Verena Loidl Foto: Andreas Beulich (z) - Andreas Beulich (z)

Eine Arbeitsgruppe Freiraum kümmert sich in Vorbereitung auf die Internationale Bauausstellung IBA27 auch um Entwicklungsmöglichkeiten in Bad Cannstatt, etwa, was das Baden im Neckar betrifft.

Bad CannstattDie 28-jährige Verena Marie Loidl forscht und lehrt im Zentrum für Nachhaltige Stadtentwicklung an der Hochschule für Technik Stuttgart und ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Freiraum“ im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Stadt Region Stuttgart (IBA ‘27).

Frau Loidl, Sie leiten die Arbeitsgruppe „Freiraum“ für die IBA in Stuttgart. Wie viele AGs gibt es denn?
Insgesamt stehen vier Fachforen mit den Themenschwerpunkten „Politik und Gesellschaft“, „Wirtschaft und Mobilität“, „Forschung und Technologie“ sowie „Planen und Bauen“ für die interessierte Zivilgesellschaft offen. Darin haben sich zirka 21 Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit den inhaltlichen Fragestellungen der Internationalen Bauausstellung „IBA StadtRegion Stuttgart“ bis zum Jahr 2027 beschäftigen.

Was ist das Ziel der Arbeitsgruppe „Freiraum“ bezogen auf Bad Cannstatt?
Unser Ziel ist es, öffentliche, regulative und experimentelle Freiräume in das Bewusstsein der Stadtgesellschaft zu rücken, einen neuen Diskurs über öffentliche Räume zu beginnen und damit mehr Mut und Kreativität bei Stadtverwaltung und -planung einzufordern. Heute wird den finanziellen Aspekten eine große Bedeutung zugeschrieben, weniger den tatsächlichen Gebrauchswerten und der Bedeutung für das Gemeinwohl. Wir fordern, dass den sozialen und ökologischen Werten zukünftig eine höhere Bedeutung zukommen muss. In Bad Cannstatt gibt es eine Vielzahl an bestehenden und möglichen Freiräumen, die Inhalt dieser Diskussion werden können. Ein zentrales Element stellt der Neckar dar, das verbindende Freiraumelement von Stadt und Region. Bad Cannstatt hat, wie viele andere Stadtteile und Kommunen in der Region, einen direkten Zugang zum Wasser, wirklich nutzbar ist der Neckar nicht. Mit der „Stadt am Fluss“ möchten wir uns intensiver beschäftigen.

Kürzlich war ein Bürgernetzwerk „Mehr Neckarfreude für Stuttgart“ demonstrierend im Neckar schwimmen. Das Thema Baden im Neckar spielt in Ihrer Arbeitsgruppe eine Rolle, inwiefern?
Der Neckar steht symbolhaft für die Notwendigkeit, kostenfreie, für alle zugängliche „blaue und grüne Freiräume“ zu schaffen. Diese haben eine andere Bedeutung als kostenpflichtige Infrastruktureinrichtungen, zum Beispiel Mineralbäder, die nicht für alle Bürger zugänglich sind. Zahlreiche öffentliche Räume sind mit der Aufforderung zum Konsum verbunden, aber eigentlich benötigen wir offene, niederschwellige und kostenfreie Räume für alle. Insbesondere im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel und zukünftige Herausforderungen: die Ballungszentren verdichten sich, die Individualfläche wird sich zukünftig reduzieren müssen, die Gesellschaft entwickelt sich dynamisch. Es gibt vielfältige Lebensstile und Bedürfnisse, soziale, kulturelle und berufliche Hintergründe. Dafür braucht es Räume zum Begegnen und Kommunizieren, zum Teilhaben, zur Förderung neuer Erfahrungen und zum Aufbau von Kultur und Subkultur.

Was könnten Sie sich zum Thema Schwimm- und Bademöglichkeiten am Neckar in Bad Cannstatt vorstellen?
Seit vielen Jahren werden Vorschläge von Privatinitiativen, Hochschuleinrichtungen und anderen Akteursgruppen entwickelt, um den Neckar in Bad Cannstatt zugänglich und nutzbar zu machen. Es mangelt also keinesfalls an Ideen, sondern am Mut und Willen zur Umsetzung. Die Erlebbarkeit und Nutzung des Neckars als identitätsstiftender Freiraum würde die Lebensqualität in der Stadt und Region deutlich erhöhen. Unsere AG zielt auf einen anderen Umgang mit Freiräumen ab und nicht auf die Umsetzung einer einzigen konkreten Idee.

