Foto: Baumann - Baumann

Mario Gomez ist ein tadelloser Sportsmann. Aber es rumort in ihm. Er will sich mit der Rolle als Joker nicht begnügen. Er will so viel wie möglich spielen.

StuttgartWieder nur eingewechselt, kaum mehr als 20 Minuten gespielt. Eine kleine Demütigung für den großen Mario Gomez, wenn man bedenkt, dass beim VfB Stuttgart sogar zwei Angreifer nicht einsatzfähig waren. So kann man das sehen. Und je weiter man sich in der Fußballrepublik vom Wasenclub entfernt, desto mehr wächst die Verblüffung darüber, dass der Stürmerstar nur noch auf der Ersatzbank sitzt.

In Bielefeld jedenfalls ging ein Raunen durch das Stadion, als die Aufregung vor dem Anpfiff des Spitzenspiels zunahm, die Atmosphäre sich unter dem Flutlicht verdichtete – und Gomez nicht in der Startelf auftauchte. Das überraschte Gemurmel kam aus den ostwestfälischen Reihen, denn je näher man sich dem VfB nähert, desto klarer wird Gomez’ veränderte Rolle, auch in der zweiten Liga. Er ist noch immer das Gesicht der Mannschaft. Er ist auch noch immer der Mann, der Spiele entscheiden kann – aber er ist auf dem Rasen nicht mehr der Mittelstürmer, um den sich alles dreht.

Bananenschalen weggeräumt

Gomez weiß das, und sein Blick auf die Wirklichkeit bleibt in der für ihn unangenehmen Situationen ungetrübt. Er will sich nicht damit begnügen, nur der Joker zu sein. Er will so viel wie möglich spielen – aber: „Ich bin Sportsmann. Wenn ich auf der Bank sitze und reinkomme, dann versuche ich mein Bestes“, sagt Gomez.

Beim Erfolg auf der Alm hätte dies beinahe für das Führungstor gereicht, doch wegen einer Abseitsstellung wurde dieses nicht anerkannt. Am Freitag im Heimspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden will der Profi mit der Trikotnummer 27 wieder auf Torejagd gehen, seinen zweiten Saisontreffer erzielen. Trotz der Konkurrenz durch die jungen Nicolas Gonzalez und Silas Wamangituka sowie den zweitligaerprobten Hamadi Al Ghaddioui.

„Ich bin ehrgeizig. Als Tourist brauche ich nicht zu den Spielen zu fahren“, sagt Gomez und fügt sich in das neue Mannschaftsgefüge ein. Das schätzen sie im internen Kreis an ihm. Der einstige Nationalspieler trägt keinen Unmut zur Schau, nörgelt nicht und erhebt sich nicht über die anderen im Kader. Er soll sich sogar nicht zu schade dafür sein, in der Kabine liegen gebliebene Bananenschalen wegzuräumen.

Die gute alte Stuttgarter Jugendschule ist das. Sie hat Gomez geprägt, und beim VfB, von wo aus er seine Profikarriere startete, die ihn zu mehreren Meisterschaften, Pokalsiegen, einem Europapokaltriumph und zwei Weltmeisterschaften führte, soll alles enden. Im nächsten Sommer läuft der Vertrag aus, und mit den Vereinsverantwortlichen ist vereinbart, dass er sich in der laufenden Runde noch einmal voll einbringt. „Wenn ich für die Mannschaft da sein kann, dann versuche ich, für sie auch da zu sein“, sagt Gomez.

So lief das ja schon in der Abstiegssaison, als immer deutlicher wurde, dass auch den Ausnahmekönner irgendwann das Alter einholt. Ein Mann wie Gomez, erfahren und clever, weiß, dass er diesem Gegner nicht davonlaufen kann – und sei er noch so austrainiert. „Topfit“ fühlt er sich gerade. Die Wadenprobleme auskuriert, die Magenverstimmung überstanden und bereit, seinen Teil zur Rückkehr in die Bundesliga beizutragen. Und der Zweitliga-Spitzenreiter kann ihn noch gut gebrauchen. Nicht mehr unbedingt als Anführer auf dem Platz, aber als Respektsperson in der Kabine und Unruheherd im gegnerischen Strafraum.

Großverdiener mit Qualitäten

Der VfB leistet sich diesen Luxus mit seinem Großverdiener, wenngleich er noch von dessen Qualitäten profitiert. Mit Gomez erhöhte sich in Bielefeld der Druck auf die Arminia, und ohne das späte Siegtor von Al Ghaddioui hätte sich der Trainer Tim Walter wohl der Debatte stellen müssen, warum er Gomez nicht von Beginn an aufgestellt hatte. Der Spieler selbst befeuert diese Diskussion nicht. Er nimmt sich öffentlich zurück und zeigt Größe, indem er die Entscheidungen akzeptiert. Der Trainer wiederum ist jemand, der einerseits systemorientiert denkt und handelt, andererseits geht Walter nach eigenen Worten der Mensch über alles. Gomez lobt er als lebende VfB-Legende und tollen Charakter.

Doch wenn es um die nächste sportliche Herausforderung geht, spielen Namen, Hierarchien und vergangene Verdienste keine Rolle. Sondern spielerische Lösungen, taktische Abmachungen und positionsbezogene Aufgaben. Bei aller Vorliebe für Spielkontrolle und Tempo schreibt Walter den Routinier jedoch nicht ab. Gomez mag nicht mehr so schnell wie früher sein, über die Intuition eines Torjägers verfügt er noch immer.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: