Die Tierrettung ist perfekt ausgestattet für alle Tier-Notsituationen. Foto: Tierrettung

Die Tierrettung Unterland kümmert sich in neun Landkreisen um Tiere in Notlagen. Die hohe Zahl an Einsätzen ist inzwischen nicht mehr rein ehrenamtlich zu stemmen.

Für den Oberstenfelder Gemeinderat war die Sache Anfang Juni ganz klar: Einstimmig und ohne Diskussion sprach man sich dafür aus, jährlich 900 Euro an die Tierrettung Unterland zu zahlen, um weiterhin deren Dienste in Anspruch nehmen zu können. Bürgermeister Markus Kleemann bezeichnete dies als „gute Sache“. Mit dieser Meinung scheint der Oberstenfelder Rathauschef im Landkreis Ludwigsburg jedoch ziemlich in der Minderheit zu sein. Denn: Kaum eine Kommune ist bereit, den von der Tierrettung geforderten Betrag zu zahlen. Doch diese braucht das Geld dringend, um ihre Einsätze weiter gewährleisten zu können. Die Folge: In vielen Kommunen im Landkreis rückt die Tierrettung seit dem 1. Juni nicht mehr aus.

So unter anderem auch in Ludwigsburg und Marbach. „Wenn Tiere in Not sind, kooperiert die Stadt Ludwigsburg mit dem örtlichen Tierheim und, wenn es sich um jagdbare Wildtiere handelt, entsprechend mit den verschiedenen Jagdpächtern. Dadurch sind wir in Ludwigsburg gut aufgestellt und sehen auch künftig keinen weiteren Bedarf in Bezug auf die Tiernotversorgung“, erklärt Susanne Jenne von der Pressestelle der Stadt Ludwigsburg. Im vergangenen Jahr war die Tierrettung dennoch 58-mal in die Barockstadt ausgerückt, 13-mal wurde Haustieren geholfen, 45-mal Wildtieren.

Marbach ist gegen eine Vereinbarung

In Marbach war man im Jahr 2021 unterdessen zwölfmal im Einsatz. Weitere Rettungen werden hier nun nicht mehr durchgeführt, denn auch Marbach hat sich gegen eine Vereinbarung mit dem Verein entschieden. Bürgermeister Jan Trost verweist ebenfalls auf die Zusammenarbeit mit dem Tierheim Ludwigsburg, bei dem man sich gut aufgehoben fühle. „Dieses wird von uns genauso wie von den anderen Kommunen finanziell unterstützt. Daher sehen wir und auch die meisten meiner Kollegen keinen Mehrwert, auch noch die Tierrettung Unterland finanziell zu unterstützen. Wir brauchen keine Doppelstruktur“, sagt er. Bei Rettungen beispielsweise von Bäumen – in diesem Jahr erst eine – habe man zudem Spezialisten bei der freiwilligen Feuerwehr. „Wir sehen es auch nicht als kommunale Aufgabe an, Krankentransporte von Tieren finanziell zu unterstützen. Dies ist Aufgabe der Tierhalter, die dieses Angebot in Anspruch nehmen“, sagt Trost.

Der Verein bleibt oftmals auf den Einsatzkosten sitzen

Das sieht auch Jan Franke, der Erste Vorsitzende der Tierrettung Unterland, so. Jeder Einsatz, der einem Tierbesitzer zugeordnet werden kann, wird auch mit diesem abgerechnet. In der Regel kostet ein Einsatz – wie etwa der klassische Fundhund – 85 Euro. Kann der Verein jedoch keinen Besitzer ausfindig machen oder handelt es sich um Wildtierunfälle, bleibt der Verein auf den Kosten sitzen. „Natürlich decken wir diese zum Teil mit dem Geld, das wir von den ausfindig gemachten Besitzern erhalten. In den vergangenen Jahren sind die Einsatzzahlen jedoch so gestiegen, dass es schwer geworden ist, kostendeckend zu arbeiten“, erklärt Franke, der im März seinen Job im Rettungsdienst aufgegeben hat und seitdem in Vollzeit der Tierrettung nachgeht – ohne dabei einen Cent zu verdienen.

