Der Umgangston in Klassenchats lässt oft zu wünschen übrig. Foto: dpa/Henning Kaiser - dpa/Henning Kaiser

Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung liegen zwei Achtklässler des Wirtemberg-Gymnasiums im Krankenhaus. Dem Konflikt vorausgegangen war ein Streit im Klassenchat, der sich hochschaukelte.

UntertürkheimAm Untertürkheimer Wirtemberg-Gymnasium kommen täglich 765 Schülerinnen und Schüler zusammen. Sie pflegen in der Regel einen freundlichen Umgang. Doch ein Zwischenfall am vergangenen Donnerstag hat die Schulgemeinschaft zutiefst erschüttert: Zwei Schüler der 8. Klasse hatten im Schulhaus – vor den Augen ihrer Mitschüler – eine äußerst brutale Auseinandersetz ung, die bei beiden zu schweren Verletzungen führte. Die Jugendlichen liegen im Krankenhaus, sie werden die Schule für einige Zeit nicht besuchen können.

„Der Vorfall hat uns sehr betroffen gemacht“, betont Schulleiter Holger Schulz in einem an die Eltern aller Schüler adressierten Schreiben, in dem er informiert: „So, wie es sich uns darstellt, ging dem Konflikt ein Klassenchat über WhatsApp voraus“. Dieser habe sich im Laufe des Mittwochs außerhalb der Schule mit Beleidigungen und Gewaltandrohungen hochgeschaukelt und sei am darauffolgenden Morgen eskaliert.

An „normalen“ Unterricht sei in der betroffenen Klasse nicht zu denken gewesen, räumt der Schulleiter ein. Die Schüler seien in den Stunden nach dem Vorfall von einer Lehrkraft betreut worden, am Tag darauf habe eine eigens angeforderte Schulpsychologin mit ihnen Gespräche geführt, um Ursachen und Folgen der Tat aufzuarbeiten. „Die Gesprächsangebote für Schüler, Eltern und Lehrer gelten auch weiterhin“, sagt Schulz. Ob die beiden Schüler ans „Wiggy“ zurückkehren werden, sei derzeit offen. Man denke über einen Schulverweis nach, so Schulz. Aufgrund der Schwere des Vorfalls hat die Schulleitung die Polizei zur weiteren Aufklärung und möglichen Strafverfolgung eingeschaltet. Die Ermittlungen dauern an, heißt es im Stuttgarter Polizeipräsidium.

Holger Schulz, erst seit Schuljahresbeginn am Wirtemberg-Gymnasium, aber schon seit vielen Jahren im Schuldienst tätig, hat eigenem Bekunden nach „einen so massiven Vorfall“ noch nie erlebt. Wichtig sei ihm, offen damit umzugehen, „damit wir daraus lernen können“. „Wir als Schulgemeinschaft dulden die Ausübung von verbaler und körperlicher Gewalt grundsätzlich nicht.“ Das „Wiggy“ sei eine Schule, die der Präventionsarbeit einen hohen Stellenwert einräume, verweist der Rektor auf Aktionen wie die „Mobbing-freie Schule“ in Klasse 7, die Klassenlehrerstunden und viele Aktivitäten im erlebnispädagogischen Bereich. „Wir setzen uns damit für einen respektvollen, friedfertigen und wertschätzenden Umgang miteinander ein und sehen an dem Vorfall, dass wir in dieser Hinsicht nicht nachlassen dürfen.“ Die beste Prävention sei eine funktionierende Schulgemeinschaft. Deshalb müsse man gemeinsam darauf hinarbeiten, dass sich solche Vorfälle nicht mehr ereignen. Ein besonderes Augenmerk gelte dabei den Klassenchats, so Schulz. „Der Schriftverkehr im konkret beschriebenen Fall liegt uns vor und ist für uns Anlass zu größter Sorge, sowohl aufgrund der Wortwahl als auch der verbalen Gewalt, die wir in vergleichbaren Fällen immer wieder erleben.“

Klassenchats über Messenger-Dienste wie WhatsApp sind aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Schon die allermeisten Fünftklässler haben mittlerweile ein internetfähiges Handy. Das dürfen sie im „Wiggy“ während der Unterrichtszeit nicht benutzen, erklärt Schulz. Doch wer kontrolliert, was die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit damit anstellen?

In Klassenchats gehen sie zum Teil nicht respektvoll miteinander um, immer wieder sorgen die von den Schülern privat eingerichteten Gruppen für Schlagzeilen. Dort sollen sich Schüler eigentlich über Fragen zu Hausaufgaben oder Stundenplanänderungen austauschen können, doch mitunter werden auch ganz andere Dinge verschickt: Beleidigungen, Gewaltvideos, Kinderpornos, menschenverachtende Inhalte. Erwachsene hätten oft keine Vorstellung davon, was Jugendliche dort teilen, weiß Schulz aus Erfahrung. „Viele Eltern meinen, sie müssten die Privatsphäre ihrer Kinder respektieren.“ Dabei gebe es viele Gründe, genauer hinzuschauen.

Die Nutzung des Nachrichtendienstes ist nach europäischen Datenschutzrichtlinien erst ab 16 Jahren erlaubt. Studien zufolge ist WhatsApp jedoch schon für fast 90 Prozent der Zwölf- und 13-Jährigen die wichtigste App auf ihrem Smartphone – unter 16 Jahren nutzen Kinder den Messenger in der Verantwortung der Eltern. Rektor Schulz bittet sie in seinem Schreiben daher ausdrücklich, sich „in einer Atmosphäre von Offenheit und Vertrauen“ immer wieder die Nachrichten der Kinder zeigen zu lassen und diese auch zu besprechen. „Den Kindern und Jugendlichen ist die Gefahr, die in diesem Umgangston und in den verbalen Drohungen steckt, meist nicht bewusst.“ Sein Appell an die Eltern lautet: „Ermutigen Sie ihre Kinder, in den Chats nicht wegzuschauen und zu schweigen, sondern dagegen zu halten und beleidigende und gewaltandrohende Inhalte zu melden oder als Konsequenz die Gruppe zu verlassen.“

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