Dieser Tage so etwas wie die Schutzheilige verzweifelter Eltern: Kultusministerin Susanne Eisenmann. Foto: dpa/Thomas Kienzle

Die Tage können lang werden, wenn man nicht rodeln soll und alle Gesellschaftsspiele durchgearbeitet sind. Letzte Hoffnung: Der Fernseher – und eine Kultusministerin mit eisernem Willen.

Stuttgart - Es war sehr knifflig und es dauerte sehr lange, aber irgendwann gelang es uns mit vereinten Kräften, Matt Kingsleigh des schweren Diebstahls zu überführen. Der Industrielle mit dem Schnauzbart war es, der im Rauchersalon des Schaufelraddampfers River Queen die wertvolle Aktentasche von Mister Nagelsmaker gestohlen hatte. Gelöst war damit „Der Raub auf dem Mississippi“, beendet war das Gesellschaftsspiel – doch das nächste Rätsel stand bereits bevor: Was sollen wir bloß als nächstes tun?

Noch nie sind die Weihnachtsferien länger gewesen als in diesen Corona-Zeiten; noch nie war es schwieriger, einigermaßen sinnvoll die letzten Tage des alten und die ersten Tage des neuen Jahres zu füllen, in denen wir in normalerweise die Oma besucht oder die Kinder zu Freunden geschickt hätten, auf einen Indoor-Spielplatz gegangen oder sogar in den Urlaub gefahren wären. Nichts von alledem ist diesmal möglich – und weil irgendwann auch Kniffel, Halma und Mensch ärgere dich nicht keine Option mehr darstellen, landet man zwangsläufig vor dem Fernseher. Die Lösung aller Probleme ist allerdings auch das nicht. Im Gegenteil.

Was schauen, ohne dass es Knatsch gibt?

Was anschauen, ohne den nächsten Familienkrach heraufzubeschwören? „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ mag für leuchtende Augen bei der Neunjährigen sorgen, ruft aber den lautstarken Protest der Teenager hervor. Die schlüpfrigen Abenteuer von „Bridget Jones“ amüsieren die pubertierende Tochter, lassen aber die Jüngeren eher ratlos zurück. Und „The Big Lebowski“ führt zu Kurzweil bei den Eltern – aber auch zur schwer zu beantwortenden Frage, was so toll daran sein soll, ständig Bowling zu spielen, White Russian zu trinken und mit Hilfe einer Pinzette selbst gedrehte Zigaretten zu rauchen, die nicht allein aus Tabak bestehen.

„Das Traumschiff“, „Die Helene-Fischer-Show“ und die Vierschanzentournee wiederum bieten sich als weitaus unverfänglichere Alternativen an – sind aber auch mit der Garantie verbunden, dass in kürzester Zeit nur noch der Hund auf dem Sofa sitzt.

Der Vierjährige will partout nicht ins Bett

Bleiben die Archive von Netflix und Amazon Prime - zum Scheitern verurteilt sind aber auch dort die verzweifelten elterlichen Versuche, kleine gemeinsame Nenner zu finden. Louis de Funès, Eddie Murphy oder Didi Hallervorden mögen zu unserer Zeit die Könige der Unterhaltung gewesen sein – gegen die Avengers, Captain Marvel oder die Guardians of the Galaxy aber stehen sie auf verlorenem Posten. Weil sich aber der Vierjährige derzeit noch standhafter als sonst weigert, ins Bett zu gehen, sehen wir uns gezwungen, den Superhelden den Zutritt in unser Wohnzimmer zu verweigern.

Im Sinne des allgemeinen Familienfriedens bleibt somit nur die Hoffnung darauf, dass möglichst bald wieder die Kitas und Schulen ihren Türen öffnen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber die Wahrheit ist: Als echte Superheldin kommt derzeit nur eine Betracht: Susanne Eisenmann, die Kultusministerin von der CDU.

Marko Schumacher (49) ist Sportredakteur, Vater von vier Kindern und erinnert sich derzeit nur noch dunkel an sein früheres Vorhaben, den eigenen Nachwuchs vom Fernseher weitgehend fernzuhalten.

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