Rettungen haben extrem zugenommen

Hinzu komme, dass man bislang alles nur mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gestemmt habe. Dies ist durch die extreme Zunahme der Rettungen nicht mehr möglich. „Wir hatten im vergangenen Jahr rund 1400 Einsätze. Hinzu kam noch, dass wir zweieinhalb Wochen im Ahrtal tätig waren. Diese Masse ist mit unseren 18 Ehrenamtlichen, die tagsüber ja auch arbeiten, nicht mehr machbar.“ Der Plan war deshalb, drei Vollzeitstellen zu schaffen. Finanzieren wollte die Tierrettung Unterland diese durch eine Beteiligung der Kommunen. Die Kosten pro Kommune orientieren sich an den jährlichen Einsatzzahlen. Der Höchstbetrag liegt bei 1800 Euro im Jahr – betroffen hätte dieser Betrag nur Ludwigsburg, Heilbronn und Böblingen. Alle anderen Kommunen liegen darunter. Kornwestheim etwa muss 1200 Euro zahlen – und tut dies gerne, um die „wertvolle Arbeit der Tierrettung Unterland“ zu unterstützen, wie die Pressebeauftragte Isabell Binder erklärt. „Der Betrag ist so lächerlich, dass ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass jede Kommune bereit ist, diesen zu zahlen“, sagt Jan Franke. Er wurde jedoch eines Besseren belehrt. Inzwischen ist klar: „Mit Biegen und Brechen wird es eine Vollzeitstelle.“

Von 136 Städten und Gemeinden bekundeten nur 13 ihre Hilfe

Im Februar hatte Jan Franke alle Bürgermeister in den Landkreisen Heilbronn, Ludwigsburg und Böblingen sowie die angrenzenden und umliegenden Landkreise angeschrieben und den Sachverhalt dargelegt und um eine Beteiligung gebeten. Zumindest die, in deren Kommune im Jahr 2021 Rettungseinsätze erfolgt waren. In Summe waren dies 136 Städte und Gemeinden. Gerade einmal 13 von ihnen bekundeten bis Anfang Juni jedoch die Absicht, die Vereinbarung abzuschließen. Die anderen lehnten die Vereinbarung ab oder zeigten gar keine Reaktion. Das enttäuscht Jan Franke ungemein. „Aber es ist eben, wie es ist. Ich verstehe ja: Das Ganze kostet Geld, und die Kommunen haben ihre Feuerwehren. Aber dass die meisten Feuerwehrleute weder eine Ausbildung noch das Wissen haben, was Tiere angeht, ist den meisten nicht bewusst.“ Nicht nur einmal habe er in der Vergangenheit gesehen, wie Tiere von der Feuerwehr „zu Tode gerettet wurden“. Dabei müsse das nicht passieren. „Ich glaube, dass viele Bürgermeister gar nicht wissen, was wir hier leisten. Ich hoffe, dass sich der ein oder andere das Ganze doch noch einmal überlegt. Zum Wohl der Tiere.“

Die Tierrettung Unterland

Der Verein
Als erster qualifizierter Tierrettungsdienst in der Region des Heilbronner Unterlandes und der umliegenden Landkreise ist der Verein mittlerweile seit mehr als sechs Jahren für verletzte, erkrankte und in Notlagen befindliche Tiere unterwegs. Die 18 ehrenamtlichen Einsatzkräfte, seit dem 1. Juni durch hauptamtliches Personal ergänzt, stellen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr mit sechs Fahrzeugen die Einsatzbereitschaft in einem rund 4500 Quadratkilometer umfassenden Einsatzgebiet sicher. Neben der Unterstützung von privaten Tierhaltern steht für die Hilfsorganisation vor allem die enge Zusammenarbeit mit den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben im Vordergrund.

Einsatzgebiet
Die 4500 Quadratkilometer gliedern sich in drei Einsatzabteilungen in den Landkreisen Heilbronn, Ludwigsburg und Böblingen sowie die angrenzenden und umliegenden Landkreise Hohenlohe, Rems-Murr, Rhein-Neckar, Neckar-Odenwald, Karlsruhe, Calw und Enzkreis. Insgesamt werden so etwas mehr als zwölf Prozent von Baden-Württemberg abgedeckt.