Die Teilnehmer des Kurses „Standhaft und sicher“ beim Turnerbund Cannstatt. Foto: Eisenmann - Eisenmann

Es liegt nicht einmal ein halbes Jahrhundert zurück, da gingen Wissenschaftler noch davon aus, biologische Alterungsprozesse und individuell erreichbares Lebensalter seien in erster Linie genetisch festgelegt. Die Frage, ob man in der zweiten Lebenshälfte rüstig und geistig rege bleibt, sei demnach nur wenig zu beeinflussen. Von dieser Ansicht ist man längst abgerückt. So haben Studien gezeigt, dass es durchaus eine Rolle spielt, wie man sich ernährt, welches gesellschaft- liche Umfeld man hat und ob man sich sportlich betätigt – so wie die Teilnehmer des Kurses „Standhaft und sicher“ beim Turnerbund Cannstatt (TBC).

Um Rekorde geht es hier nicht. Höher, schneller, weiter – all das sind keine Kategorien, die im Saal des TBC-Gesundheitszentrums im Emil-Kiemlen-Weg an diesem Morgen eine Rolle spielen. Auf Wollsocken betreten die Teilnehmer den Raum, auf dessen Boden Balance-Pads verteilt liegen, ein Parcours aus länglichen Rollen ist aufgebaut. Birgit Wiede-Renz drückt die Taste der Anlage, Instrumental-Musik ist im Hintergrund zu hören. „Geht durch den Raum, lasst die Arme locker hängen, nehmt die Schulterblätter herunter, schaut nach vorne und rollt den ganzen Fuß ab“, leitet die Übungsleiterin die kleine Gruppe an, die eines verbindet: Alle haben sie ihr 60. Lebenjahr bereits hinter sich gelassen. 79 Jahre zählt die älteste Teilnehmerin, die an diesem Tag den Kurs „Standhaft und sicher“ besucht. Wenn man die Anwesenden fragt, warum sie sich genau für dieses Angebot entschieden haben, führt jeder einen anderen Grund an. Nach einer länger zurückliegenden Bandscheiben-OP leide er unter einer zunehmenden Steifigkeit, berichtet ein 66-Jähriger, der noch im Berufsleben steht. „Ich brauche den Sport.“ Auch seine zwei Jahre jüngere Gattin besucht seit einem halben Jahr den Kurs und ist zudem noch Teil einer Pilates-Gruppe. Operationen an Hüfte und Knien habe sie hinter sich, Augenprobleme machen ihr zu schaffen. Seit sie Sport treibe, sei es mit dem Gleichgewicht aber wieder etwas besser geworden, zeigt sich die 64-Jährige überzeugt.

„Setzt die Verse vor die Zehen, aber schaut dabei nicht runter“, sagt Birgit Wiede-Renz. „Und bitte vergesst nicht zu atmen.“ Diese Übung, die den Gleichgewichtssinn fordert, fällt nicht allen auf Anhieb leicht. „Schau mich an“, fordert die ausgebildete Pilates-Trainerin eine Teilnehmerin auf und nimmt diese an beiden Händen. Oft spiele der Kopf eine entscheidende Rolle, wird sie später im Gespräch betonen. „Wenn eine Person beispielsweise einmal gestürzt ist, wird sie oft durch die Angst blockiert, dass es wieder passieren könnte.“ Auch diese „inneren Hürden“ gilt es, in dem Kurs zu beseitigen – und nicht nur durch gezielte Kraft- und Gleichgewichtsübungen die Standfestigkeit zu trainieren. „Das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist ist wichtig.“ Es geht um den Erhalt der Mobilität, der Selbstständigkeit. Den Alltag selbst zu regeln, allein zum Bäcker zu gehen.

Mit 70 Jahren, erzählt eine andere Teilnehmerin, sei es bei ihr „abwärts“ gegangen. „Davor war ich immer sehr aktiv und oft mit dem Deutschen Alpenverein unterwegs.“ Jetzt bestimmen Gleichgewichtsstörungen ihren Alltag, den sie nicht selten mit einem Stock meistern muss. Vor drei Jahren habe sie deshalb mit Pilates begonnen. „Ich hoffe, es wird nochmals besser.“ Die Zweifel in ihrer Stimme sind allerdings unüberhörbar. Birgit Wiede-Renz überrascht dies nicht. „Je älter man wird, desto mehr Ängste entwickeln sich“, hat sie festgestellt. Und trotzdem tut Bewegung Not. Vor allem im Alter. So schwinden die Knochendichte und die Muskeln. Im Vergleich zu einem 30-Jährigen hat die Muskelmasse bei einem 70-Jährigen um schon 20 Prozent abgenommen. Der gleiche Wert gilt für die Gehirndurchblutung. Die Augen werden schlechter, bei Dämmerung erkennt man weniger. Und weil sich viele im Alter nicht mehr viel bewegen, nimmt die Leistungs- und Reaktionsfähigkeit ab. Das Sturzrisiko steigt. Idealerweise, sagt Wiede-Renz, sollten all jene, die bislang wenig oder gar keinen Sport gemacht hätten, mit 45 Jahren damit anfangen. „Ideal wäre zudem, drei Mal in der Woche Sport zu treiben. Aber ich bin froh über jeden, der zumindest ein Mal in der Woche zum Sport kommt und der auch noch in späteren Jahren damit anfängt.“

Ein Leben ohne Bewegung? Für eine 66-jährige Kursteilnehmerin ist dies unvorstellbar. „Einfach, weil ich mein ganzes Leben lang immer viel Sport gemacht habe.“ Zusätzliche Motivation geben ihr die Enkel im Kleinkinderalter. „Ich möchte mit diesen alles erleben und nicht eine Oma sein, die sie aus der Ferne beobachtet.“ Dennoch spüre auch sie das Alter. Kniebeschwerden und Ohnmachtsanfälle habe sie schon erlebt, berichtet sie. Zwei Mal in der Woche besucht sie Gymnastikkurse und geht eine halbe Stunde Schwimmen.

Kursleiterin Birgit Wiede-Renz benutzt für ihre anspruchsvollen Übungen an diesem Morgen mehrere Hilfsmittel. Über weiche Balance-Pads müssen die Teilnehmer mit geschlossenen Augen vorwärts und rückwärts balancieren, Hüftspreizer, Bein-, Bauch und Rückenmuskulatur werden im Stehen und auf der Matte mit Hilfe von langen Rollen trainiert, am Ende werden noch Dehnübungen gemacht. Dann zeigt der Zeiger der großen Wanduhr 11 Uhr. Die Stunde ist um – für dieses Mal. In einer Woche werden sich die Teilnehmer wieder in dem lichtdurchfluteten Saal des TBC treffen, an ihrem Körperbewusstsein arbeiten und sich ein Stückchen „fitter“ für den Alltag machen.

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