Foto: Patrick Seeger/dpa - Patrick Seeger/dpa

Die Quagga-Muschel lebt seit rund drei Jahren in dem Gewässer und gibt Wissenschaftlern noch einige Rätsel auf.

Sipplingen/Langenargen (dpa)Mit einer Taschenlampe machen sich Klaus Wildmann und Luis Ehrle auf den Weg hinunter in die dunkle Kammer der Bodensee-Wasserversorgung. Normalerweise steht hier meterhoch das Wasser, das aus Leitungen in 60 Metern Tiefe aus dem Bodensee hereinströmt. Vom Seeufer bei Sipplingen aus wird es auf einen nahe gelegenen Berg weitergepumpt und dort gereinigt, gefiltert und zu Trinkwasser aufbereitet. Doch heute ist die riesige Kammer leer, nur in kleinen Pfützen steht noch Wasser. Wildmann und Ehrle besichtigen im flackernden Schein der Taschenlampe die Betonwände - um sie später mit Hochdruckreinigern von einem kleinen Eindringling zu befreien, der sich zu Tausenden in der Kammer abgesetzt hat: der Quagga-Muschel.

Das Problem: Die Larven der Muschel können mit dem Seewasser in die Leitungen und technischen Anlagen getragen werden, wie die Sprecherin der Bodensee-Wasserversorgung, Maria Quignon, sagt. Dort setzen sie sich fest, entwickeln sich zu Muscheln und vermehren so ihren Bestand. Ziel sei daher, die Ausbreitung der Muschel ins Trinkwassernetz zu verhindern - zum Beispiel durch den Einsatz von Ozon. «Ozon tötet die Larven der Quagga-Muschel ab, Sandfilter entfernen diese aus dem Wasser.» Dadurch werde die Ausbreitung ins Leitungsnetz verhindert.

Zudem versucht das Unternehmen, die Muschel daran zu hindern, auf den technischen Anlagen zu wachsen. Um diese noch intensiver zu reinigen, seien vier zusätzliche Mitarbeiter eingestellt worden, sagt Quignon. Bislang wurden beispielsweise die Kammern, in denen Wildmann und Ehrle an diesem Tag arbeiten, nur einmal im Jahr gesäubert. Nun sei das alle drei Monate nötig. Außerdem will das Unternehmen seine Aufbereitungsanlagen anpassen und Seeleitungen einsetzen, die ebenfalls gereinigt werden können.

Doch die Maßnahmen haben ihren Preis: «Wir gehen nach dem heutigen, noch sehr frühen Stand der Planung von Investitionen in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrages aus.» Der Verband geht davon aus, dass diese Kosten in späteren Jahren zu einer moderaten Preissteigerung bei den Verbandsmitgliedern führen werden, also bei den Kommunen in Baden-Württemberg, die ihr Wasser vom Zweckverband beziehen. «Über die Verbandsmitglieder wird die Preissteigerung auch die Verbraucher erreichen», sagt Quignon.

Rund 50 Kilometer weiter östlich am Bodensee beschäftigt die kleine gestreifte Muschel auch Thorsten Rennebarth. Der Biologe arbeitet im Institut für Seenforschung in Langenargen und befasst sich unter anderem mit den Auswirkungen, die das Tier auf den Bodensee haben könnte. Denn auch den Forschern gibt die Quagga-Muschel einige Rätsel auf. Die Dreissena bugensis - so ihr wissenschaftlicher Name - kommt ursprünglich aus dem Einzugsgebiet des Schwarzen Meeres. 2016 wurden erste Tiere im Bodensee gefunden. Wie sie in den See gelangt sind, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. «Es gibt verschiedene Möglichkeiten», sagt Rennebarth. «Relativ wahrscheinlich ist eine Einschleppung mit Booten oder Wassersportausrüstung.» Denkbar sei auch, dass die Tiere über Wasservögel vom Rhein eingeschleppt wurden.

Die Frage, welche Auswirkungen das bis zu 40 Millimeter große Tier auf das Ökosystem im Bodensee haben wird, lässt sich derzeit ebenfalls noch nicht genau beantworten. Es liefen noch Untersuchungen dazu, sagt Rennebarth. So befasst sich etwa das Projekt «SeeWandel» genauer mit den Tierchen. «Absehbar ist jedoch, dass die Muscheln in den Massen, in denen sie den Seegrund besiedeln, eine Nahrungskonkurrenz im See darstellen.»

Die Muschel gehört zu den Filtrierern, das heißt, sie filtert ihre Nahrung - vor allem Plankton - aus dem Wasser heraus. Dadurch sei eine Abnahme des Planktons im See zu erwarten, sagt Rennebarth. Die Größenordnung werden erst die Ergebnisse der Forschungsarbeiten zeigen. «Dann kann man auch abschätzen, wie groß die Effekte sind und ob vielleicht auch ein Zusammenhang mit dem Rückgang der Felchenbestände als Planktonfresser deutlich wird.»

Das wiederum würde auch die Berufsfischer am Bodensee betreffen, die ohnehin seit Jahren mit sinkenden Erträgen kämpfen. Einer der Hauptgründe dafür ist aus ihrer Sicht der niedrige Nährstoffgehalt im Wasser. «Das Ökosystem des Bodensees befindet sich in einem Stresstest», sagt die Sprecherin des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands, Anita Koops. «Ich bin überzeugt, dass die extrem niedrige Nährstoffsituation viele unerwünschte Entwicklungen begünstigt.» Das Gleichgewicht sei ins Wanken geraten. «Wie kann es sein, dass Arten, die im See heimisch sind, sich über Tausende von Jahren erhalten konnten, verhungern? Und andere passen sich an und vermehren sich explosionsartig?»

Bereits jetzt mache die Quagga-Muschel den Fischern Arbeit, sagt Koops. Sie siedle sich massenhaft an Reusen, Leinen, Ankern und sogar im Kühlwassersystem von Motoren an. Auch in den Netzen, die auf dem Seegrund ausgelegt werden, blieben viele Muscheln hängen. Und: «Ein einfacher Stein am Seegrund würde sich zum Beispiel nicht in einem Netz verheddern», sagt Koops. «Wenn er jedoch übervoll von Muscheln besiedelt ist, wird er bei Kontakt mit dem Netz an die Oberfläche gezogen. Oft sind es viele Kilogramm Muscheln, die wir aus den Netzen entfernen müssen.»

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