Entertainer Luigi vor dem Bavarian Village in London Foto: Felix Heck - Felix Heck

Auf dem Cannstatter Volksfest ist Hofnarr Luigi seit 16 Jahren Entertainer im Hofbräu-Zelt. Derzeit steht der Möhringer täglich im „Bavarian Village“ im Londoner Hyde Park auf der Bühne und begeistert die Besucher.

London/Bad CannstattEs ist Punkt 18 Uhr, als ein mit Mütze, Jeans und Trachtenweste bekleideter Luigi zum ersten Mal an diesem Freitagabend auf die Bühne tritt. Der Griff zum Mikrofon ist gekonnt, die kurze Feinjustierung am Mischpult ebenfalls, schon tönt der erste Stimmungshit aus den Boxen: Nur wenige Takte braucht es, ehe das ganze Bierzelt nach seiner Musik und seiner Pfeife tanzt.

Für einen Freitagabend auf dem Cannstatter Wasen wäre das kaum berichtenswert, schließlich tritt der als Hofnarr titulierte Entertainer bei Volks- und Frühlingsfest auf. Im Hofbräu-Zelt von Hans-Peter Grandl sorgt er seit 16 Jahren für gute Stimmung: Der Möhringer Graziano D’Arcangelo gehört als Stimmungsmaschine Luigi fest zum Waseninventar. An diesem Freitagabend aber ist es nicht das Hofbräu-Zelt, das lauthals den Text zu „Sweet Caroline“ mit grölt: Es sind die feierwütigen Gäste des „Bavarian Village“ im Londoner Hyde Park – bis zum 6. Januar das Winterquartier des Stuttgarters.

Zum dritten Mal bereits heizt der 56-Jährige in diesem Jahr den eisigen britischen Winter mit seinen Showeinlagen auf und bringt die Stimmung in der Almhütte zum Kochen. Das in Altholz-Optik gestaltete Zelt gehört mit zu den Hotspots auf dem Festplatz, bis zu 300 internationale Gäste werden hier zu Spitzenzeiten mit deutschem Essen, deutschem Bier und deutscher Unterhaltung versorgt. Entsprungen ist es dem Geschäftssinn eines hanseatischen Schaustellers, der jedes Winterhalbjahr zum Herrscher über einen Teil des Londoner Hyde Parks wird. Mit seiner Idee eines bayerischen Dorfes stieß Patrick Greier bei den Veranstaltern des „Winter Wonderlands“, einer Art weihnachtlicher Kirmes, auf offene Ohren: 2008 eröffnet, avancierte das „Bavarian Village“ schnell zur neuen Adventsattraktion. Heute umfasst das Megaprojekt ein eigenes Bierzelt, die etwas kleinere Almhütte und viele weitere Höhepunkte in bester Kirmestradition, allesamt mit dem bei den Briten beliebten Siegel „Made in Germany“ geadelt.

Neun Jahre lang kam die deutsch-britische Erfolgsgeschichte ohne schwäbische Generalvertretung aus, ehe Luigi 2017 erstmals Cannstatter Volksfestambiente importierte. „Die Band Frontal Party Pur, die auch auf dem Wasen auftritt und die ich sehr gut kenne, hat alles ins Laufen gebracht. Patrick Greier war 2017 noch auf der Suche nach einem passenden Programmpunkt für seine Almhütte und ist so auf mich aufmerksam gemacht worden“, berichtet Luigi von den Anfängen seines ersten internationalen Engagements. Zunächst noch skeptisch, packte der Hofnarr wenige Wochen später die Koffer und reiste für zehn Tage an die Themse – „für einen Probelauf“.

