Das Kinderhaus Etzel feiert am Samstag sein 50-jähriges Bestehen und blickt zurück. Stuttgarts erste Hausbesetzung verhinderte einen Hotelkoloss auf dem Gelände. Auch danach ging es oft turbulent zu.
Am Nachmittag des 3. Dezember 1971 steht der Abrisstrupp für das Haus Etzelstraße 27 bereit: Zehn Mann sollen sofort nach dem Auszug der Bewohner Türen und Fenster herausreißen und die Villa unbewohnbar machen. 71 Jahre ist das Haus damals alt, zuletzt lebt die Theaterfamilie Heydenreich darin. Es soll einem gigantischen Hotel weichen, ebenso das bereits im Februar 1971 abgerissene Gebäude Etzelstraße 15.
Mehr als fünfzig Jahre später steht das Haus immer noch. Am Samstag ist das für die bis heute darin ansässige Eltern-Kind-Initiative der Anlass für ein großes Familien- und Stadtteilfest. Das „Etzelfest“ hat ähnlich viel Tradition wie das Kinderhaus selbst, in dem aktuell knapp fünfzig Kinder betreut werden. Heuer fällt das Fest dank Förderung aus dem Bezirksbudget besonders großzügig aus. Zudem hat der Verein die Geschichte des Hauses umfassend in einem am Samstag erscheinenden Heft aufbereitet.
In diesem Haus an der Grenze von Stuttgart-Süd und -Mitte sowie auf der benachbarten, nicht minder grünwilden Etzelfarm wurde über die Jahrzehnte nicht nur antiautoritäre Erziehung erprobt. In dieser Villa Kunterbunt verkehrten auch so unterschiedliche Menschen wie der mutmaßlich an der Schleyer-Entführung beteiligte und 1978 in Düsseldorf erschossene RAF-Terrorist Willy Peter Stoll, der spätere Baubürgermeister Matthias Hahn, der Rapper Max Herre und, als erster Zivi, der spätere Kaufmännische Direktor der Elbphilharmonie, Jack Kurfess. Es darf zudem als gesichert betrachtet werden, dass das Cover der ersten „Kelly Family“-Platte bei deren monatelangem Aufenthalt auf dem Gelände entstanden ist.
Protest gegen den Hotelklotz am Bopser
Die spannendste Geschichte ist aber jene vom 3. Dezember 1971. Die Stimmung in Stuttgart ist damals aufgeheizt. Drei Jahre zuvor hat der Oberbürgermeister Arnulf Klett seine Pläne öffentlich gemacht, unterhalb des Bopsers vom Hotelkonzern IHC ein gewaltiges Interconti-Hotel errichten zu lassen, 14 wuchtige Stockwerke hoch, die Bauzeichnungen wirken gigantomanisch.
Damals regt sich Widerstand: wie zu erwarten von den Stuttgarter Hoteliers, aber auch von Anwohnern, vom Verschönerungsverein, sogar der Steuerzahlerbund protestiert: Das Hotel passe nicht an diesen Ort, Altenheime brauche es dringender, die Verwaltung überlasse dem Hotelkonzern das Gelände viel zu billig. Die Zeitungen füllen sich mit wütenden Briefen. Die Stadt verkauft trotzdem.
„11 000 Kindergartenplätze fehlen“
Als im Februar 1971 die „Aktion Vorschulerziehung“ – ein von Eltern betriebener Kindergarten mit Raumnöten – das zum Abriss vorgesehene Haus Etzelstraße 15 besetzt, eskaliert die Lage. Polizisten umstellen das Haus, die Besetzer hängen Transparente auf: „11 000 Kindergartenplätze fehlen in Stuttgart“.
Sie verknüpfen die Diskussion um das Gelände mit einem weiteren, bereits damals drängenden Problem. Am Ende ziehen die Eltern friedlich ab. Doch als sie noch im Herbst keine neuen Räume von der Stadt angeboten bekommen, drohen sie mit weiteren Aktionen – und schreiben Oberbürgermeister Klett, dass die noch stehende Villa in der Etzelstraße 27 „für den Übergang eine günstige Unterkunft“ sei.
