Der Journalist Florian Zinnecker hat ein Buch über den und mit dem Pianisten Igor Levit geschrieben. „Hauskonzert“ behauptet kess, dass der Künstler und der Twitter-Aktivist sehr wohl zusammenpassen.
Stuttgart - Eine Biografie? Nein, das ist dieses Buch nicht. Der „Zeit“-Redakteur Florian Zinnecker will nicht erzählen, wie Igor Levit wurde, was er ist. Er umkreist vielmehr das Phänomen Levit, und das Ergebnis liest sich etwa so, wie der Pianist selbst sein Spiel beschreibt: „Ich spiele intuitiv, verändere die ganze Zeit die Routen und versuche dabei ehrlich, durchlässig und authentisch zu bleiben.“ Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Insgesamt kommt Igor Levit, auch wenn das Cover ihn als Autor nennt, nicht übermäßig oft selbst zu Wort – auf den 300 luftigen Seiten regiert der Blick von außen.
Der bohrt sich allerdings tief in den Mann hinein, der eine lange vernachlässigte Frage neu aufgeworfen und mit seiner Antwort auf sie mächtig polarisiert hat. Darf, nein, muss ein Künstler sich politisch positionieren? Oder, präziser auf Igor Levit zugespitzt: Wie passt der inzwischen weltberühmte Pianist, der sich auf der Bühne in die Klangwelten vor allem von lange schon verstorbenen Komponisten vertieft, zu einem 34-Jährigen, der in seiner virtuellen Heimat, der Plattform Twitter, so ziemlich alles kommentiert, was ihn gerade ärgert, freut, anregt oder wütend macht, von großer Weltpolitik über antisemitische Anfeindungen bis hin zur To-Go-Tasse? „Wäre es“, so Florian Zinnecker selbst, „nicht an der Zeit zu erzählen, wie beides zusammenhängt, warum Igor Levit so klingt, wie er klingt?“
Kunst ist für Igor Levit keine weltferne Fluchtburg
Das ist das erklärte Ziel des mit spürbarer Begeisterung für sein lebendes Objekt verfassten Buches, das, weil es in livekulturlosen Corona-Zeiten endet, den Titel jener Aufführungen trägt, die der Pianist 2020 spontan zwei Monate lang täglich um 19 Uhr aus seinem Wohnzimmer in die ganze Welt streamte. Das erste von Levits spontan gestreamten „Hauskonzerten“ haben mehr als 300 000 Menschen gehört. Obwohl die Darbietung nur mit zwei Handys aufgenommen wurde und ziemlich mies klingt, reagieren die Zuschauer begeistert. Und unermüdlich macht Levit weiter. Positioniert sich am Klavier, indem er die Musik durch sich hindurchgehen lässt; positioniert sich politisch, weil die Kunst für ihn keine Fluchtburg ist: So könnte es sein, wenn wirklich alle Menschen Brüder wären.
Warum er das tut? Antworten geben eingestreute biografische Schnipsel: die Auswanderung der Eltern, Interviews mit Levits Mutter Elena, die den Sohn auch als Lehrerin lange begleitete, dazu ausführliche eigene Statements des Pianisten. Levit, lernt man, will nicht alleine sein; es geht ihm, dem einsam übenden Künstler, immer um Resonanz, um das Teilen von Musik mit dem Publikum. Ebenso süffisant wie treffend beschreibt Zinnecker Levits „Strategie der maximalen Konzentration – nur eben auf viele Dinge gleichzeitig“. Das Gefühl, der Schmerz dahinter: sich als russischstämmiger Jude in Deutschland immer wieder und wieder beweisen zu müssen. „Ich will sein dürfen“: So formuliert es Levit selbst, umgetrieben von der Bemerkung eines Zufallsbekannten, der ihn ermahnt hatte, nie zu vergessen, dass er zu einer Bevölkerungsgruppe gehöre, „die zwar hier lebt, die hier zu leben aber nicht vorgesehen war“.