Welche Chancen gibt es dafür, dass die Ideen verwirklicht werden können?
Welche Ideen im Rahmen der IBA‘27 umgesetzt werden, können wir zum aktuellen Zeitpunkt schwer abschätzen. Über die Nominierung einer Stadtentwicklungsidee als IBA-Projekt entscheidet ein Kuratorium aus internationalen Experten. Es darf aber nicht das alleinige Ziel sein, einigen wenigen Projekten ein Label zu verleihen. Vielmehr muss es im Rahmen der IBA‘27 gelingen, eine neue Diskussion zu beginnen und anderen Akteuren das Recht auf Mitgestaltung zu geben. Die IBA ist keine reine Architekturausstellung. Es geht vielmehr um Architektur, Städtebau und Freiraum als partizipativen Prozess, also gemeinsam entwickelt, gestalterisch komplex und offen für Veränderungen. Wir hoffen, dass Verwaltung und Politik nach 2027 Entscheidungen auf Grundlage anderer Werte und unter gerechter Beteiligung aller treffen. Mit einer neuen Haltung zur Produktion von Raum kann auch die Idee des Neckars realistisch werden.

Welche Freiräume haben Sie im Visier?
Es passen viele Freiräume inhaltlich gut in unsere Diskussion und zu einigen Initiativen haben wir bereits Kontakt aufgenommen, beziehungsweise befinden uns in Gesprächen. Die Suche ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir setzen uns konkret vor Ort mit den Räumen auseinander, darunter der Neckar, die Rosensteinbrücke, das Kulturschutzgebiet oder die frei werdende Fläche des Züblin-Parkhauses in der Leonhardsvorstadt. Es geht uns um mögliche Freiräume, die im Spannungsfeld vieler Interessen stehen und deren zukünftige Nutzung gemeinsam ausgehandelt werden muss.

Die alte Eisenbahnbrücke gehört dazu. Was würden Sie sich dort vorstellen?
Wir fordern eine attraktive Verbindung für Menschen, die zu Fuß gehen oder Rad fahren. Die derzeit geplante Verbindung unter der neuen Brücke ist sehr schmal und kein besonders einladender Übergang. Wenn wir über eine nachhaltige Mobilitätskultur nachdenken wollen, müssen wir die aktiven Formen der Mobilität fördern und lebenswerte öffentliche Räume schaffen, die nicht ausschließlich dem schnellen Transit dienen, sozusagen multitalentierte Freiräume.

Wer entscheidet letztendlich, welche Projekte der Arbeitsgruppen in die Tat umgesetzt werden?
Die Umsetzung aller Projekte ist an die kommunale Planungshoheit gebunden, also letztendlich entscheidet der Gemeinderat. Welches Projekt die Kraft hat, sich als IBA-Projekt zu behaupten, wird sich zeigen. Der gesamte IBA-Prozess ist eine wichtige Plattform, um neue, zukunftsgewandte Projektideen anzustoßen und umzusetzen. Hier liegt die Chance in der Vernetzung verschiedener Akteure über das Format der IBA-Netze.

Bis wann läuft die Frist? Wann müsste mit der Umsetzung begonnen werden?
Die IBA ist ein offener Prozess, es gibt weder Fristen noch Vorgaben. Es geht um Qualität und Innovation auf unterschiedlichen Ebenen, um den Prozess an sich, nicht nur um fertig gebaute Projekte, die sich wie Bilder in einem Museum besichtigen lassen. Auch nach 2027 ist eine Umsetzung möglich. Zum Beispiel gehört das Rosensteinviertel zum IBA-Netz. Hier könnte frühestens 2029 mit dem Bau begonnen werden.

Werden diese Projekte dann auch der Öffentlichkeit vorgestellt?
Die IBA GmbH hat im Vorfeld zehn Thesen für den Prozess aufgestellt und eine davon bezieht sich auf die Teilhabe der Zivilgesellschaft an der Gestaltung von Stadt und Region. Es besteht bereits die Möglichkeit, sich über IBA-Netz-Projekte zu informieren, eigene Projekte einzureichen und an IBA-Veranstaltungen teilzunehmen. Bis jetzt beteiligt sich die übliche Architektur- und Stadtplanungsszene an dem Prozess. Hier würde ich mir eine größere Durchmischung mit der Zivilgesellschaft und auch die Beteiligung der jungen Generation wünschen. Nur durch das Zusammenwirken aller können wirklich neue Gedanken zu Stadt und Region entstehen. Letztendlich haben wir doch alle ein Recht auf Mitbestimmung.

Was würden Sie bei den Freiraum-Möglichkeiten in Bad Cannstatt gerne verwirklicht sehen?
Ich sehe in vielen Projekten ein großes Potenzial, aber die Zugänglichkeit des Neckars kann für viele Menschen in der Stadtregion einen Mehrwert bedeuten. Wasser ist Lebensqualität und ein großer Standortfaktor. Die vielfältigen ungenutzten Potenziale und Freiräume müssen wir gemeinsam aktivieren.

Die Fragen stellte Iris Frey.

Die nächste Exkursion der AG Freiraum zum Kulturschutzgebiet ist am 28. August. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Anmeldung und weitere Informationen per E-Mail an infor@agfreiraum.de.

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