Doch wenn Luigi sich an diesen Kaltstart im Hyde Park erinnert, ist für einen kurzen Moment wenig übrig vom unerschrockenen Entertainer, der sonst bis zu 6000 Wasenfanatiker für sich begeistern kann. Eine absolute Katastrophe seien die ersten Auftritte im Hyde Park gewesen, erzählt er lachend: „Ich hatte wenig Vorbereitungszeit, war zum ersten Mal überhaupt in London und hatte mir nur schnell ein Englischbuch gekauft, um meine Sprachkenntnisse ein wenig aufzufrischen. Die ersten Auftritte waren daher unheimlich schwer.“ Doch er ließ sich nicht unterkriegen – und kehrte im Folgejahr über die volle Distanz von mehr als einem Monat zurück, nur über die Weihnachtstage machte er einen Abstecher in die Heimat: „Ich bin einer, der nicht nachgibt, ich will’s einfach immer wissen.“

Luigis Lebensformel schien sich im Hyde Park zu bestätigen: Wer den Hofnarren heute bei einem seiner Londoner Auftritte beobachtet, kann sich kaum vorstellen, dass der Mann einst ernstlich mit dem britischen Publikum zu kämpfen hatte. Mittlerweile ist es kurz vor halb sieben an diesem kalten Freitagabend. Die sonore Stimme des Entertainers füllt seit gut einer halben Stunde das Festzelt, jedes Lied wird mit frenetischem Applaus begrüßt. Luigi genießt sichtlich das Bad in der Menge, als er zum Retro-Hit „Buona sera Signorina“ von der Bühne springt und sich kurzerhand eine verdutzte Britin für eine flotte Tanzeinlage schnappt. „So etwas kann ich auf der großen Bühne im Hofbräu-Zelt nicht machen, da bin ich vom Publikum viel zu weit entfernt.“ Auch sonst gibt es wenig, was auf beiden Bühnen gleich gut funktioniert: „Wirklich jedes Engagement, sogar jeder Tag in diesem Beruf ist anders. Was ich aus Stuttgart mitbringe, ist meine Bühnenpräsenz und die langjährige Erfahrung. 80 Prozent meiner Shows kann ich im Vorhinein planen, die entscheidenden 20 sind komplett vom Publikum abhängig. Was heute noch ein Knüller war, kann morgen schon völlig in die Hose gehen. Diese wichtigen Nuancen gilt es, als Künstler auf der Bühne richtig zu deuten.“ Doch beim Publikum allein hören die lokalen Eigenheiten noch nicht auf: So muss Luigi sein musikalisches Repertoire in England von Liedern mit sexuellen Anspielungen oder Schimpfwörtern säubern, sonst bittet das Londoner Ordnungsamt zum Rapport. Auch der auf dem Wasen exzessiv verwendete „Zicke Zacke“-Ruf stellte Luigi zunächst vor Probleme, folgte auf ihn statt des „Hoi hoi hoi“ nur betretenes Schweigen. Erst ein Einheimischer konnte den Hofnarren aufklären: Wer nach dem Schlachtruf jauchzende Engländer sehen möchte, muss es hier mit „Jokey-Jokey-Jokey“ probieren.

Es ist spät geworden im winterlichen Hyde Park und eine weitere, typisch englische Tücke fordert Luigis Anpassungsfähigkeit. „Was auf dem Wasen die Lederhose, ist in London die lange Unterhose“, kommentiert Luigi die immer frostiger werdenden Temperaturen. Um 21 Uhr greift der Hofnarr ein drittes und letztes Mal an diesem Abend zum Mikrofon, Punkt 22 Uhr setzt der Lärmschutz den Feierlichkeiten ein Ende. Für Luigi bedeutet der Zapfenstreich das Ende eines weiteren langen Arbeitstages, auch wenn er zugibt: „Für mich ist das hier eigentlich eher Urlaub mit ein bisschen Arbeit. Ich bin froh, dass ich diesen Beruf ausüben darf, dass ich damit Geld verdienen und auf meine Träume hinarbeiten kann.“ Träume wie jenen, den er so zusammenfasst: „Ich möchte zum Hofnarren von London werden, mir hier wie in Stuttgart oder anderswo einen Namen als Unterhalter machen.“

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