Hagelfliegerpilot Rainer Schopf zeigt den Rauchgas-Generator unterm Flügel seiner Partenavia. Foto: Mathias Kuhn

Seit 40 Jahren gehen sie in die Lüfte, um andere zu schützen: die Hagelflieger. Bei Unwettergefahr „impfen“ sie mit Erfolg Gewitterwolken, damit in ihnen sich keine große Eisklumpen bilden.

Untertürkheim - Geborstene Fenster, zerstörte Dächer, zerbeulte Solarzellen, Motorhauben, die an einen Golfplatz erinnern, demolierte Obstplantagen und Reben, an denen kein Blatt und erst recht keine Traube mehr hing – ein Sommerunwetter mit Golfball-großen Hagelkörnern hat Ende Juli 2013 in einem Gebiet von Reutlingen bis Göppingen einen Millionenschaden hinterlassen. In den vergangenen sechs Jahren blieb die Region glücklicherweise von vergleichbar verheerenden Hagelschlägen verschont. Mutige Flugzeugpiloten haben daran einen erheblichen Anteil. Bei heraufziehendem Unwetter gehen die Hagelflieger in die Luft und schützen die Region vor Ereignissen wie vor sieben Jahren. Präzise Wetterdaten und die Erfahrung der Piloten machen’s möglich.

„Seit 40 Jahren gibt es die Hagelabwehr in der Region. 1980 fingen wir als Pilotprojekt mit einer Maschine an“, sagt Rainer Schopf. Der Pilot gehört zu den Männern der ersten Stunde. Mittlerweile sind bis zu vier Flugzeuge zur Hagelbekämpfung in der Region im Einsatz. Zwei extra für den Einsatz umgebaute Partenavia-Maschinen sind auf dem Stuttgarter Flughafen stationiert. Ein Konsortium aus Kommunen, Weinerzeugern, Unternehmen und Versicherungen finanziert deren Einsätze und die Bereitschaft. Sie decken den Hagelschutz für die Region Stuttgart ab. Zwei zusätzliche Flugzeuge werden von den WGV-Versicherungen bezuschusst. Sie sollen den restlichen württembergischen Raum schützen. „Im Ernstfall von Friedrichshafen bis Tauberbischofsheim“, sagt Hagelpilot Frank Kasparek.

In der vergangenen Saison – sie dauert von Mitte April bis Ende September – hoben die beiden Stuttgarter Partenavia-Flugzeuge an 15 Tagen ab, flogen insgesamt 27 Einsätze in der Region und waren fast 34 Stunden im Kampf gegen die Gewitterwolken in der Luft.

Auch gestern war Schopf alarmiert. Die Piloten stehen mit Meteorologen der Radar-Infozentrale aus Karlsruhe in ständigem Kontakt. „Sie liefern uns zuverlässige Prognosen aufs Smartphone und im Einsatzfall alle fünf Minuten präzise, aktuelle Daten ins Cockpit“, sagt Schopf. Für den gestrigen Abend hatten die Wetterbeobachter bereits am Dienstag eine Gewitterfront mit hoher Hagelwahrscheinlichkeit im Schwarzwaldgebiet vorhergesagt, Ausläufer könnten am Abend aber auch die Region Stuttgart streifen – die Bereitschaftsampel wechselte von Gelb auf Orange. Für Schopf und seine Stuttgarter Kollegen bedeutete dies: Vorwarnung und Einsatzbereitschaft. „Die Sommer werden immer wärmer und vor allem über den überhitzten Städten können schnell lokale Superzellen entstehen. In ihnen können sich große Eisklumpen bilden, dem müssen wir vorbeugen“, sagt Schopf.

Dazu benötigen die Hagelpiloten die zigarrenförmig, silberne Vorrichtung, die unter den Flügeln der Flugzeuge hängt. Mit ihnen „impfen“ sie die Gewitterwolken mit Rauchpartikeln – Keime, die verhindern sollen, dass sich übermäßig große Eisklumpen bilden.

Die Methode scheint zu funktionieren. „Am 28. Juli 2013 waren zwei Hagelflieger in der Region Stuttgart unterwegs und bekämpften die Hagelwolken. Das Unwetter verlief in der Region glimpflich. Reutlingen hatte damals noch keine Hagelabwehr. Das Ausmaß der Schäden war verheerend“, führt Schopf als einen Beweis für den Erfolg der Hagelabwehr an. Die Millionenschäden haben zum Umdenken auch in anderen Landkreisen geführt. Weitere Kommunen und Unternehmen haben sich der Hagelabwehr im Bundesland angeschlossen. „Wir sind startklar und hätten dies zu unserem 40-jährigen Jubiläum auch gerne demonstriert. Das geplante Fest im April mussten wir jedoch leider absagen“, so Schopf.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: