

Die wirtschaftlichen Folgen machen sich jetzt also bemerkbar?

Natürlich. Ich hatte praktisch keine Auftritte. Nach der Lockerung für Veranstaltungen getraute sich nur ein Organisator, unter strengen Hygieneregeln eine Veranstaltung durchzuführen. Dies war die Stadt Balingen. Wir haben mit den Superschwoba gespielt. Die Zuschauer waren noch zurückhaltend. Wir spielten vor wenigen weit auseinandersitzenden Besuchern in einer großen Halle. Es konnte kaum Stimmung aufkommen. Wir Menschen stecken uns gegenseitig mit Lachen, Begeisterung und Leid an.

Hat sich die Situation verbessert?

Nicht wirklich. Ich habe dieses Jahr noch wenige Termine stehen, aber auch diese sind nicht gesichert. Die Galgenstricke haben mich am 16. Oktober zu einem Auftritt eingeladen. Ihr Keller fasst 99 Menschen, doch sie dürfen nur 30 Karten verkaufen. Dabei benötigen sie gleichviel Personal und haben den gleichen Aufwand. Wir Künstler sind wir sind am Eintritt beteiligt. Jeder kann sich ausrechnen, was ein Drittel von Besuchern für den Erlös bedeutet. Beide, Bühne und Künstler, sollten mit dem Gesamtkartenverkauf die Kosten decken können und man darf nicht vergessen, dass ich auch Fahrt- und andere Kosten habe. Dazu kommt, dass bei einem nur zum Drittel besetzten Saal nur schwerlich Stimmung auf der Bühne ankommt.

Wie geht es Ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Kulturszene?

Viele haben Existenzsorgen. Wir haben quasi Berufsverbot. Ich bin noch recht gut dran, weil ich keine großen Ausgaben für technisches Equipment, Mitarbeiter oder Mietkosten habe. Aber die Eventfirmen wissen nicht, wie es weitergeht. Auch Künstler sind Unternehmer. Wir haben alle Rücklagen gebildet. Aber dies ist unsere Altersvorsorge oder der Notnagel, falls wir krank werden. Diese müssen wir aufbrauchen und keiner weiß, wie lange. Die Planungsunsicherheit macht Sorgen. Viele Veranstalter haben ausgearbeitete Konzepte wie die Fußballklubs. Die Politik sollte uns auch etwas zutrauen.

Welche Alternativen haben Sie sich ausgedacht?

Ich habe die rollende Bühne, das Schief-Mobil, entwickelt. Ich komme mit meinem Auto oder mit dem Wohnmobil, je nachdem wie viel Platz es hat. Alles, was zu einer guten Show gehört, bringe ich mit. Eine Stunde schwäbisches Kabarett für Draußen und Drinnen. Im Hof, im Garten, in der Autowerkstatt. Nichts ist unmöglich. Private Gruppen auf privatem Gelände können mich rufen. Die Zuschauer bringen ihre Stühle und Getränke mit. Corona hat mir gezeigt, ich bin ein Livejunkie. Ich brauche die Menschen und genieße es, sie unplugged zu unterhalten. Und nachher geht der Spendenhut herum. Jeder gibt, was er kann. Das hat wunderbar funktioniert. Jetzt kommt die Jahreszeit, in der es schwieriger wird, draußen zu spielen. Aber warum nicht eine Frischluftkabarettshow mit Glühwein genießen? Auch für Drinnen haben wir eine gemütliche Lösung für Gruppen, selbstverständlich unter Coronabedingungen, gefunden! Einem normalen Job kann ich nicht nachgehen. Denn im Alltag kümmere ich mich um meinen Mann Michael. Bislang hatte ich Beruf und Pflege optimal aufeinander abstimmen können. Ich hoffe, das bekomme ich auch in Zukunft hin.

Gibt es neue Projekte für 2021?

Ich habe mir überlegt, was ich mit meinen Talenten anfangen kann. Was kann ich richtig gut? Mit meinen Stärken eine gute Beobachterin zu sein, gut zuhören zu können, schreiben und Dinge auf den Punkt zu bringen, Dinge zu präsentieren und vor allem Menschen zu bewegen, hat sich mir ein Bereich aufgetan, mit dem ich mich schon seit längerer Zeit beschäftige: unsere Sterbe-und Trauerkultur. Dort gibt es viele Parallelen zu meiner Arbeit als Herzhumoristin. Wenn es mir gelingt, Menschen zu erreichen, ihre Herzen zu bewegen, ihnen das zu geben, was sie im Augenblick benötigen, dann bin ich auch glücklich. Deswegen will ich mich in einen neuen Bereich wagen. Dies soll mein zweites Standbein werden. Ich bleibe aber selbstverständlich Künstlerin. Aber ich rechne auch damit, dass es in der Veranstaltungsbranche schwierig bleiben wird, solange es keinen Impfstoff oder solange es noch kein wirksames Medikament geben wird. Das Virus wird uns weiter begleiten, aber es kann nicht sein, dass es alles zerstört. Wir werden die Veranstaltungswirtschaft weiter benötigen. Die Menschen brauchen einfach Zerstreuung. Die Menschen brauchen Kultur. Die Menschen brauchen das Wir-Gefühl und somit die Kulturevents.

Das Interview führte Mathias Kuhn.

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