Mehr als 80 Jahre alt, aber noch mit flinken Fingern: Hans Peter und Waltraut Schmid sowie Margarete Keppeler (von links) bringen es auf 210 Jahre aktive Mitgliedschaft in den HHC-Orchestern. Foto: Mathias Kuhn - Mathias Kuhn

Hans Peter Schmid ist Deutschlands ältester, aktiver Handharmonika-Spieler. Der 87-Jährige spielt seit 80 Jahren im HHC Wangen. Mit dabei: seine Frau Waltraut (60 Jahre) und Cousine Margarete Keppeler (70 Jahre).

WangenSie sind 87, 81 und gerade noch 80 Jahre jung – aber ihre Finger fliegen flink über die Knöpfe und Tasten ihrer Instrumente: Hans Peter und Waltraut Schmid sowie Margarete Keppeler sind ein einmaliges Trio. Zu dritt bringen sie es gemeinsam auf 210 Jahre aktive Mitgliedschaft im 1. Handharmonika Club (HHC) Stuttgart-Wangen. Rekordhalter ist Hans Peter Schmid mit 80 aktiven Musikerjahren. Bei Auftritten der Wangener „Handörgler“ sitzen die rüstigen Seniorinnen und Senioren neben halb- oder drittel so alten Handharmonika-Spielern im HHC-Orchester – und keinem Zuschauer fällt der Altersunterschied auf.

Den Deutschen Handharmonika-Verband brachte Hans Peter Schmid nun allerdings in Bedrängnis: Für seine 60- und 70-jährige Mitgliedschaft war der Wangener bereits ausgezeichnet worden, nun stand eine besondere Ehrung an: 80 Jahre aktive Mitgliedschaft. „Ein einmaliges Ereignis. Das gab es in unserem Verband noch nie. Aus diesem Anlass musste eine extra Urkunde angefertigt und eine Medaille geprägt werden“, berichtet Schmids Ehefrau Waltraut schmunzelnd. Mit einem Festakt im Rahmen des HHC-Herbstkonzerts wurde Schmid in der voll besetzten Kelter geehrt und gefeiert. Dabei empfindet er 80 Jahre Musizieren nicht als Leistung, sondern als Geschenk.

Erstes „Örgele“ vom Nachbarn

„Ich habe 1939 im Alter von sieben Jahren mit einer diatonischen Harmonika begonnen. Erhalten habe ich das Instrument von unserem Nachbarn Hermann Gaiser. Das Örgele gehörte dessen Sohn, der in den ersten Kriegstagen gefallen war. Es sollte mit mir weiterleben“, erinnert sich Schmid. Der junge Hans Peter fand Gefallen an dem Instrument, übte und erlebte nach dem Ende des Weltkriegs den mühsamen Wiederaufbau des HHC. Zunächst dirigierte Joseph Bauer und danach Jan Prucha das Orchester. „Ihm verdanken wir den Aufschwung, die Qualitätssteigerung und den guten Ruf, den wir uns erspielten.“

1952 stellte Schmid auf das chromatische Akkordeon, ein Knopfinstrument, um, das er bis heute spielt. Bis vor sieben Jahren spielte er im 1. Orchester. „Mit 80 Jahren habe ich mich dann entschlossen, ins damalige Seniorenorchester zu wechseln. Heute heißt es ‚2. Orchester’, das sich nur noch alle zwei Wochen trifft.“ Schließlich kennt der 87-Jährige auch beruflich keinen Ruhestand. Er besitzt einen kleinen Baubetrieb, in dem er täglich arbeitet, anpackt und vor allem bei älteren Gebäuden gefragter Experte ist. Die Musik und das Zusammensein im Verein sind für ihn Ausgleich. „Wir haben gemeinsam viele schöne Stunden erlebt. Mit dem HHC beispielsweise tolle Konzertreisen in die USA, nach Finnland, Tschechien, Südtirol und zu unserem Partnerverein in Straßburg unternommen“, erzählt Schmid, der von 1971 bis 1987 auch Vorstand des HHC war. Dank der Musik hat er auch seine spätere Frau Waltraut kennen- und lieben gelernt.

„Meine langjährige Freundin Iris Scholz hat mich überredet. Ich konnte schon Klavier spielen, deswegen war das Bass-Spiel im Orchester naheliegend. Ich sprang beim HHC für eine Bassspielerin ein, blieb und bin seit 1959 aktives Vereinsmitglied.“ Noch heute spielt sie – wie zuletzt beim Herbstkonzert – im 1. und 2. Orchester den Bass und Keyboard

Die Dritte im Familientrio ist Margarete Keppeler, eine Cousine von Hans Peter Schmid. Er hatte sie zum flinken Spiel mit den Knöpfen angeregt. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie die tiefe Verbeugung des damaligen Dirigenten Joseph Bauer in der Küche daheim nachmachte – und sich dabei den Kopf anschlug. Die Umstellung auf chromatische Instrumente machte sie 1952 nicht mit. „Eine neue Schreibmaschine war damals wichtiger als ein teueres Akkordeon“, erzählt die 80-Jährige. Seit 70 Jahren – dafür gab es eine Auszeichnung in Gold – lässt auch sie ihre Finger über die Knöpfe flitzen. Bis vor fünf Jahren im Ersten und seitdem im 2. Orchester. „Wir spielen keineswegs altmodische Melodien, alpenländische Akkordeonmusik oder sind Begleitmusik zu Volksliedern“, wehrt sich das Trio, in die Schublade „volkstümliche Musik“ gesteckt zu werden. Im Konzert „Classic meets Rock“ zeigten die HHC-ler ihr umfangreiches Repertoire. Es umfasst die gesamte Bandbreite: von Klassik-Titeln von Bach über Operette bis hin zu Pop sowie speziell arrangierte (Hard-)Rock-Titel von AC/DC und Guns N’ Roses. „Inklusive Sänger und E-Gitarre – auch das kann ein Akkordeonorchester“, sagt Sylvia Fischer, die Tochter von Hans Peter Schmid. Auch sie ist seit 40 Jahren aktiv dabei. „Mit ihr zusammen kommen wir auf 250 Jahre“, sagt Mutter Waltraut lachend. Und das Quartett hat nicht vor, die Finger ruhen zu lassen. „Es macht Spaß und die Tradition muss bewahrt bleiben“, hofft Hans Peter Schmid. Denn trotz aufwendiger Nachwuchsarbeit mit Einzelunterricht, Musikgarten und anderen Anstrengungen werde es immer schwieriger, treue, langjährige Orchestermitglieder zu gewinnen und zu halten. „1945 gab es rund 40 Handharmonika-Vereine in Stuttgart. Heute etwa ein Dutzend aktive“, bedauert Schmid.

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