Peter Niegel mit seinem neuesten Buch „Krimi-Zeit“. Foto: Iris Frey - Iris Frey

Der ehemalige Polizist Peter Niegel hat selbst Gewalt im Dienst erlebt. Er hinterfragt die Entwicklung. Er hat in seinem neuesten Buch spektakuläre Kriminalfälle gesammelt.

HofenKriminalfälle haben ihn ein Leben lang begleitet. Kein Wunder: Der Hofener Peter Niegel war vier Jahrzehnte lang in der polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung in Baden-Württemberg tätig. Zehn Jahre war er als Streifenbeamter in Bad Cannstatt tätig. Bis heute erinnert er sich teilweise noch ganz genau an Kriminalfälle, die ihn besonders betroffen haben: Zwei Jahre war er bei der Mordkommission mit der Bearbeitung zweier spektakulärer Morde in Ludwigsburg tätig. Der Fall eines ermordeten Jordaniers zählt zu seinen eindrücklichsten Erlebnissen. Der Mann wurde erschossen, zerstückelt, verscharrt. Von seiner Frau und seinen minderjährigen Kindern, wie sich später herausstellte. Die Kinder hätten gelogen, so Niegel. Am Ende flog alles auf. Der Sohn hatte gestanden. Die Frau wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Schlimmste war für Niegel das Verhalten der kleinsten Tochter mit ihren Lügen.

Seit 2003 ist Niegel in Pension. Seine beruflichen Erlebnisse beschäftigen ihn bis heute. Das Schreiben hilft ihm bei der Bewältigung. „Krimi-Zeit“ heißt sein neuestes Buch. Es ist eine Zusammenstellung von Kriminalfällen, Erklärungsversuchen, Problemstellungen und Lösungsansätzen. Der Leser trifft auf einen Querschnitt aus einer großen Zahl von Verbrechen aus den letzten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland.

Wenig Akzeptanz für Polizei

Existenzen werden auf brutale Weise vernichtet, ausgelöscht. Die Fälle sind kaum zu glauben, machen sprachlos. Dabei wird in den geschilderten Fällen auch deutlich, wie schwer es die Polizisten bei ihrer Ermittlungsarbeit haben, bei der sie auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen sind. Niegel verweist auf die zunehmende schwindende gesellschaftliche Akzeptanz der polizeilichen Arbeit. „Die Akzeptanz der polizeilichen Arbeit verändert sich leider seit mehreren Jahren kontinuierlich im Gleichschritt mit den gesellschaftlichen, politischen Veränderungen bundesweit, europaweit“, so Niegel . Nicht ausreichende oder ganz fehlende Sanktionierung der Straftaten durch die Justiz sei wesentlich mitverantwortlich für den aktuellen Zustand, kritisiert der 74-Jährige.

Er prangert die Gewalt und Respektlosigkeit gegen Polizisten und andere Einsatzkräfte wie etwa Rettungsdienste und Feuerwehr an, die stark zunehme. Er selbst hat persönliche und körperliche Angriffe beim Streifendienst erlebt: Bei einer Fußstreife im Jahr 1975 ist auf ihn in der Nähe des Mühlgrüns am Parkplatz der Gaststätte Wilhelmsbad in der Brunnenstraße geschossen worden. Die Spurensicherung habe später festgestellt, dass es aus dem Auto heraus war, in dem der RAF-Terrorist Rolf Pohle saß, welches dieser stehlen wollte. Niegel war in der RAF-Zeit zeitlich begrenzt als Scharfschütze im Einsatz. Doch in dieser Funktion hatte es ihn nicht getroffen. Das Projektil war bei seinem Kollegen an der Wand der Gaststätte Wilhelmsbad eingeschlagen. Beide blieben unverletzt. Das Feuer erwidern konnten sie nicht, da es stockdunkel gewesen sei und sie nichts gesehen hätten. Wochen später erfuhr Niegel, woher die Schüsse gekommen waren.

Erinnerungen an RAF

Mit der RAF verbindet Niegel auch Erlebnisse in Stammheim. Er war damals auf dem Dach des Gefängnisses gelegen als Scharfschütze, zur Sicherheit, als die RAF-Mitglieder einzeln eingeflogen wurden, dass keiner fliehen konnte . „Ich habe gesehen, als Jan-Carl Raspe eingeliefert wurde.“ Später gründeten er und weitere Scharfschützen übrigens den Polizeischützenverein beim Polizeisportverein in Bad Cannstatt. Doch, sagt Niegel, der Alltag sei genauso gefährlich gewesen. Auch als Streifenpolizist habe es ständig Bedrohungen gegeben. Immer mal wieder sei auf Kollegen geschossen worden. „Damals aus Fluchtgründen, heute aus Provokation und Aggression“, so Niegel.

Für Kriminalfälle aus Ludwigsburg war er auch zur Recherche im Staatsarchiv Ludwigsburg. In seinem Buch haben auch andere Autoren Beiträge beigesteuert. Es sind Fälle zu lesen, die in Stuttgart und Bad Cannstatt Schlagzeilen machten: Wer erinnert sich noch an den Fund eines Torso am Münstersteg in Münster im März 1999. Es stellte sich heraus, dass es ein Drogenkurier war, der in die eigenen Tasche gewirtschaftet hat und der Rache ausgesetzt war. Auch der Fall eines homosexuellen Kaufmanns, der im Januar 2001 auf dem Gelände von Stuttgart 21 gefunden wurde, ist bekannt.

Gefahr durchs Internet

Niegel sieht nicht nur in vermehrten Gewaltspielen im Internet Ursachen für Aggression, sondern auch in Gewalttätigkeit im Elternhaus. Neue Medien, ein Fernsehprogramm voll gespickt mit Brutalität und Waffengewalt. Er beklagt eine „rohe Gesellschaft“. Die zunehmende Aggression stellt er seit Beginn der 2000er Jahre fest. In einem Gedicht beschreibt er die Situation der Polizisten und Rettungskräfte: „Wenn dich Wut und Frust auffressen.“ Er kritisiert darin, dass Amtsträger sich nicht an ihren Amtseid halten. Die Folge: Demotivation, Wut, Frust und Angst.

Niegel ist produktiv, denkt nach, recherchiert, erinnert sich und verfolgt auch die heutigen Kriminalfälle. Er stellt sich den Problemen und Fragen der Zeit, ist seit 2013 Mitglied der Polizei-Poeten, mit denen er sich austauscht. Er arbeitet bereits am nächsten Manuskript für ein weiteres Buch zur aktuellen Kriminalitätsentwicklung.

Niegel hat 2012 den Biografischen Roman „Tauben oder Vaters Stellvertreter“ unter Pseudonym geschrieben und bei dem Buch „Tödliches Spiel“ von Toni Feller als Rechercheur mitgearbeitet. Sein erster Roman war „Der Fall Schlafkatze“, ein Spionage-Roman, der 1996 ebenfalls unter Pseudonym erschienen ist.

Die „Krimi-Zeit“ kann bei Peter Niegel bestellt werden unter peter@niegel-stuttgart.de. Das Buch kostet 15 Euro und umfasst 131 Seiten.

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