Nach dem Halbfinale der Club-WM machte ein entspannter Thomas Müller (re.) noch Selfies mit einem Betreuer des ägyptischen Gegners Al Ahly SC. Foto: imago/MIS International

Thomas Müller fliegt nach seinem positiven Coronatest nicht mit der besten aller Fußball-Mannschaften aus Katar zurück nach München, wo der FC Bayern auf eine Diskussion über die Sonderrolle des Fußballs trifft.

München - Die Glückwünsche kamen aus der ganzen Fußball-Welt. Von Ex-Coach Pep Guardiola, der 2008/09 mit dem FC Barcelona ebenfalls sechs Trophäen eingesammelt hatte („Ich bin so stolz“), von Bundestrainer Joachim Löw („Unsere Nationalspieler werden von diesen Erfahrungen enorm profitieren“), von DFB-Boss Fritz Keller („Der FC Bayern ist eine Weltmarke“), von internationalen Blättern wie dem italienischen „Tuttosport“ („FC Bayern auf dem Welt-Olymp“) oder dem spanischen „El Mundo Deportivo“ („Eines der besten Teams der Geschichte“). Da passte es, dass der FCB sich nach dem Tor von Benjamin Pavard und dem 1:0-Erfolg im Finale der Club-WM gegen Tigres UANL aus Mexiko gleich auch noch selbst gratulierte. „MiaSanChampi6ns“ twitterte der Verein nach dem sechsten Titelgewinn innerhalb eines Jahres – der allerdings nicht frei von Störgeräuschen war.

Und dabei ging es nicht um Turn-Star Marcel Nguyen, der den FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge für seine umstrittene Äußerung attackierte, jeder geimpfte Fußballer des FC Bayern würde das Vertrauen der Bevölkerung erhöhen. „Ganz ehrlich, da musste ich herzlich lachen“, sagte Nguyen, „dass ein Impfgegner vom FC Bayern überzeugt wird, halte ich für eine sehr gewagte These.“ Es ging auch nicht um Fabian Klos, den Kapitän des nächsten Gegners Arminia Bielefeld (Montag, 20.30 Uhr), der die Reise des FC Bayern nach Katar und die Club-WM durchaus kritisch sieht: „Ich halte wenig von diesem Fußball-Überschuss. Wir leben in einer weltweiten Pandemie, doch selbst wenn jetzt noch zwei Drittel der Welt in Flammen stehen würden, dann würden wir immer noch Fußball spielen müssen.“

Kontrovers diskutiert wurde vielmehr über einen Coronafall.

Werden unterschiedliche Maßstäbe angelegt?

Vor dem Finale der Club-WM war Thomas Müller positiv getestet worden, hinterher flog er nicht mit dem Team zurück nach München. Stattdessen kümmerte sich Sportvorstand Hasan Salihamidzic vor Ort um eine Transportmöglichkeit, angedacht war eine Art Sanitätsflieger, in dem die Möglichkeit besteht, den Kicker von Pilot und Personal zu isolieren. In München muss sich Müller in Quarantäne begeben, er wird die Spiele gegen Arminia Bielefeld und Eintracht Frankfurt am Samstag darauf verpassen. Soweit ist alles klar geregelt. Und dennoch gibt es eine Debatte über die Regeln.

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Denn am restlichen Team des FC Bayern geht die Coronainfektion von Müller (es war bereits die sechste eines FCB-Profis) wie im Fußball üblich ohne sportliche Konsequenzen vorbei. Es spielt keine Rolle, dass Katar als Risikogebiet eingestuft ist, keine Kontaktperson der Kategorie 1 muss in Quarantäne, kein Spiel wird verlegt. Vorwürfe an den FC Bayern sind trotzdem unangebracht, er hält sich nur an die Bestimmungen. Aber deren Auslegung wird nun lautstark hinterfragt. „Ich erwarte durch die Gesundheitsämter eine Gleichbehandlung aller Berufssportler“, sagt Frank Bohmann, der Chef der Handball-Bundesliga (HBL). Und Stefan Holz, der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (BBL) erklärt: „Auch wir stellen uns die Frage, warum der Fußball von Quarantänemaßnahmen eher verschont bleibt. Vielleicht ist da bei einem Gesundheitsamt die Beißhemmung eine andere.“

In der Fußball-Bundesliga gab es noch keine Corona-Absage

In der Basketball- und der Volleyball-Bundesliga gab es mittlerweile etliche Teams, die komplett für zwei Wochen in Quarantäne mussten, darunter Allianz MTV Stuttgart. Zuletzt wurde dem Team des Eishockey-Erstligisten Grizzlys Wolfsburg nach zwei positiven Fällen in der vergangenen Woche vom Gesundheitsamt eine Auszeit verordnet, wie auch den Handballern vom THW Kiel oder den Basketballern aus Würzburg. Als Folge davon nimmt die Zahl der Spielausfälle weiter zu, die Terminpläne werden immer enger. Ein Problem, das die Fußball-Bundesliga nicht kennt – noch kein Spiel wurde coronabedingt abgesagt. Zum Beispiel fand im Dezember selbst das Duell des VfL Wolfsburg gegen den VfB Stuttgart statt, obwohl noch am Morgen der Partie zwei VfL-Profis positiv getestet worden waren. „Ich würde mir wünschen, dass in allen Ballsportarten die gleichen Regeln gelten“, sagt Sportmediziner Wilhelm Bloch, „man lässt im professionellen Fußball vieles zu, was man woanders nicht zulassen würde. Das führt nicht zu einer großen Akzeptanz.“

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Sollte ein Grund sein, dass die Verantwortlichen in den Gesundheitsämtern zwischen Freiluft- und Hallensportarten differenzieren, würde Frank Bohmann das nicht verstehen: „Es ist wissenschaftlich belegt, dass es keine unterschiedlichen Risiken gibt.“ Und weil sich HBL und BBL bei der Erstellung ihrer Hygienekonzepte an der Fußball-Bundesliga orientiert hätten, bestünden auch hier keine Abweichungen. „Wir fordern nicht eine Quarantäne für den FC Bayern“, erklärt Handball-Boss Bohmann, „aber wir wenden uns an die Politik und die Behörden, diese Argumente bei ihrer Risikoeinschätzung zu berücksichtigen.“

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