Zurückhaltend, aber hoch präsent: Mike Rutherford. Foto: Lg/Petsch - Lg/Petsch

Die Band um Genesis-Gitarrist Mike Rutherford hat im Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle ganze Arbeit geleistet: mit einem genussvollen Pop-Rock-Soul-Set aus altem und neuem Material, das keineswegs mechanisch klang.

StuttgartGrößer geht fast nimmer: Am 5. Juni spielen Mike & the Mechanics in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena. Allerdings nur als Warm-up für Mike Rutherfords Genesis-Kumpel Phil Collins. Auf ihrer eigenen Deutschlandtournee gastierten die Mechanics in der Liederhalle und auch dort nur im kleineren Hegelsaal. Gut 1700 Fans wollten den Genesis-Gitarristen hören und sehen, derweil Collins sich in Kürze vor gut 40 000 Fans produzieren darf. Verkehrte Welt! Denn musikalisch sind beide, Collins wie Rutherford, herausragende Instrumentalisten und Songwriter. Doch während Collins’ Mainstream-Songs bisweilen überschätzt wurden, wurden die Mechanics-Werke seit der Gründung 1985 unterschätzt.

Zwei Rampensäue

Gleich zwei Rampensäue geben im Hegelsaal dem Affen Zucker und sorgen für gehörigen Druck auf und von der Bühne. Da ist zum einen Tim „The Power“ Howar. Seine Stimme ist kraft- und ausdrucksvoll, der 49-jährige Kanadier selbst ein strahlender Wirbelsturm, ein Energiebolzen und animierender Antreiber für den eher stoischen Rutherford. Howar glänzt insbesondere bei den eingängigen Uptempo-Nummern wie dem Opener „The Best is yet to come“ und bezieht das Publikum immer wieder mit ein. Wenn dagegen Andrew Roachford seine scheinbar schwerelose und samtweiche Stimme erhebt – Gänsehaut pur. Sofort wird, wie bei der Ballade „Let me Fly“, der Saal metaphorisch heller. Der 54-jährige Londoner ist der „Soulman“ der Mechanics. Mit Howar liefert er sich, wie bei „Try to save me“, hörenswerte Duelle, und er bekommt ausreichend Raum für seinen eigenen, brillanten Hit „Cuddly Toy“, mit dem er 1989 Nummer vier in England war. Aus zögerlichem Rock wird im Verlauf heißer Funk à la James Brown. Die ungezwungene Zelebration ist Spielfreude pur – und zwei Stimmen klingen größer als eine. Wie gut die vocale Doppelspitze harmoniert, zeigt „Get up“, eine schnelle, wunderbare Rocknummer mit ausgefeilter Melodie.

Perfekt zaubert der erfahrene Altmeister Rutherford ein genussvolles Pop-Rock-Soul-Set aus altem und neuem Material aus dem Hut, das ganz und gar nicht mechanisch, sondern sehr organisch wirkt. Klassiker wie „Another Cup of Coffee“, „All I need is a Miracle“ und Rutherfords Lieblingslied, das epische und ergreifende „The Living Years“, sorgen für viele Herzschmerz-Momente. Mit diesen Songs konnte der 68-jährige Brite all jene Ideen verwirklichen, die ihm bei Genesis im Laufe der Jahrzehnte verwehrt blieben. Aus deren Zeit hat er unter anderem „Land of Confusion“ ins Programm genommen, ein Energizer, der jede Zurückhaltung auflöst. Mit seiner Gitarre lässt Rutherford den Sound von Genesis lebendig werden – und doch ist der hervorragende Klang keine Kopie. Selbst „Out of the Blue“ vom gleichnamigen nagelneuen Album fremdelt nicht. Im Gegenteil: Das Stück ist nur ein weiterer Ohrwurm. Wie das nachdenkliche „What would you do“ über verlorene Freundschaften, das die Mechanics in ein semi-akustisches Intermezzo einbauen; mit der Interpretation des Genesis-Stücks „Follow you follow me“ enthält es auch den einzigen Missgriff des Abends.

Rutherford tritt im Unplugged-Set kurz ins Rampenlicht, ansonsten überwiegt seine britisch-vornehme Zurückhaltung, seine spröden Ansagen eingeschlossen. Im blauen Anzug steht er im Hintergrund und ist gerade deswegen sehr präsent. Er hat als „Man of the Men“ alles im Blick, muss nichts beweisen und tut es trotzdem. Sein Gitarrenspiel ist klar und präzise, „Silent Running“ veredelt er mit einem formidablen Solo. Der ebenfalls zurückhaltende Gitarrist Anthony Drennan steht ihm nur wenig nach. Beide wechseln sich auch am Bass ab. Und dann ist da noch Schlagzeuger Garry Wallis, der bereits mit Pink Floyd und Tom Jones tourte und den treibenden Rhythmus vorgibt. Die Fans steigen von Beginn an auf die Wucht ein, klatschen und singen, stehen dann und tanzen. Von wegen „I Can’t Dance“ – jene Paradenummer von Phil Collins, die Howar stimmlich überraschenderweise relativ überzeugend meistert.

XXXL-Version von „Word of Mouth“

Die einzige Zugabe ist eine 20-minütige XXXL-Fassung von „Word of Mouth“. Jeder der sechs exzellenten Instrumentalisten darf sich noch einmal als Solist zeigen. Roachford lässt mit „Superstition“ kurz Stevie Wonder aufleben, es fehlt eigentlich nur die Sonnenbrille. Howar moderiert stimmungsvoll, und Werkstattbesitzer Rutherford lässt mit dem Genesis-Einsprengsel „Firth of Fifth“ noch einmal seine Klasse aufblitzen.

Angesichts der glücklichen Gesichter im Publikum würde man den Smartphone-Kameraleuten am liebsten zurufen: „Packt eure Handys weg und genießt das!“ Nämlich Können und Spielfreude der Akteure. Mike und seine Mechaniker sind Handwerker im allerbesten Sinn, ohne jede Superstar-Attitüde. Die Meisterprüfung haben sie nach zwei satten Stunden bestanden. Mit Auszeichnung.

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