Grabungsleiterin Gaelle Duranthon zeigt die tiefe Grabung in dem großen römischen Steinhaus in der Düsseldorfer/Essener Straße. Foto: Iris Frey - Iris Frey

In dem Wohnbauareal Essener/Düsseldorfer Straße sind bei einer Rettungsgrabung von Archäologen luxuriöse Steinbauten entdeckt worden mit Fußbodenheizung.

Bad CannstattIn Bad Cannstatt gibt es zahlreiche Erinnerungsstätten und Spuren der Römer. Die meisten stehen hier schon seit vielen Jahren. Jedes Monument hat seine Geschichte, die wir hier vorstellen werden. Andere Funde kommen aktuell hinzu, wie die Ausgrabungen in der Essener/Düsseldorfer Straße. Hier wurden jetzt zwei römische Steinbauten gefunden, die Grabungsleiterin Gaelle Duranthon von Archeo BW vorstellte, zusammen mit dem beaufsichtigenden Landesamt für Denkmalpflege. Überraschend war, dass hier luxuriöse Steinhäuser gefunden wurden aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus anstatt erwarteter Holzhäuser. Und das rund 200 Meter nördlich des Römerkastells an der Römerstraße nach Norden. Das zeigt: Hier befand sich eine zivile Siedlung von begüterten Händlern und Handwerkern. Die Grabungsmitarbeiter waren überrascht, als sie die Außenmauern eines großen vermutlich zweistöckigen Steinbaus fanden, der etwa acht Meter lang war. Es handelt sich um ein Streifenhaus und könnte insgesamt sogar bis zu 30 Meter lang gewesen sein. In dem Haus hat es zweimal gebrannt, wie die schwarze Erde zeigte und es war mehrfach bewohnt, wie Duranthon erklärte, die mit ihren 1,60 Metern Größe an der freigelegten Mauer hinabstieg und damit demonstrierte, welch Besonderheit der tiefe Grabungsschnitt zeigt: das Profil der Mauer mit Rollierung.

Nur wenige Meter weiter nördlich fand sich ein zweites Haus aus Stein, ebenfalls aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus mit einer Fußboden- und einer Wandheizung, einem Hypokaustum. Außerdem zeigte Duranthon farbig bemalten Wandverputz, der hier gefunden wurde, und wie die Römer über eine Feuerstelle und einen Kanal aus Steinen die warme Luft auch in den zweiten Stock geleitet haben. Jeden Tag werden auf der Baustelle etwa zehn bis 15 Eimer mit Fundstücken geborgen: Keramik, Ziegel, Glas und Tierknochen. Auch eine Fibel fand sich, vermutlich aus einem Zaumzeug. Thiel zieht den Schluss: „Die ganze Fläche war von wohlhabenden Wohn- und Geschäftshäusern bedeckt und das römische Cannstatt hatte eine besondere Funktion.“ Noch bis Ende August wird hier die Rettungsgrabung stattfinden, bevor die SWSG dann 128 Wohnungen mit Tiefgaragen baut, die zu 60 Prozent öffentlich gefördert sind und Ende 2020/Frühjahr 2021 fertig sein sollen, wie Lars Hoffmann von der SWSG erklärte.

Thiel wies darauf hin, dass es bis heute nur wenige Erkenntnisse über das römische Cannstatt gibt. Aber diese Ansiedlung stehe im Zusammenhang mit der erstmaligen Stationierung römischer Truppen im Römerkastell, welches im Jahr 100 nach Christus geschah. Dass römische Soldaten dort auch aus Spanien kamen, berichtete die Grabungsleiterin, denn es seien auch Amphoren aus Spanien gefunden worden. „Im Römischen Reich war viel Bewegung“, beschrieb die gebürtige Französin die Situation von damals.

Ob es hier in dieser neu entdeckten Siedlung mit den Häusern wohlhabender Menschen eine eigenständige Verwaltung gab, ist noch unklar, auch vieles andere ist offen, ob und wie vielleicht auch das Mineralwasser genutzt wurde. So wurde in dem kleineren römischen Steinhaus eine Abgrenzung entdeckt – vielleicht eine römische Badewanne? Duranthon schließt nichts aus. Die Funde gehen ins Archiv des Landesamts für Denkmalpflege.

In den nächsten Folgen dieser Serie über römische Spuren in Cannstatt geht es um Monumente und Erinnerungsstücke, die sich insbesondere in der Altstadt an unterschiedlichen Stellen befinden und auf die auch Eberhard Köngeter in seinem historischen Buch „Cannstatter Geschichts-Breggala“ hinweist.

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