Das neue Fellbacher Stadtmuseum mit Mörike-Kabinett hat sich in den fünf Jahren seines Bestehens zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Foto: Hauptmann Quelle: Unbekannt

Fellbach (red) - Im Oktober 2011 wurde das umgebaute, neu gestaltete und neu konzipierte Fellbacher Stadtmuseum eröffnet. 55 000 Besucher wurden seither gezählt.

Seit 1977 war in der Hinteren Straße 26, einem der schönsten historischen Fachwerkhäuser Fellbachs, das Heimatmuseum untergebracht. Um die Jahrtausendwende war es jedoch deutlich in die Jahre gekommen und hatte Patina angesetzt. Die Vorstellungen davon, welche Geschichte gezeigt, welche Geschichten erzählt werden sollten und mit welchen Mitteln Geschichte vermittelt werden sollte, hatten sich entscheidend gewandelt. Anschaulichkeit, Erfahrungsdichte, Erleben von Geschichte waren die Stichworte für ein verändertes und erhöhtes Anforderungsprofil an ein Stadtmuseum. Die Zeit für einen Neuanfang war gekommen.

Der Prozess von den ersten Überlegungen bis zum fertigen Ergebnis war vielschichtig. Der Museumstandort selbst war unumstritten: Der Platz vor dem Haus hatte seine Eignung als Open-Air-Feierplatz bewiesen, im Inneren des Gebäudes mussten jedoch Entscheidungen fallen. Ziel war es, die baulichen Eingriffe der 1970er-Jahre zu revidieren und das Haus großzügiger zu gestalten. Historisch Erhaltenswertes gab es wenig, lediglich einige Fragmente wie die Haustür oder die Treppe blieben in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt erhalten.

Chance für

Neukonzeption

Gerade der Umstand, dass die historische Substanz im Gebäude nicht ausgeprägt war, eröffnete für die Neukonzeption Spielräume. Aus einem Wettbewerb ging der Entwurf der Architektin Isolde Oesterlein als Sieger hervor. Überzeugt hatte die Jury vor allem die Gegenüberstellung und Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart, die Oesterleins Konzept zugrunde lag. Das sogenannte „Haus im Haus“ bildet eine separate Zone im Innern des Gebäudes, die durch Bodenbelag, Farbgebung und Lichtführung von dem dunkler gestalteten historischen Bereich unterschieden ist. Der Besucher kommt aus dem Heute und tritt als Flaneur in die Vergangenheit ein. Dort gewinnt er Eindrücke und Erkenntnisse, die ihn mit anderen Augen auf seine Gegenwart blicken lassen. Es wird sinnlich erfahrbar, was es bedeutet, aus der Geschichte zu lernen. Ein vertikaler Durchblick vom Erdgeschoss bis hinauf in den Dachstuhl unterstreicht dies.

Mit ihrem Gestaltungskonzept antwortete die Architektin auf die inhaltliche Vorgabe des Kulturamts, wonach Fellbach inklusive Schmiden und Oeffingen gekennzeichnet ist von der Durchdringung traditioneller Strukturen und Werte sowie von geschaffener und gelebter Urbanität. In Fellbach gehen dörfliche Überlieferung und urbane Lebensqualität eine reizvolle Symbiose ein.

Auf Grundlage der Gesamtkonzeption von Kulturamtsleiterin Christa Linsenmaier-Wolf entwickelte ein kleines Team, dem Heribert Sautter, Ralf Beckmann und Gabriele Katz angehörten, in engem Zusammenspiel mit den Architekten, dem Gestalter Michael Kimmerle und den Mediengestaltern 2 av aus Ulm, die Inhalte der Dauerausstellung. Statt chronologischer Reihung wurden thematische und exemplarische Schwerpunkte gesetzt, etwa zum frommen Dorf, der Entwicklung zur Stadt oder zu den Frauenleben der Pietistin Marie Frech und der Fotografin Hansel Mieth. Ein intensiver Raum ist den Opfern der NS-Zeit in Fellbach gewidmet.

Literarische Gedenkstätte

Im Erdgeschoss wurde das Mörike-Kabinett mit Frauengalerie und Raum für die Preisträger des Fellbacher Mörike-Preises eingefügt. Vom Literaturarchiv Marbach mit kostbaren Leihgaben unterstützt, wurde Fellbach damit offiziell zu einer „Literarischen Gedenkstätte“ des Landes. Rote Fäden, die durch das gesamte Haus laufen, sind die Themen Frauengeschichte, Geschichte der Fotografie und Frömmigkeit. Dem Anliegen, das Haus als beliebten Treffpunkt zu etablieren, dienen auch die Wechselausstellungen, die von Museumsleiterin Ursula Teutrine und Amtsleiterin Linsenmaier-Wolf seit 2012 gemeinsam entwickelt wurden.

Die Ausstrahlung der Dauerausstellung, die Einbindung der Sonderausstellungen ins Kulturprogramm der Stadt, Kooperationen mit zahlreichen Partnern und die konsequente museumspädagogische Arbeit führten das neue Stadtmuseum zu einer wirklichen Blüte. Eine Bestätigung war 2014 die Nominierung des Stadtmuseums Fellbach für den Europäischen Museumspreis, der wichtigsten Auszeichnung in der europäischen Museumslandschaft. Auch die Besucherzahlen lassen nichts zu wünschen übrig. Nach fünf Jahren sind rund 55 000 Besucher erreicht, darunter zahlreiche junge Menschen, Schülerinnen und Schüler.

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