Eine Sisyphusarbeit: Orgelbauer Friedrich Lieb und seine Mitarbeiter sind gerade dabei, unter beengten Verhältnissen die Orgel der Hedelfinger Kreuzkirche wieder zusammenzubauen. Foto: Manuela Nägele (z)

Die Orgel der Hedelfinger Kreuzkirche wird seit August saniert und digitalisiert. Die Kirchengemeinde investiert rund 130 000 Euro, der Verein Alte Kirche und Kreuzkirche trägt 50 000 Euro dazu bei.

Hedelfingen - Orgeltöne erklingen seit einigen Wochen tagsüber in der Kreuzkirche. Doch nicht Kirchenmusikdirektorin Manuela Nägele bewegt die Tasten, es sind die Orgelbauer, die seit Anfang August das imposante Musikinstrument generalüberholen. „Unsere Orgel ist mehr als 50 Jahre alt, seit 2001 wurde nichts Größeres mehr gemacht. Im Lauf der Jahre verstaubt und verschmutzt das Instrument, die Elektrik musste erneuert und weitere Orgelteile mussten repariert werden“, erzählt Nägele. Auch der Orgelsachverständige der Evangelischen Kirche hat die Renovierung empfohlen. Was von außen betrachtet wie eine zwar aufwendige, aber überschaubare Aufgabe aussah, erwies sich als ein ehrgeiziges Projekt, nachdem die Orgelbauer alle Pfeifen aus der Orgel geräumt hatten und die Elektrik genauer unter die Lupe nehmen konnten. „Es musste insgesamt doch mehr ausgetauscht und erneuert werden“, sagte Nägele. Eine Sisyphusarbeit.

Die Orgel muss in ihre Einzelteile zerlegt werden. Dabei haben Friedrich Lieb und seine Mitarbeiter auf der Empore der Kreuzkirche wenig Platz, müssen sich in Zwischenräume zwängen und Dutzende Leitungen, Kontakte und andere Kleinteile kontrollieren, überholen, reinigen, wieder einbauen oder ersetzen. „Sie müssen Schreiner, Musiker, Elektriker und Mechaniker sein“, ziehen Professor Eberhard Schwarz, Dieter Bohnacker und Michael Wießmeyer vom Förderverein Alte Kirche und Kreuzkirche Hedelfingen den Hut vor der Arbeit der Orgelexperten.

Im Zuge der Renovierungsarbeit tauchte zudem die Frage auf, ob die Hedelfinger Kirchengemeinde die doch umfangreichere Sanierung nicht nutzen sollte, um das Instrument für die kommenden Jahrzehnte fit zu machen. „Angeregt durch die Besichtigung zweier Orgeln und fasziniert von den klanglichen, praktischen und spieltechnischen Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz von digitaler Technik ergeben, haben wir wir uns dazu entschlossen, die Hedelfinger Orgel auch digital auszurüsten“, sagen Schwarz und Nägele. Die Investitionskosten erhöhten sich damit auf rund 127 000 Euro.

Der Verein Alte Kirche und Kreuzkirche Hedelfingen sprang in die Bresche. Er ermöglicht die Digitalisierung dank einer großzügigen Förderung. Er übernimmt die zusätzlichen Kosten von 10 000 Euro. „Wir hatten im Vorfeld bereits einen Zuschuss in Höhe von 40 000 Euro für die Orgelrenovierung zugesagt und uns nun entschlossen, in diese zukunftsweisende Aufrüstung zu investieren“, sagen der Vereinsvorsitzende Schwarz und der für die Finanzen zuständige Bohnacker. Mit dazu beigetragen haben Zuwendungen von Privatpersonen aus Hedelfingen und von ehemaligen Hedelfingern, die speziell für die Digitalisierung namhafte Spenden überwiesen.

Die Orgel wird eine USB-Schnittstelle, eine Midi-Ansteuerung, eine Transponier-Einrichtung und neue Koppelmöglichkeiten bekommen. „Dies wird uns neue Möglichkeiten eröffnen. Es können zusätzliche Klangeffekte gewonnen werden und wir können das Instrument für neue Spielideen nutzen“, sagt Nägele. Die renommierte Organistin gesteht, dass sie sich selbst zuerst mit der digitalen Technik und den neuen Möglichkeiten anfreunden musste. „Es wird nun auch möglich sein, dass ich oder ein anderer Organist ein Musikstück einspiele und dieses dann später in der Kirche abgespielt wird, ohne dass jemand die Orgel bedient.“ Genutzt werden könne dies dann bei Kirchenführungen, aber auch bei Improvisationen und für Konzerte. „Die Gottesdienste werden von immer wenigen Kirchenmitgliedern besucht, deswegen kommt der Kirchenmusik eine wachsende Bedeutung zu, um Besucher in die Kreuzkirche zu locken“, sagt Schwarz. Wießmeyer kann sich auch andere Nutzungsformen, wie beispielsweise das bereits mit Erfolg praktizierte Orgelkino vorstellen. „Die Kreuzkirche ist nicht nur architektonisch ein bedeutendes Gotteshaus, sondern auch ein toller Konzertsaal.“ Mit der renovierten und digital aufgerüsteten Orgel können die Hedelfinger dieses Raum-Klangerlebnis noch besser erfahren.

Die Orgelbauer sind in den letzten Zügen. Am 31. Januar wird sie das erste Mal im Gottesdienst erklingen. Das für 10. Januar geplante Einweihungskonzert muss aber wegen der Corona-Bestimmungen abgesagt werden. „Am 12. September ist ein Festgottesdienst geplant. Dann wird der Tag des offenen Denkmals gefeiert und außerdem ist 2021 die Orgel das Instrument des Jahres “, sagt Nägele.

Spenden an den Verein Alte Kirche und Kreuzkirche Hedelfingen für die Orgel sind weiterhin willkommen. Das Spendenkonto lautet: „Orgel Kreuzkirche“ DE29 6006 0396 0037 5860 09

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