Eine unüberwindbare Hürde stellt der steile Treppenaufgang von der Bahnhofsunterführung in Richtung Ortskern für Rollstuhlfahrer dar. Foto: Alexander Müller - Alexander Müller

Stuttgart hat sich auf die Fahne geschrieben eine barrierefreie Stadt zu werden. Auch der Stadtbezirk Untertürkheim will mit gutem Beispiel vorangehen.

Untertürkheim Stuttgart hat sich auf die Fahne geschrieben eine barrierefreie Stadt zu werden. Auch der Stadtbezirk Untertürkheim will mit gutem Beispiel vorangehen. „Ziel muss es sein, die Inklusion und entsprechende Angebote im direkten Wohnumfeld der Betroffenen umzusetzen“, betont Bezirksvorsteherin Dagmar Wenzel. Umso mehr nahm sie die Initiative des Bürgervereins zu einem Stadtteilrundgang aus Sicht von Menschen mit Behinderung gerne auf. Das Fazit war für Wenzel etwas überraschend: Im Ortskern rund um den Bahnhof und die Fußgängerzone in der Widdersteinstraße gibt es zahlreiche Hürden und Stolperfallen. Zudem fehlt ein Leitsystem komplett.

Bereits am steilen Treppenaufgang von der Bahnhofsunterführung zum Ortskern von Untertürkheim ist für Sabine Schief und ihrem nach einer Hirnblutung auf den Rollstuhl angewiesenen Lebensgefährten Michael Munzinger Schluss. Trotz aller Kraftanstrengung ist für die zierliche Frau das Gewicht an der steilen Rampe mit den zwei Blechen nicht zu stemmen. Als Stolperfallen für sehbehinderte Menschen erweisen sich auch die vielen kleinen Asphaltflicken in der Unterführung mit ihren kleinen Erhebungen, „zudem gibt es kein Blindenleitsystem“, wusste ein älteres Ehepaar. Ein weiteres Problem: Einen Aufzug und somit einen barrierefreien Zugang zum Gleis 6, an dem das Schusterzügle hält, gibt es überhaupt nicht. Hingegen besteht zumindest zu den S-Bahnen ein barrierefreier Zugang. Allerdings fehlt ein Hinweis. „Wie das komplette Leitsystem am Bahnhof“, hatte die kleinwüchsige Fischer auf dem Weg zum Treffpunkt festgestellt.

Die offizielle barrierefreie Verbindung zwischen dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt in den Oberen Neckarvororten und dem Ortskern von Untertürkheim verläuft über den Bahndurchlass in der Arlbergstraße. Ein großer Umweg, „aber wenigstens nutzbar“, waren sich alle Beteiligten im Hinblick auf den steilen Treppenaufgang einig. Aber auch dort gibt es Probleme. Eigentlich ist der von der Fahrbahn abgetrennte Tunnel den Fußgängern vorbehalten, wird aber ständig von Radfahrern missbraucht, anstatt auf der eigenen Spur neben den Autos herzufahren. „Eine Gefahr“, waren sich Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte einig. Abhilfe könnte eventuell eine Schranke bringen, um die Radfahrer einzubremsen und damit abzuhalten.

Noch mehr Kritik hagelte es an der einzigen öffentlichen Toilette neben dem Bahnhof. Diese sei zwar behindertengerecht, aber ein vernünftiger Zugang und vor allem die Sauberkeit sei nicht gegeben. Ein Problem, das auch bereits der Bezirksbeirat mehrmals moniert hatte.

Ein für ganz Stuttgart vorhandenes Grundproblem sind die Absätze an Übergängen und Zebrastreifen – besonders im historischen Kern Untertürkheims. Die Stadt hat in ihrem barrierefreien Rahmenplan festgelegt, dass die Bordsteine an diesen Stellen maximal drei Zentimeter hoch sein sollen. Für sehbehinderte Menschen ein wichtiger Anhaltspunkt zur Orientierung, für Rollstuhlfahrer ein Hindernis, „Da müssen wir sicher mit einem Kompromiss leben“, betonte Fischer. Nicht immer seien beide Seiten miteinander vereinbar. Hingegen ist aus Sicht der Expertin eine weitere Problemstelle schneller zu beheben: Am Ende der Fußgängerzone in der Widdersteinstraße fällt der Gehweg in der Kurve in Richtung der BW-Bank-Filiale sehr stark ab. „Ein Rollstuhlfahrer droht dort immer auf die Seite zu kippen“, erklärte Schief. Nun soll das Tiefbauamt eine bauliche Verbesserung planen.

Weitere Wünsche wie ein barrierefreier Zugang mit Hochbordsteinen an Bushaltestellen kamen ebenso zur Sprache wie ein fehlender barrierefreier Veranstaltungsort. Eine schnelle Lösung für letzteres scheint unrealistisch. Aber in ihrem Programm barrierefreier Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) strebt die Stadt bis 2022 den Umbau aller Haltestellen an. Zusätzliche Gelder von jährlich 1,1 Millionen Euro sollen im kommenden Doppelhaushalt bereit gestellt werden.

„Wir können sicher nicht alle Probleme von heute auf morgen beheben“, betonte Fischer. Allerdings „fehlt oftmals ein Stück weit die Sensibilisierung. Kleinigkeiten können dabei bereits viel bewegen“ – auch bessere Kontrollen, damit die vorhandenen Wege freigehalten werden. Ein Problem, das sich nicht nur auf den Ortskern von Untertürkheim beschränkt, weiß Simon Egberts von der Nikolauspflege, die eine Werkstatt für sehbehinderte Menschen im Gewerbegebiet Herzogenberg betreibt. Zwar besteht ein Blindenleitsystem für die selbstständig anreisenden Mitarbeiter von der Stadtbahnhaltestelle aus, „aber dieser Weg ist oft von Falschparkern verstellt“. Die Folge: Die Menschen verlieren die Orientierung.

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