Vom Saulus zum Paulus – ein berührender Moment in Hans-Christoph Rademanns Aufführung von Mendelssohns Oratorium. Foto: Holger Schneider - Holger Schneider

Der Chefdirigent der Stuttgarter Bachakademie hat in seiner Aufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium die Wandlung des Saulus zum Paulus musikalisch nachvollzogen: straff und dramatisch im ersten Teil, ruhiger im Duktus im zweiten Teil, der vom Wirken des zum Christentum bekehrten Missionars handelt.

StuttgartVom Saulus zum Paulus: Was zum geflügelten Wort wurde, gestaltet Felix Mendelssohn Bartholdy beeindruckend in seinem Oratorium „Paulus“. Im einen Augenblick ist dieser Saulus noch ein Eiferer, der die Anhänger Jesu verfolgt. Plötzlich hört er die Stimme Gottes – und ist bekehrt. In der Aufführung der Stuttgarter Bachakademie am Samstag im voll besetzten Beethovensaal berührt dieser Moment.

Bachakademie-Chefdirigent Hans-Christoph Rademann hatte zuvor den groß besetzten Chor der Gaechinger Cantorey und das Orchestre Philharmonique de Luxembourg massiv angestachelt. Die Steinigungsszene und den Eifer des Saulus in der Arie „Vertilge sie, Herr Zebaoth“ interpretiert Rademann als dramatische Höhepunkte mit geschärftem Klang und zügigem Tempo. Durchbrochen wird das leidenschaftliche Szenario vom hellen, beinahe körperlosen Klang der Frauenstimmen des Chores, die die Stimme Gottes darstellen. Dieses Damaskus-Erlebnis löst den Wandel in Saulus aus, der fortan als Paulus die Botschaft Christi verkündet. Zwei höchst unterschiedliche Chorsätze setzt Mendelssohn an diese Stelle und zeigt damit, wie klug er die Tradition von Bachs Passionen fortsetzt.

„Mache dich auf, werde Licht“ ist ein großer Jubelgesang, in dem sich der transparente und schlanke Klang des Chors auf interessante Art mit dem Timbre des Luxemburger Orchesters mischt. Es hat einen weichen, sehr homogenen Klang, der aus der satten Mittellage entwickelt ist und hier ein spannendes Gegengewicht zum Chor bildet. Vor allem in den Chorälen, die Rademann schlicht, meist verinnerlicht musizieren lässt, entsteht dadurch ein vielfältig schillernder Tonfall.

Gegensätzliche Haltungen

Rademanns Lesart gliedert sich auffallend in zwei unterschiedliche Haltungen. Den ersten Teil, bis zum inneren Wandel des Paulus, musiziert der Dirigent straff und energisch, wählt überwiegend schnelle Tempi und geht die Rezitative der Vokalsolisten zügig an. Ab der großen Bass-Arie „Gott, sei mir gnädig“ herrscht dagegen ein ruhiger Duktus vor, als würden die Figuren mehr in sich ruhen. Insbesondere der Chor macht diesen Gegensatz deutlich hörbar bis hin zu den ätherischen Momenten des Satzes „Sehet, welch eine Liebe“ kurz vor Ende.

Von den Solisten erfüllt Daniel Behle mit in der Höhe satt strahlendem Tenor diesen interpretatorischen Weg am besten. Die Sopranistin Johanna Winkel zeigt dagegen eine begrenzte Klangpalette, teilweise mit sprödem Tonfall. Bariton Markus Eiche wiederum singt die Titelpartie mit herbem Charakter und fester Stimme, was gut zum Eifer des ersten Teils passt, dem missionarischen Handeln in der zweiten Hälfte aber nicht mehr ganz gerecht wird.

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