Levit ist voller Selbstzweifel – nur den Pianisten in sich stellt er nie (mehr) infrage
Levit – mindestens fünf Mal liest man das hier – will „gesehen werden“. Das „Nicht-Sein-Dürfen“, sagt er, sei „der wesentliche psychisch wunde Punkt in meinem Leben.“ Er zweifelt an allem an und in sich, ständig. Nur den Pianisten stellt er nie infrage. Deutlich wird allerdings, dass vor diesem Selbstbewusstsein ein langer Weg voller Kurven und Rückschläge lag. „Immer wieder“, so Zinnecker über Levit, „hört er, er könne ja gut Klavier spielen, aber leider sei er ein langweiliger, komischer, unverkäuflicher Nerd.“ Levit besaß aber Talent, Glück, Fleiß sowie prägende Lehrer und Wegbegleiter. Hans Leygraf in Salzburg oder Matti Raekallio, Bernd Goetzke und Lajos Rovatkay in Hannover zählten ebenso dazu wie der legendäre, strenge Karl-Heinz Kämmerling, der mit Levit unerbittlich immer wieder dieselben Stellen von Beethovens Sonate op. 2 Nr. 2 durchging und den jungen Hochbegabten mit dem Satz abkanzelte „Aus Ihnen wird ja doch nur ein Dirigent“. Ähnlich frustriert war der 17-Jährige, als ihm der große Grigory Sokolov nach einem aus seiner Sicht viel zu undifferenzierten Vorspiel nahelegte, doch lieber ein anderes Instrument zu lernen – „wie wäre es mit Flöte?“
Das Buch ist spannend, es ist klug geschrieben. Plattitüden gibt es aber auch. „Igor lässt die Musik frei“; Levit sei „ein Pianist von dem sich alle gemeint fühlen werden“; „Jeder Ton kommt direkt aus der Ewigkeit“: Diese Sätze sind eher Nebel- als Leuchtbomben, und Zweifel sind sicher auch bei der Behauptung erlaubt, Levit habe mit seiner Art der Interpretation etwas für den Klassikbetrieb „völlig Neues“ geleistet. Im Gegenzug entdeckt man in „Hauskonzert“ dafür Igor Levits Leidenschaft für Eminem, Busoni und Thelonious Monk, und man stößt auf Sätze, die wie Schlüssel wirken. Levit, schreibt Zinnecker, sei „nur aus der unmittelbaren Gegenwart heraus zu verstehen“. „Ich will immer mehr! Mehr leben, sehen, erleben, tun, lernen“, zitiert er den Pianisten – und weiter: „Mich interessiert allein, wie ich es hinkriege, nach mir selbst zu klingen.“ Da, endlich, haben wir sie, die Antwort auf die Eingangsfrage: Deshalb klingt Igor Levit so, wie er klingt.
Ob er im Rückblick ein „Jahrhundertpianist“ gewesen sein wird? Das vielleicht nicht. Aber es könnte sein, dass man ihn im Rückblick als einen Pianisten sehen wird, der typisch für unser Jahrhundert war. Das schon länger im Umbruch befindliche Bild des Künstlers definiert Levit jedenfalls so: „Ich stehe“, so Levit über Levit, „für Neugierde. Für Offenheit. Für Veränderung. Wer sich nicht verändert, stirbt.“
Igor Levit/Florian Zinnecker: Hauskonzert. Hanser-Verlag München, 304 Seiten, 24 Euro.
Aus Russland über Hannover auf die Bühnen der Welt
Leben
Igor Levit, geboren 1987 in Gorki (Sowjetunion), siedelte mit seiner Familie 1995 nach Hannover über. Schon neben dem Gymnasiumsbesuch studierte er Klavier am Mozarteum Salzburg und an der Musikhochschule Hannover. Dort ist der mittlerweile international tätige Pianist seit 2019 Professor. Für seine „Hauskonzerte“ während der Corona-Pandemie erhielt Levit das Bundesverdienstkreuz.
CDs
Große Beachtung erregte im Beethoven-Jahr 2020 die Gesamtaufnahme sämtlicher 32 Beethoven-Sonaten. Seine jüngste Neuerscheinung „Encounter“ enthält neben Bearbeitungen Bachs und Brahms’ Morton Feldmans „Palais de Mari“ (alles bei Sony).
Debatte
Nach einem Artikel von Helmut Mauró („Igor Levit ist müde“), der Levit in der „Süddeutschen Zeitung“ vorwarf, bei seinen Twitter-Attacken gegen Antisemitismus eine „Opferanspruchsideologie“ zu vertreten, entspann sich im Oktober ein medialer Streit über die Selbstvermarktung von Künstlern und über verdeckte judenfeindliche Angriffe.