Nur wenige Wochen konnten die Sportvereine in die Schulsporthallen. Jetzt ist wie jedes Jahr Sommerpause – das sorgt im Coronasommer für besonderen Ärger.
Stuttgart - Die Mutter zweier Töchter braucht nicht lange, um sich in Rage zu reden. Ihre Mädchen – 14 und 10 Jahre alt – trainieren seit Jahren in der Sportvereinigung Feuerbach am Rhönrad. Trainierten muss man sagen. Im Oktober fand das letzte Training statt. Weil das Turnen mit dem Rad nicht zu den kontaktarmen Sportarten gehört, hätten die Kinder vor den Sommerferien überhaupt nur zweimal trainieren können. Das hätte sich nicht gelohnt. Die jüngere Tochter hat deshalb inzwischen begonnen, Volleyball zu spielen. „Ich würde mir von der Stadt mehr Flexibilität wünschen“, sagt die Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.
Das Problem: Ein Großteil des Vereinssports findet in den gut 136 Schulsporthallen statt. Und die, das ist die eherne Regel, sind in den ersten Wochen der Sommerferien geschlossen. Der Grund, so die Stadt: Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten, Sanierungen und Reinigungen. Auch seien die Hallen vieler Schulen in den Ferien mit Betreuungsangeboten belegt. 24 der 136 Sporthallen stehen dann in der zweiten Ferienhälfte zur Verfügung. Die acht stadteigenen Hallen, die nicht unter die Verantwortung des Schulverwaltungsamts, sondern des Sportamts fallen, sind hingegen durchgängig geöffnet.
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Schließung ist seit Langem Thema
Dem Leiter der Volleyball-Abteilung beim TV Cannstatt, Günther Schelling, ist das seit Langem ein Dorn im Auge. Doch vor allem im Coronajahr, in dem viele Sportler lange verzichten mussten, fände er es wichtig, dass im Sommer Sport getrieben werden kann. Er hat deshalb beim Festakt zum 175-jährigen Bestehen seines Vereins Mitte Juli die Chance genutzt, um sich direkt an Oberbürgermeister Frank Nopper zu wenden. Der Volleyballer übergab dem OB kurzerhand die von der Stadt für solche Zwecke vorgesehene „Gelbe Karte“ für Anregungen. Schelling hatte bei der Stadt angefragt, eine Halle im Freiberg für das Training in den gesamten Ferien nutzen zu können – bislang ohne Erfolg. Doch es geht ihm nicht nur um seinen Verein. Würde die Ferienschließung wegfallen, würden alle profitieren, sagt er.
OB Nopper bekam eine “Gelbe Karte“
Denn selbst große Vereine wie der MTV Stuttgart sind auf die Schulhallen angewiesen. „Wir beantragen schon seit vielen Jahren Hallenzeiten in den zur Verfügung stehenden Hallen, da unsere eigenen Sportstätten in den Sommerferien nicht ausreichen, alle Abteilungen und Sportgruppen mit Zeiten zu bedienen“, sagt Geschäftsführerin Birgit Janik. Die Nachfrage, stellt auch sie fest, ist nach dem Lockdown groß. „Der MTV Stuttgart würde sich wünschen, dass einige Hallen zusätzlich buchbar wären“, sagt sie und macht gleich einen Vorschlag: „Da wir in den Ferien die Hallen mit Schlüsselverantwortung übertragen bekommen, können wir uns auch vorstellen, die Reinigung der Sportstätten zu übernehmen.“ Bei einem früheren Gespräch mit dem Schulverwaltungsamt sei berichtet worden, dass im Haushalt die extra Reinigungskosten für Ferienzeiten nicht eingeplant seien.
Im Gemeinderat stoßen die Vereine auf Verständnis: Die Freien Wähler forderten jüngst die Öffnung von Hallen am Wochenende, SÖS und Linke haben vor Jahren einen ähnlichen Antrag gestellt. CDU-Stadtrat Markus Reiners sagt: „Wir müssen die Kapazitäten zugänglich machen.“ Gerade in Coronazeiten gebe es einen besonderen Bedarf. SPD-Stadtrat Stefan Conzelmann hält die Ferienschließung für aus der Zeit gefallen. „Das muss man strukturell angehen.“ Ähnlich sieht es Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne). Allerdings müsse man das Personalproblem im Blick haben. Denn auch die Hausmeister müssen mal in den Urlaub.
Hausmeister sehen kein Problem
Ein Argument, das auch Volleyball-Trainer Schelling häufig hört. Er hat deshalb bei fünf Hausmeistern nachgefragt. Das Fazit – die Reinigung der Hallen nimmt nur wenige Tage in Anspruch. Die übrige Zeit stehen die Hallen leer. Bei langfristiger Planung sieht kein Hausmeister ein Problem. Doch für diese Sommerferien kommt das wohl zu spät.
Bei den städtischen Bädern ging die Stadt anders vor: Unter anderem um Schwimmkurse nachzuholen, werden die Lehrschwimmbäder während der Sommerferien 2021 geöffnet. Außerdem konnten die Vereine in vier Hallenbädern im Sommer Trainingszeiten anmelden.
Die Mutter der beiden Rhönradturnerinnen wünscht sich das auch für die Hallen. Gerade im Coronasommer müsse man den Kindern eine Perspektive bieten. Schließlich könnten auch nicht alle in den Urlaub fahren. Und wer wisse schon, ob die Inzidenzen im Herbst Hallensport noch zuließen. „Die Stadt preist sich als kinderfreundliche Stadt“, sagt sie. „Da muss ich sagen: Nein.“
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