Liebe in schwerer Zeit: Rachel (Keira Knightley) fühlt sich unweigerlich zu Stefan (Alexander Skarsgård) hingezogen. Foto: Fox - Fox

In seinem Roman „Niemandsland“ erzählt der Autor Rhidian Brook von Feind- und Freundschaften, Vorurteilen, verschütteten Lieben und aufblühender Hoffnung in der Stunde Null. Regisseur James Kent hat die Geschichte unter dem Titel „Niemandsland – The Aftermath“ neu verfilmt.

EsslingenAls die Britin Rachel Morgan (Keira Knightley) im Hungerwinter 1946 ins zerbombte Hamburg kommt, bietet sich der Frau eines englischen Colonels ein Bild des Schreckens und der Zerstörung: Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Stadt völlig am Boden, hungrige Menschen irren umher, Trümmerkinder betteln die Besatzer an. Der Titel von James Kents neuem Kinodrama beschreibt das Szenario treffen: „Niemandsland – The Aftermath“. Vorlage ist der Roman „Niemandsland“ des Autors Rhidian Brook. Inspiriert von Erlebnissen seines Großvaters, erzählt der Waliser über Feind- und Freundschaften, Vorurteile, verschüttete Lieben und aufblühende Hoffnung in der Stunde Null. Auf fast 400 Seiten vermittelt der Autor ein berührendes Stück Nachkriegsgeschichte.

Rachels Leben an der Seite ihres Mann Lewis (Jason Clarke), der als Besatzungsoffizier den Wiederaufbau und die Entnazifizierung mit überwacht, spielt in einem herrschaftlichen Haus am Ufer der Elbe. Das hat die britische Regierung vom deutschen Eigentümer Stefan Lubert (Alexander Skarsgård) konfisziert. Rachel ist anfangs entsetzt, als ihr Mann dem verwitweten Architekten und dessen Tochter anbietet, weiter in der Villa zu wohnen. Die Deutschen auf dem Dachboden, die Briten in den vornehmen Räumen. Man ahnt es sofort: Das Nachkriegsdrama wird zum Melodrama, aus Feindseligkeit wird Leidenschaft, vermischt mit Trauer, Betrug und Vergangenheitsbewältigung.

Rhidian Brook wirkte am Drehbuch mit, doch die Inszenierung des britischen TV-Regisseurs James Kent verliert sich in Klischees. Der eigentlich packende Stoff wird zur vorhersehbaren Lovestory. Keira Knightley wirkt meist gequält, als hätte sie von Historienstoffen genug. In Rückblenden erfährt das Publikum, dass der junge Sohn der Militärsgattin beim deutschen Luftangriff in England ums Leben gekommen ist. Die Ehe mit Lewis ist angeschlagen. Jason Clarke nimmt man die Rolle des britischen Offiziers, der seine Gefühle vergräbt, ab. Auch der Schwede Alexander Skarsgård bemüht sich redlich in seiner Rolle als vornehmer Architekt Lubert, der nun als Metallarbeiter schuftet, seiner beim Bombenangriff getöteten Frau nachtrauert und mit der rebellischen Tochter Probleme hat. Doch viel mehr erfährt man nicht über den Witwer, in den sich Rachel Hals über Kopf verliebt. Das knisternde Liebesspiel unter demselben Dach bleibt ohne Tiefgang. Die Chemie zwischen den beiden kommt nie richtig in Fahrt.

Auch ein Nebenplot mit Luberts Tochter und einem jungen Deutschen, der als nazitreuer Kämpfer im Untergrund agiert, ist wenig überzeugend. Das liegt nicht etwa an den Nachwuchsschauspielern Jannik Schümann und Flora Li Thiemann. Beide behaupten sich neben den internationalen Stars. Schuld ist die flache Inszenierung ohne emotionale Tiefe und wirkliche Spannungsmomente. Auch die opulenten Bilder von Kameramann Franz Lustig und eine tolle Ausstattung können die Defizite nicht wettmachen. Befremdlich ist außerdem, dass in der deutschen Filmfassung die britischen Charaktere deutsch synchronisiert sind. Rachel parliert also mit Lubert und dessen Haushälterin ganz perfekt in deren Muttersprache. In der englischen Original-Fassung versteht die Britin dagegen kaum ein Wort Deutsch, wie es dem Drehbuch entspricht.

Das zerbombte Hamburg im Jahr 1946 bildet die Kulisse für James Kents Nachkriegsmelodram „Niemandsland – The Aftermath“. Nach einer Romanvorlage mit wahrem Hintergrund geht es um Feindbilder, Trauer und Leidenschaft. Doch der Film bleibt vieles schuldig.

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