„Der mit den komischen Haaren“ – Donald Trump. Foto: imago/ZUMA Press/Michael Brochstein

„Der mit den komischen Haaren“ gegen „den mit der Sonnenbrille“: Kinder sehen die Weltpolitik mit ihren ganz eigenen Augen. Das ist immer lustig – und manchmal wirklich aufschlussreich.

Stuttgart - Für Achtjährige kennen sich meine Töchter bemerkenswert gut aus im politischen Weltgeschehen. Sie wissen ziemlich genau, wer Donald Trump ist („der mit der komischen Frisur“) und auch der Name Joe Biden ist ihnen inzwischen geläufig („der mit der Sonnenbrille“). Sie wissen auch, dass „der mit der Sonnenbrille“ versucht, „den mit der komischen Frisur“ aus dem Weißen Haus zu befördern.

Die recht eindimensional auf Machterhalt ausgerichtete Politik eines Donald Trump ist für Zweitklässler erstaunlich schlüssig: Der US-Präsident ist wie das gemeine Kind, das bei einem Spiel immer dann die Regeln ändert, wenn es so aussieht, als könnte es verlieren. Als mich meine Töchter am Mittwochmorgen Unflätigkeiten zischend vor dem Computer vorfanden (wo ich mir für die Wahlberichterstattung die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hatte), ließen sie sich kurz auf Stand bringen und brachten dann ihre eigene politische Analyse ein: „Das ist wie, wenn wir in der Schule ‚Hatse’ spielen und wenn einer Fänger ist, will er dann kein Fänger mehr sein und sagt, wir spielen was anderes.“ Es kommentierten...

Warum hat Angela Merkel „Narben am Mund“?

In der bundesrepublikanischen Politik sind meine Töchter übrigens nicht ganz so bewandert. Außer Angela Merkel kennen sie vermutlich keinen anderen deutschen Politiker. Die Bundeskanzlerin nennen sie respektvoll „die Frau Merkel“.

Bei ihrer Ansprache an die Nation im Corona-Lockdown vom März, fragten sich die Zwillinge besorgt, warum sie „Narben am Mund“ habe – sie bezogen sich auf die chronisch sorgenvoll herabhängenden Merkel’schen Mundwinkel.

„Die wollen alle Bestimmer von Stuttgart werden“

Dieser November bietet aber einen Crashkurs in demokratischer Grundausbildung – schließlich wird in Stuttgart auch noch die Rathausspitze neu gewählt. Als vor ein paar Wochen plötzlich überall Wahlplakate auftauchten, konstatierten meine Töchter fachmännisch: „Die wollen alle Bestimmer von Stuttgart werden.“

Normalerweise wären wir am Sonntag mit ihnen in das örtliche Wahllokal marschiert, um sie am erhabenen Gefühl der demokratischen Willensbildung teilhaben zu lassen. Angesichts der aktuellen Infektionslage haben wir uns dann aber doch für die Option Briefwahl entschieden. Sehr angetan waren unsere Töchter von den Unterlagen – weil: rosa Briefumschläge!

Bei der Frage nach ihrem Favoriten herrscht aber nicht ganz so viel Einigkeit: Zwilling 1 (fünf Minuten älter, drei Zentimeter größer) mag Veronika Kienzle („die lächelt so nett“), die Sympathien von Zwilling 2 liegen bei Marian Schreier („der hat einen Anzug wie der Papa, wenn er zur Arbeit geht“). Für die Zukunft der Stadt bleibt zu hoffen, dass die Kandidaten noch ein paar Kompetenzen mehr zu bieten haben.

Es bleibt also spannend – im Kessel und in Pennsylvania.

Theresa Schäfer (39) ist Mutter von Zwillingen - und Onlineredakteurin im Nebenberuf. Der geballten Power von zwei Achtjährigen steht sie manchmal völlig geplättet gegenüber.

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