Messer als Tatwaffe: Nur „Selbstschutz“? Oder „falsch verstandenes Männlichkeitsbild“? Foto: imago images/Ulrich Roth

Die Polizei bekommt es wieder mit mehr bewaffneten Konflikten unter gewaltbereiten Gruppen zu tun – manches Opfer hätte auch tot sein können.

Stuttgart - Das Kripodezernat 11, zuständig für Kapitaldelikte bei der Stuttgarter Polizei, arbeitet wieder mal auf Hochtouren. Fast hätte es eine tödliche Auseinandersetzung gegeben, frühmorgens im Stadtgarten, weil zwei Gruppen mit einer Handvoll junger Leute in Streit geraten waren. Zwei 19 und 22 Jahre alte Beteiligte blieben mit Stichwunden zurück, mit schweren bis lebensgefährlichen Verletzungen. Es ist nicht der erste schwere Zwischenfall – seit einigen Tagen blitzen in Stuttgart und der Region offenbar die Messer wieder häufiger auf.

Seit Samstag ermitteln die Kripobeamten die Hintergründe des blutigen Streits im Stadtgarten, einst beliebter Anlaufpunkt der Drogenszene in Sachen Haschisch und Marihuana. „Bunt gemischte Personengruppen seien hier aufeinandergeprallt, heißt es, aber mehr wollen die Ermittler nicht über ihr Wissen preisgeben – die Suche nach den Tätern soll nicht weiter gestört werden. Auch Alkohol soll eine gewisse Rolle gespielt haben.

Stunden zuvor krachte es in Ludwigsburg

Hat sich die mitunter brodelnde Szene von Schlossplatz und Eckensee nun etwa an andere Standorte verlagert? „Das kann man so nicht wirklich feststellen“, sagt Polizeisprecherin Elena Marino, die in jener Nacht selbst im Einsatz unterwegs gewesen ist. Dass sich an den Wochenenden in den frühen Morgenstunden streitbares Publikum in der Stadt aufhält, ist für die Stuttgarter Beamten jedenfalls nichts Neues. Statt Messer können dabei auch mal abgebrochene Glasflaschen im Einsatz sein – etwa wenige Stunden zuvor im Mittleren Schlossgarten zwischen zwei 20 und 41 Jahre alten Männern.

Ein ähnliches Problem wie die Stuttgarter Beamten hatten deren Kollegen in Ludwigsburg, die am vergangenen Freitag gegen 21.10 Uhr ebenfalls zu einer heftigen Auseinandersetzung ausrücken mussten. Dabei konnte die Ermittlungsgruppe Arsenal mehr Licht ins Dunkel bringen, nachdem sich im Bereich Schiller- und Arsenalplatz im Zentrum ein Konflikt mit Fäusten, Messer und Reizgaspistole entzündet hatte. „Als wir ankamen, waren die Beteiligten auf und davon“, sagt der Ludwigsburger Polizeisprecher Stefan Hermann. Fast alle jedenfalls. Ein 24-Jähriger blieb mit Reizgas getroffen zurück, ein 32-Jähriger war mit einem Messer schwer verletzt worden.

Das Messer – nur ein „Selbstschutz“?

Inzwischen kamen die Ermittler auf die Spur von vier jungen Männern im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Diese wurden am Donnerstagmorgen, nach fast einer Woche, in den Kreisen Ludwigsburg und Esslingen festgenommen. Um einen Bandenkrieg dürfte es nicht gegangen sein: „Es war wohl kein gezieltes Aufeinandertreffen“, sagt Polizeisprecher Hermann. Derjenige, der das Messer eingesetzt haben soll, sitzt wegen versuchten Totschlags in Untersuchungshaft. Ein besonderes Geburtstagsgeschenk zur Volljährigkeit: Kurz nach der Tat ist er 18 geworden.

Schon im Frühjahr vergangenen Jahres, vor der großen Phase der Lockdowns und nächtlichen Ausgangsbeschränkungen, hatte es bewaffnete Konflikte unter gewaltbereiten Gruppen gegeben – mit elf Verletzten in Stuttgart, Nürtingen, Plochingen, Esslingen, Böblingen, Schönaich und Schorndorf. Und schon damals hatten Streetworker festgestellt, dass es Jugendlichen nur schwer zu erklären sei, dass ein Messer nicht etwa ein „Selbstschutz“ ist. „Wo ein Messer ist, wird bald auch ein zweites sein“, formulierte es da schon Simon Fregin von der Mobilen Jugendarbeit. Der Zürcher Kriminalwissenschaftler Dirk Baier hatte gar ein klares Messer-Verbot für Jugendliche gefordert – unter ihnen gebe es „falsch verstandene Männlichkeitsbilder“. Doch Messer mit Klingenlängen unter 8,5 Zentimeter darf man in der Tasche haben.

Wegen versuchten Totschlags in U-Haft

Aber eben nicht benutzen. Deshalb sitzt jetzt ein 14-Jähriger aus Stuttgart in Untersuchungshaft. Am 2. Juni soll er im Merkelpark in Esslingen einen 17-Jährigen mit einem Messer verletzt haben – und auch eine 19-Jährige, die beide Streithähne trennen wollte. Dass ein 14-Jähriger bereits polizeibekannt ist und beim Haftrichter landet, deutet auf einiges auf dem Kerbholz hin. Darüber will Melanie Rischke, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, nichts weiter ausführen. Nur dieses: „Ermittelt wird wegen des Verdachts des versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“, sagt sie.

Wie alt mögen die Jugendlichen gewesen sein, die einen 55-Jährigen am 27. Mai in Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) mit einem Messer bedroht hatten? Der hatte im Stadtteil Enzweihingen zwei Jungs und ein Mädchen beim Einbruch in eine Gartenhütte erwischt. Und die etwa 14- bis 16-Jährigen verschafften sich mit der Waffe freie Bahn.

Rätsel um Stiche am Rande einer Demo

Weiterhin ungeklärt ist das versuchte Tötungsdelikt an einem 16-Jährigen am 15. Mai in der Stuttgarter Innenstadt. Der Jugendliche war gegen 18.45 Uhr mit lebensgefährlichen Stichverletzungen in der Klett-Passage beim Hauptbahnhof gefunden und mit einer Notoperation gerettet worden. Angeblich hatte der Jugendliche in der unteren Königstraße eine Auseinandersetzung schlichten wollen, die sich am Rande einer pro-palästinensischen Protestzugs entzündet hatte. „Das Hinweisaufkommen in unserem Video-Upload-Portal war bisher nicht sehr ergiebig“, sagt Polizeisprecherin Marino.

Dabei müsste sich der Vorfall ganz in der Nähe einer Polizeikette abgespielt haben, die auf Höhe der Theaterpassage gerade einen Pulk von Demonstranten aufhielt. Allerdings wäre das alles dann hinter dem Rücken der Beamten passiert.

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