Klett nimmt sich das offenbar zu Herzen, zumal der Gemeinderat die Entscheidung über den Hotelneubau auf Januar 1972 vertagt hat und die „Stuttgarter Nachrichten“ in einem Bericht nicht ganz zufällig auf die Idee der Eltern ebenso hinweisen wie auf die „erheblichen Widerstände“ in der Bevölkerung gegen den Hotelbau.
Theaterfamilie verzögert
Als an jenem 3. Dezember 1971 nach langem Verzögern die Familie Heydenreich mit ihrer Tochter, der heutigen Intendantin des Theaters der Altstadt Susanne Heydenreich, auszieht, wird nicht wie geplant der Strom abgestellt, sondern auch die Türen und Fenster bleiben drin. Rolf Thieringer, Kletts rechte Hand im Rathaus, ruft an: Abbruch stoppen! Denn am Abend spreche der Oberbürgermeister mit dem Hotelkonzern über die Zwischennutzung.
Und tatsächlich: Man einigt sich, die Villa vorerst stehen zu lassen. Klett glaubt, dieses Entgegenkommen der Hotelbetreiber sei „psychologisch bei der weiteren Behandlung des Projekts außerordentlich wirksam“ und schlägt eine gemeinsame Pressemitteilung zur Sache vor. Er erhält spontan die Zustimmung der Manager. Die Villa bleibt stehen, kurz darauf ziehen die Eltern samt Nachwuchs ein. „Statt Baggern jetzt Kinder“, titeln die „Stuttgarter Nachrichten“.
Dass das Haus heute noch steht, ist Kletts Fehleinschätzung zu verdanken. Die öffentliche Meinung dreht sich nicht wie erhofft. Stattdessen lehnt der Gemeinderat im Januar 1972 die Änderung des Bebauungsplans ab. Der Hotelneubau ist damit gescheitert, die Eltern und ihre Kinder bleiben in der Etzelstraße; Erzieherinnen sind damals noch keine im Haus. Anfangs sind es ausschließlich „progressiv-intellektuelle Eltern“, heißt es später in einer Aktennotiz. Erst in den Jahren darauf kommen „Eltern mit völlig unterschiedlichem Bewusstsein, Beruf und Bildung“ dazu.
Rockerclub und grüne Ursuppe
Die Zwischennutzung entwickelt sich zur Dauerlösung. Zumal der 1974 gegründete Verein nicht nur umtriebig ist, sondern beste Kontakte in die Politik und die Medien hat. So erwirkt er eine Renovierung des Hauses und schafft es trotzdem, in Selbstverwaltung zu bleiben – ein Sieg über den städtischen Jugendhausverein. Ein Rockerclub findet Platz auf dem Gelände, gegen Wohnhäuser mobilisiert der Verein dagegen erfolgreich. 2001 endet mangels Erziehern der Jugendhausbetrieb, seither geht es nicht mehr ganz so aufregend zu.
Die Geschichte des Kinderhauses Etzel erzählt auch von jener urbanen Ursuppe, aus der die Grünen hervorgegangen sind. Von neuen Erziehungsmethoden und ihrem Weg in den Mainstream – und von einer Einrichtung in traumhafter Lage mit langer Warteliste und hohen Anforderungen ans elterliche Ehrenamt. Im Kinderhaus ist man sich bewusst, dass die Etzelstraße deshalb nicht allen gleichermaßen offensteht. Außer wenn mal wieder Etzelfest ist.
Die Tochter unseres Redakteurs besucht das Kinderhaus. Er hat mit Gernot Schmitt die Geschichte der Einrichtung recherchiert. Das 68-seitige Heft erscheint zum Etzelfest am Samstag (14 bis 22 Uhr, Etzelstraße 15-27, Stuttgart). Programm und Bestellungen unter kinderhaus-etzel.de.