Damit Igel Winterspeck zulegen, Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Viele Igel benötigen Hilfe. Vor allem Jungtiere haben wegen der Trockenheit und des Insektensterbens zu wenig Speck auf den Rippen, um den Winter zu überleben. Sie müssen aufgepäppelt werden.

Untertürkheim - Sie gehören zu den ältesten heimischen Säugetieren, sind Einzelgänger, nachtaktiv. Sie sind selten geworden und gelten als niedlich: Igel. Mit ihrem Stachelpelz, der Stupsnase und den dunklen Knopfaugen gewinnen sie fast jedes Menschenherz im Nu. Erst recht, wenn sie noch jung sind und im November nach Fressen suchend um die Häuser ziehen. Die Stacheltiere müssen sich genügend Speck anfuttern, bevor sie in den Winterschlaf fallen. Ansonsten überleben sie die kalte Jahreszeit nicht. „Gerade in den vergangenen Tagen haben sich viele besorgte Bürgerinnen und Bürger gemeldet, die einen kleinen Igel in ihrem Garten gefunden haben“, sagt Anette Lampart. Die Esslingerin ist Igelberaterin der Igelhilfe Stuttgart. Sie gibt den Anrufern Pflegetipps und nimmt schwache oder verletzte Igel auf. Zurzeit ist sie Krankenschwester für ein Dutzend Igel, die bei ihr ein Überwinterungsquartier erhalten haben – ein Igelhotel mit Vollpension. Mit viel Geduld und Erfahrung päppelt sie die zu dünnen Tiere auf und gibt ihnen Wärme. „Während die Erwachsenen sich im Oktober/November in ihr Winterquartier verziehen und Winterschlaf halten, sind die Jungtiere noch bis Anfang Dezember unterwegs“, sagt Lampart. Sie sind ihre Sorgenkinder. Wegen des Insektensterbens finden sie zu wenig Futter, um im Winter über die Runden zu kommen.

Doch wie erkennen Normalbürger, ob der tierische Gartenbesucher in Not ist? Wenn ein zusammengerollter Igel dick und rund wie ein Apfel ist, ist er gut genährt. Er kommt ohne Hilfe durch den Winter. Ist sein Oberkörper jedoch breit und das Hinterteil schmal, sein Erscheinungsbild ähnelt eher einer Birne, ist er untergewichtig. Als Faustregel gilt: Jungtiere sollten mindestens 600 Gramm, ausgewachsene fast ein Kilogramm auf die Waage bringen. „Wer einen Igel im Freien findet, sollte aber zunächst die Körpertemperatur des Tieres prüfen. Wenn es sich kälter anfühlt als die eigene Hand, ist dies ein Anzeichen, dass er unterkühlt ist und aufgewärmt werden sollte“, sagt die Igelexpertin. Igel benötigen eine Körpertemperatur von 36,0 Grad Celsius. „Man kann die Körpertemperatur mit einem Thermometer im After des Tieres messen.“ Liegt diese unter 36 Grad, benötigt er ein warmes Nest. Die Igel sind genügsam. Ihnen reicht eine mit warmen Wasser gefüllte Wärmflasche, die mit einem Handtuch umwickelt wird. Auf dieses Paket setzt man den Igel und deckt ihn Tuch zu. Das Wasser sollte immer wieder erneuert werden. Sobald der Unterkühlte Normaltemperatur erreicht haben, kann man ihm vorsichtig etwas zu fressen geben.

Als Erste Hilfe für die stachligen Schwächlinge kann man ihnen etwas warmen Kaffee mit Honig oder Zucker einflößen. „Das Koffein und die Glukose stimulieren den Kreislauf und regen den Appetit an“, erzählt Lampart. Igel sind Insektenfresser. Sie können Obst oder pflanzliche Nahrung nicht verwerten. „Auch Kuhmilch ist für die Tiere tödlich. Sie sind laktoseintolerant.“ Mit einem Rührei – ohne Milch – bekommen sie Eiweiß für die Muskeln. Ansonsten können die Pflegeeltern den Schützlingen Katzenfutter (am besten durchgemixt als Pastete), Hackfleisch oder gekochtes Hühnerfleisch und Wasser anbieten.

Da geschwächte Igel viele Parasiten in sich tragen, sollte zudem der Kot gesammelt werden. „Am besten drei Tage lang Proben sammeln, die dann bei spezialisierten Tierärzten oder der CUVA-Karlsruhe untersucht werden sollten“, sagt Lampart. „Wenn der Igel dann genügend Fett auf den Rippen haben, kann er in den Winterschlaf geschickt werden. Ihm reicht ein stabiler Karton oder ein Meerschweinchenkäfig, in dem er ein Schlafhaus vorfindet, in das er sich verkriechen kann. Er kann dann in einem temperierten Raum mit Tageslicht oder auch auf dem Balkon untergebracht werden. „Wenn es im Frühjahr wärmer wird wacht er wieder auf, kann nochmals gefüttert und dann ins Freie gelassen werden“, sagt Lampart. Die Winterhilfe ist wichtig. Denn Igel werden rar. „Auch sie sind Opfer des Insektensterbens. Insekten sind die Hauptnahrung. Zudem gehen ihnen in unseren Kulturlandschaften und den aufgeräumten Gärten Rückzugsgebiete verloren“, sagt die Igelretterin.

Wer helfen will, findet auf der Homepage der Igelhilfe Stuttgart Tipps, Adressen von Aufzuchtstationen und Ansprechpartnern: www.igelverein.de.

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