Foto: Tom Weller/dpa - Tom Weller/dpa

Helme und Hüte, Tücher und Mützen - Kopfbedeckungen haben eine jahrtausendealte Tradition. Heute sind sie seltener. Eine Ausstellung sucht nach Gründen.

Stuttgart (dpa/lsw)Ein Kopftuch ist ein Kopftuch. Das klingt einfach. Ist es aber keineswegs. Denn ein Kopftuch kann man aus Demut tragen oder weil der Glaube es vorschreibt, es kann Geschichte schreiben oder eine Geschichte erzählen, es kann sogar im Schaufenster hängen und einen Protest auslösen. Mit der Symbolik und der Historie von Kopfbedeckungen wie dem Tuch setzt sich eine neue Ausstellung in Stuttgart auseinander.

Unter dem Titel «Hut ab!» hinterfragt die Schau im Haus der Geschichte vor allem, warum Kopfbedeckungen nach Jahrzehnten wieder im Alltag auftauchen - und dann oft als religiöse Symbole für Streit und Debatten sorgen wie die Kippa und eben das Kopftuch.

«Kopfbedeckungen erzählen Geschichte und Geschichten», sagt die Direktorin des Hauses der Geschichte, Paula Lutum-Lenger, zur Eröffnung am Donnerstag. Sie seien weit mehr als nur ein Schutz gegen Regen und Sonne oder vor Hieben und Geschossen. «Das Kleidungsstück, das der Mensch auf seinem exponiertesten Körperteil trägt, setzt stets auch Zeichen und Signale.»

In 44 Vitrinen werden bis zum kommenden August Kopfbedeckungen und die Geschichten ihrer Trägerinnen und Träger präsentiert. Pickelhauben sind dort zu sehen, Zylinder und Bollenhüte, der Heckerhut oder die Burschenschaftsmütze, Gasmasken und Schleier. Züchtige Bedeckungen sind ebenso dabei wie martialische, streitbare, intellektuelle oder modische, Leder-Schlapphüte aus den Jahren der «Flower Generation» und umgestaltete Bauarbeiterhelme vom Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Sie sind Bekenntnis und Ausdruck von Heimat und Gewalt, Demut und Trauer, von politischer Einstellung oder schlicht von modischem Geschmack. «In der Ausstellung geht es um Macht, Ordnung und Auflehnung, um Tradition, Revolution und Religion, um richtig- oder missverstandene und widersprüchliche Symbole», erzählt Lutum-Lenger.

Am Beispiel des Kopftuches werde unter anderem verdeutlicht, dass Kopfbedeckungen vieldeutig interpretiert werden könnten, sagt Kurator Sebastian Dörfler. «Während es von manchen Musliminnen als Symbol der Unterdrückung bewusst abgelegt wurde, ist es für andere Trägerinnen Teil ihrer Religion und ihrer Persönlichkeit.» Gezeigt wird unter anderem ein Kopftuch der Lehrerin Fereshta Ludin. Sie führte jahrelang einen Rechtsstreit gegen das Land Baden-Württemberg, um mit Kopftuch an einer staatlichen Schule unterrichten zu dürfen. Im Februar 2018 sorgten Kopftücher im Schaufenster eines Stuttgarter Kaufhauses für Aufregung: Während sie eigentlich nur farbenfroh dekorieren sollten, wurde dem Haus vorgeworfen, es treibe eine angebliche Islamisierung voran.

Einige der Ausstellungsstücke zierten berühmte Häupter wie die von Schriftsteller Friedrich Schiller oder Ex-Bundespräsident Theodor Heuss. Eindrucksvoll ist eine Reihe von Mützen, die von den jungen Trägern niemals bei ihrer Tübinger Studentenverbindung «Palatia» abgeholt wurden - die Männer fielen im Ersten Weltkrieg. Entdeckt wurden die Mützen bei einer Haushaltsauflösung in Wurmlingen bei Tuttlingen, eine Kappe gehörte einem gefallenen Sohn der Familie.

Helme, Hauben, Mützen und Hüte, das verdeutlicht diese Ausstellung, erzählen viel von der jeweiligen Gesellschaft, von ihrem Selbstverständnis, ihren Werten und Leitbildern. Und zum Teil können ihre Geschichten auch überraschen: Denn nicht jeder dürfte gewusst haben, dass sich zum Beispiel der heutige Naturschutzbund (Nabu) 1899 aus Protest gegen die damalige Vogelfeder-Hutmode in Stuttgart als Bund für Vogelschutz gegründet hatte. Oder dass die Ursprungsdörfer des «badischen Bollenhuts» Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach bis 1810 zu Württemberg gehörten.

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