Dekan Eckart Schultz-Berg präsentiert das neue E-Lastenrad. Foto: Iris Frey - Iris Frey

Dekan Eckart Schultz-Berg hat nach seinem Studium in Greifswald neue Impulse mitgebracht. Vom 1. April bis 15. Juli war er an der Universität Greifswald als Gasthörer und hat sich mit Umweltethik und Gemeindeentwicklung befasst.

Bad Cannstatt Dekan Eckart Schultz-Berg hat nach seinem Studium in Greifswald neue Impulse mitgebracht. Vom 1. April bis 15. Juli war er an der Universität Greifswald als Gasthörer und hat sich mit Umweltethik und Gemeindeentwicklung befasst. „Nach zehn Jahren im Dekanamt war es genau der richtige Zeitpunkt, um wichtige Themen der Praxis mit neuen Kenntnissen aus der Wissenschaft zu durchdenken. Ich hatte großes Glück, dass die Professoren genau zu meinen ‚Sternchenthemen’ Vorlesungen und Seminare hielten und sich immer wieder auch Zeit genommen haben, in kleiner Runde aktuelle Themen zu diskutieren“, berichtet der Dekan.

Seine Schwerpunkte waren „Kirchen- und Gemeindeentwicklung in der modernen säkularen Gesellschaften“, „Veränderungen im Berufsbild des Pfarrers“, „Umweltethik“ und „Biblische Studien zum Neuen Testament“. Jetzt hat er neue Erfahrungen gesammelt für die hiesigen Gemeinden. „Das seitherige Modell der Parochialgemeinde wird es schwerer haben“, sagt er. „Viele Menschen bewegen sich auch im religiösen Bereich entsprechend ihrer Interessen frei über die ganze Stadt. Deshalb müssen wir deutlich stärker gemeindeübergreifende Angebote anbieten, die an inhaltlichen Kriterien ausgerichtet sind. Die eine Gemeinde kann das gut, die andere jenes und daraus wächst ein Netz, das sich gegenseitig ergänzt.“ Konkret bedeutet das, dass etwa eine Gemeinde eine super Kinderkirche hat, die andere einen engagierten Frauentreff, die dritte ein fittes Umweltteam. Das könne dann eine gemeinsame Sache aller Gemeinden ringsum werden, so der Dekan.

Er hatte in Greifswald Kontakt zu Kollegen aus anderen Gegenden Deutschlands und konnte sehen: „Wir sind in Cannstatt schon auf einem guten Weg. Ich möchte versuchen den „Netzgedanken“ stärker voranzutreiben: Nicht mehr jeder macht alles, sondern jede Gemeinde kann etwas besonders gut und das vernetzen wir für alle.“ Und er wird sich weiter sehr im Bereich Umweltethik und Klimagerechtigkeit engagieren. Der Dekan stellt fest, dass nicht die Kirchenaustritte das größte Problem seien, sondern die demografische Entwicklung. „Wir werden über Jahre hinweg deutlich mehr Bestattungen als Taufen haben. Thema sind für mich eher die taufunsicheren jungen Familien: Wie können wir ihnen die Kraft der christlichen Botschaft und die Freude an Kirche vermitteln?“

Auch das Berufsbild des Pfarrers ändert sich. Große Jahrgänge werden in den Ruhestand gehen, es werden weniger junge Pfarrer nachkommen. „Der Fachkräftemangel macht auch vor den Kirchen nicht halt. Wir sollten verstärkt, Pfarrteams in den Distrikten bilden. Es wäre wichtig, dass wir möglichst viele Menschen dafür rüsten, religiös sprachfähig zu werden, mündiges Christensein in der Gesellschaft“. Gemeinde werde in Zukunft weniger als eine pfarrerzentrierte Betreuungskirche zu sehen sein, sondern als Gemeinde von Schwestern und Brüdern. Da sei jeder wichtig, ein „mündiges Christsein“ möglichst vieler. In Greifswald hat er die Erfahrung gemacht, dass im hohen Nordosten Deutschlands die Kirchenmitgliedschaft deutlich geringer ist als bei uns in Baden-Württemberg. „Trotzdem habe ich engagierte Kirchengemeinden erlebt, die tolle Gottesdienste anbieten. Das ist ja das Interessante, dass die äußere Kirchenmitgliedschaft geringer ist, die Gemeinden aber trotzdem lebendig und aktiv sind.“ Wichtig sei, dass die Gemeinden in die Öffentlichkeit gehen. So habe er eine Gemeinde erlebt, die einen leer stehenden Lebensmittelmarkt für Aktivitäten angemietet hat. Eine andere Gemeindegruppe hat ein altes Feuerwehrauto gekauft, mit dem sie Aktivitäten anbiete.

Das Interesse an Religion sei ungebrochen, aber viele tun sich schwer, Religion im Rahmen einer Institution zu leben. Sein Vorschlag: „Wenn wir nahe an den Menschen bleiben, den Kontext in einem Stadtquartier wahrnehmen, öffentlich präsent und ansprechbar sind, dann werden sich immer wieder Menschen zusammenfinden, um Lebens- und Glaubensfragen gemeinsam zu diskutieren. Wir wollen Gemeinschaft bilden um solche Fragen herum, da sehe ich schon Interesse.“

Greifswald hat er durch die vielen Studenten als junge und dynamische Stadt erlebt. Drumherum sei das Gebiet sehr strukturschwach. Zurück in Bad Cannstatt fällt ihm der viele Verkehr auf, auch der Trubel und die Eile. „Prägend dort ist die nahe Ostsee und die vielen damit verbundenen Aktivitäten, angefangen von wunderbaren Matjesbrötchen bis hin zu herrlichen Radtouren bei kräftigem Wind.“ Aber er sei wieder zurück. „Stuttgart und Cannstatt – das ist meine Welt.“ Beim Kulturmenü hat der Dekan kürzlich ein neues Lastenrad mit Elektromotor vorgestellt, eine Idee, die er schon vor dem Studium hatte. „Die Klimafrage ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.“ Deshalb habe die Stadtkirche ein E-Lastenfahrrad angeschafft, das für Transporte und Einkäufe eingesetzt werden kann oder für Radausflüge am Neckar mit Kindern. „Gerade sind wir mit dem Männerkreis der Stadtkirche in der Erprobungsphase, dann kann man das Rad ausleihen. Allerdings sollte man vorher mal unter Anleitung Probe gefahren sein.“

Als nächstes Projekt soll der Raisergarten umgestaltet werden, um die heimische Artenvielfalt zu fördern. Der Naturschutzbund hat die Beteiligten bereits beraten. „Das Studium hat mir große inhaltliche Klarheit gebracht“, resümiert der Dekan – voller Ideen und neuer Impulse.

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