Der Cannstatter Papagei Perseus (vorne) ist nach acht Monaten wieder zurück aus dem Exil in Leinfelden. Foto: Arai - Arai

Ein Cannstatter Papagei namens Perseus ist nach acht Monaten im Exil wieder wohlbehalten zurück zu seiner Partnerin Thelma. Wie er nach Leinfelden kam, ist nachwievor unklar.

Bad Cannstatt Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, die die Fotografin und Papageien-Expertin Tomoko Arai berichtet: Ein Papagei ist aus bislang ungeklärter Ursache aus Bad Cannstatt weg und nun aber wieder glücklich daheim. Der Vogel namens Perseus hat nach acht Monaten in Leinfelden wieder zurückgefunden an den Neckar, wo er nun wieder mit Partnerin Thelma lebt. Nur durch die genauen Beobachtungen der Forscherin konnte diese dramatische Vogelgeschichte aufgelöst werden, sodass Perseus seine Thelma nun wieder gefunden hat.

Denn Papagien bleiben, wenn sie einen Partner gefunden haben, meist bei ihm. Das war auch bei Perseus und Thelma so. Wie es nun zum vermutlich unfreiwilligen Exil des Cannstatter Papageien kam, ist immer noch nicht ganz klar. „Das bleibt uns ein Rätsel“, sagt Arai. Fest stand: Die zwei Jahre alte Amazone Perseus war im April vergangenen Jahres plötzlich alleine in Leinfelden aufgetaucht. Arai und Amazonenforscherin Bianca Hahn hatten gehört, dass in Leinfelden und in Möhringen seit einiger Zeit eine freilebende Gelbkopfamazone regelmäßig gesichtet wurde. Es hatte dazu auch Ende August Medienberichte gegeben.

Sie wurden gefragt, ob sie einen Vogel aus der Cannstatter respektive Stuttgarter Gruppe vermissen. Zunächst dachten die Forscherinnen, dass es sich um einen entflogenen Hauspapagei handelte. Doch dann blickten sie auf die Kolonie in Bad Cannstatt, die es hier seit mehr als 30 Jahren gibt und die laut Arai rund 60 Exemplare zählt. Und tatsächlich. Hier wurde Perseus vermisst.

Platanen als Schlafplätze

Arai kennt den Tagesablauf der Papageien genau und weiß, wann sie sich gruppenweise aufhalten: Jeden Abend sammeln sie sich in den Platanen, die als gemeinsame Schlafplätze dienen. „Vor und nach dem Schlafen plaudern sie eine gute halbe Stunde lang lautstark miteinander und sorgen plötzlich für eine Regenwaldstimmung inmitten der Großstadt“, so Arai. Schlafbäume sind beispielsweise am Daimlerplatz und in der Daimlerstraße. Tagsüber fliegen die Papageien zur Nahrungssuche in verschiedene Richtungen davon. Arai hat beobachtet, dass sie dabei mehrere Kilometer zurücklegen, bis Fellbach, Mühlhausen oder auch Mönchfeld. Und sie fliegen immer in der Gruppe. Einzig in der Brutzeit, wenn das Weibchen etwa zwei Monate lang in der Bruthöhle versteckt brütet, ist das Männchen alleine unterwegs und schafft Futter heran.

Die Amazonenforscher bekamen eine Videoaufnahme des Exoten und erkannten die Rufe der Cannstatter Papageien. „Bei vielen Vogelarten variiert ihr Gesang gemäß der regionalen Population. Nach 30 Jahren im isolierten Leben im Talkessel haben auch unsere Gelbkopfamazonen ihren eigenen schwäbischen Dialekt entwickelt, der sich von den Rufen ihrer Artgenossen in Amerika oder denen der Hauspapageien unterscheidet“, stellt Arai fest.

Sie fuhr mit Bianca Hahn nach Leinfelden und sie fanden dort den Papagei in der Nähe des Friedhofs, dank genauer Auskünfte von Bewohnern, die den einsamen Papagei gesehen hatten. Dort erkannten sie Perseus. Arai kennt seine Lebensgeschichte genau: „Es war Ende August 2015, als der älteste Sohn des Pärchens Mimi und Rodolfo im Stuttgarter Schlossgarten ausflog“, so Arai. Und er schloss sich dem Weibchen Thelma im Schlossgarten an. Am 14. April 2017 verschwand das junge Pärchen mit dem Männchen des ältesten Paares. Thelma blieb übrig. Die beiden anderen Vögel waren weg.

Zum Auftauchen von Perseus in Leinfelden vermutet sie, dass er vom Schlossgarten aus, nach einer Kollision benommen, von einem Passanten aufgefunden und nach Leinfelden mitgenommen wurde und nach der Heilung wieder freigelassen wurde. Thelma indes hatte keinen neuen Partner mehr in der Zeit der Abwesenheit von Perseus angenommen.

Knallerei gut überstanden

Mit Hilfe einer Tonaufnahme mit den Rufen der Stuttgarter Amazonen versuchten die Forscherinnen nun, Perseus anzulocken. Doch der Vogel durchschaute den Trick und flog weg. Dann entdeckte Rebecca Elliot aus Leinfelden den Schlafbaum von Perseus in der Adlerstraße, wo er unermüdlich morgens und abends nach den Artgenossen rief. Anfang Januar berichtete sie, dass Perseus die Silvesterknallerei gut überlebt hat.

Nun staunte Arai in Bad Cannstatt nicht schlecht, denn nun gab es ein gutes Ende der Geschichte: Sie fand Perseus neben Thelma sitzen. „Ich erinnerte mich, dass am Vortrag eine große Gruppe Amazonen zur Nahrungssuche Richtung Stuttgart-Ost davongeflogen war“, so Arai. Sie vermutete, dass die Gruppe Richtung Degerloch geflogen war und Perseus ihre Laute hören konnte. „In einer ruhigen Umgebung kann das menschliche Ohr die Amazonen-Rufe aus zirka einem Kilometer Entfernung hören“, so Arai. Jetzt ist Perseus zurück und wieder bei seiner Partnerin. Damit gibt es ein glückliches Ende für das Vogelpaar, welches zuletzt auf einem Schlafbaum in der Daimlerstraße gesehen wurde. Spannend wird, ob sie dieses Jahr erstmals brüten und Junge bekommen. „Perseus geht’s nach wie vor gut und er schläft gerade gerne in der König-Karl-Straße direkt vor der Volksbank.“

Tomoko Arai rät, wer eine verletzte Amazone findet, sollte prüfen, ob der Vogel fliegen kann und ihn an einer sicheren Stelle in der Nähe wieder freilassen. Wenn der Vogel flugunfähig ist, sollte Kontakt per E-Mail unter papageien@stuttgarter-amazonen.de aufgenommen oder bei der Expertin unter Telefon 38 66 86 angerufen werden.

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