So gedrängt wünschen sich die Händler die Kundschaft. Foto: LG/Christoph Schmidt - LG/Christoph Schmidt

Auch in Stuttgart rücken Themen wie Erreichbarkeit und Mobilität immer mehr in den Fokus. Der Handel muss weiter wettbewerbsfähig sein.

StuttgartHandelsverbandspräsident Hermann Hutter verbreitet zum Start des Weihnachtsgeschäfts Optimismus: „Die Konsumstimmung ist gut. Denn noch ist die Konjunktur gut, nur das Wachstum ist gebremst.“ Gestützt ist Hutters Einschätzung von Umfrageergebnissen unter den Einzelhändlern im Land. Danach glauben nur noch 37,4 Prozent der Händler an einen Umsatzrückgang im Jahr 2019. Im Vorjahr waren es noch fast die Hälfte der Befragten, die von schlechten Geschäften ausgegangen waren.

Auch die Werte einer Weihnachtsumfrage unter Konsumenten zusammen mit der Dualen Hochschule machen Hutter Hoffnung. Demnach werden im Land in der Spitze wohl bis zu 600 Euro für Weihnachtsgeschenke ausgegeben. Im Schnitt liege das Budget pro Kopf bei 378,80 Euro. Die beste Nachricht dieser Umfrage aus Sicht des Handels ist jedoch, dass fast 70 Prozent dieses Budgets im stationären Handel ausgegeben werden soll. Und: Die Weihnachtseinkäufe bleiben für rund 76 Prozent der Menschen etwas Besonderes. So kommt es zu folgenden Zahlen: Von Januar bis August setzte der Einzelhandel im Südwesten preisbereinigt 2,5 Prozent mehr um als im Vorjahreszeitraum. Daher geht der Handelsverband, auch in Erwartung eines guten Weihnachtsgeschäfts, für das Gesamtjahr weiter von einem Umsatzplus von rund zwei Prozent aus.

Wer sich jedoch in der Stuttgarter Innenstadt umhört, bekommt ein anderes Bild. Vor allem bei den gebeutelten Textilhändlern, die bis zu 65 Prozent der Handelstreibenden in der City ausmachen, wächst die Nervosität. Der Grund: Der Umsatz des Weihnachtsgeschäfts macht bei einigen den Löwenanteil aus. Während im Buchhandel der Umsatz im Weihnachtsgeschäft nur knapp 30 Prozent des Jahresumsatzes ausmacht, gehen Spielwaren- und Textilhändler von bis zu 40 Prozent aus. Es geht also in den kommenden Wochen um alles. Bisher sieht es aus Sicht der Textiler alles andere als gut aus.

Dabei spielt auch das bisher milde Wetter eine wichtige Rolle. Kaum einer kauft derzeit Winterware, die Lager sind voll, und die nächste Sale- und Rabattaktion – auch der Black Friday – steht vor der Tür. „Von daher muss ich Wasser in den Wein in die Aussagen des Handelsverbands gießen. In Stuttgart sieht die Sache leider ganz anders aus“, sagt Textilhändler Uli Bühler, der in der Hirschstraße seinen Laden betreibt. Auf die Frage, wie der Handelsverband auf seine Einschätzung komme, meint Bühler: „Weil in dieser Umfrage natürlich auch der Händler aus Ravensburg und Ulm zu Wort kommt. Dort ist die Lage aber aufgrund der Rahmenbedingen komplett anders als in Stuttgart.“

Horst Wanschura, der Klamotten im Firnhaber-Gebäude verkauft, kann Mitbewerber Bühler „zu hundert Prozent zustimmen“. Die Stadt sei leer, Kunden aus der Region scheuten den Weg nach Stuttgart: „Die Stadt blutet aus.“ Dem widerspricht City-Manager Sven Hahn. „Die Frequenzmessungen zeigen, dass die Stadt im Vergleich zum Vorjahr vor allem an den Samstagen eindeutig wieder besser besucht ist.“ Seine Stichprobenumfrage unter Händlern und Gastronomen in der Stadt zeige, dass die Lage nicht rosarot sei, aber es auch zufriedene Leute gebe.

Dennoch haben alle dasselbe Problem, das auch der Handelsverband immer wieder kritisiert: die schlechte Erreichbarkeit der City. In der Mitgliederumfrage des Verbands landet das Thema „Erreichbarkeit und Mobilität“ knapp vor dem Thema „Attraktivitätsverlust Innenstädte“ und „Frequenzrückgang“ auf Platz eins der größten Herausforderungen für den Handel. Die zweite Umfrage des Handelsverbands mit der Dualen Hochschule unter Konsumenten bestätigt das. Danach ist für 95,8 Prozent der Konsumenten eine „gute Erreichbarkeit“ wichtig.

Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands, verteilt daher an die Kommunalpolitik Hausaufgaben: „Wir brauchen neue Mobilitätskonzepte. Zudem muss der Ausbau dieser Konzepte schneller vorangehen.“ Ebenso wichtig sei der Ausbau digitaler Netze, um im Handel wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch die Bürokratie, die dem Handel das Leben schwermache, kritisierten Hagmann und der Verbandspräsident. Hutter nannte es daher eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik und Handel, „daran zu arbeiten, dass die Innenstädte attraktiv bleiben“.

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