Leider ist er nur manchmal ganz der alte: Eros Ramazzotti. Foto: Lichtgut/Julian Rettig - Lichtgut/Julian Rettig

Der Italo-Rocker zeigt sich in Stuttgart nur selten in gewohnter Form. Viele seiner Hits hakt er recht zügig und eher schlecht als recht ab.

StuttgartKurz nach 20 Uhr fällt der weiße Vorhang, auf dem gerade noch, sehr unscharf, ein Cowboy durch die Wüste geritten ist – und Eros Ramazzotti steht auf der Bühne. Er trägt schwarze Halbstiefel, schwarze Jeans, eine schwarze Lederjacke mit Fransen an den Ärmeln, kurzrasierte, graue Haare und ein Eros-Bäuchlein. Der Italiener ist mittlerweile halt auch schon 55, aber noch immer ein attraktiver Frauentyp. Entsprechend viel Weiblichkeit unter den 8000 Fans macht dem Römer ihre Aufwartung. Sie stehen noch immer auf den Latin Lover, den Meister des roman(t)ischen Pop.

Bei seinen früheren Gastspielen in der diesmal bestuhlten Schleyerhalle konnte er stets auf eine spektakuläre Bühnenshow und musikalisch auf das Soundpotenzial einer hervorragenden zehnköpfigen Band bauen. Auch diesmal hat er zusätzlich zu zwei obligatorischen Backgroundsängerinnen acht Musiker um sich geschart, die einen ordentlichen Job verrichten. Das Bühnendesign scheint zudem wieder einmal innovativ zu sein. Eine überdimensionale Art Zunge, die sich schwungvoll vom Hallenhimmel hinab windet und als kurzer Bühnensteg ausläuft, dient als Projektionsfläche für allerlei Einspielungen. Doch der Aha-Effekt der atmosphärischen Bilder aus dem Weltall, von Wasserfällen, Wüstenlandschaften und Blumenmeeren verfängt nur zu Beginn. Später laufen Impressionen im Stile von Windows-Bildschirmschonern ins Leere. Hinzu kommt eine Lightshow, die ihren Namen nicht verdient. Fast das ganze Konzert über bleibt die lieblos zusammengestückelte und geteilte Bühne im Halbdunkel, massive technische Schwierigkeiten sind unübersehbar. Eros ist hinter einem immer wieder vorgeschobenen schwarzen Gaze-Vorhang oftmals gar nicht erkennbar.

Ohne Emotion und Charisma

Irritiert klatschen die Fans nur verhalten Beifall. Dabei gieren sie besonders nach den alten Hits. „Stella gemella“ beispielsweise oder den grauenhaft interpretierten Klassiker „Terra promessa“ oder „Dove c’è musica“, das er wie weitere in einem Medley verpackt. Das ist diesmal ein großes Manko: Viele dieser alten Hits hakt Eros arg zügig, wie gehetzt in Medleys ab. So auch „L’Aurora“ und „Adesso tu“, die er in klassischer Cantautore-Manier akustisch zelebriert, allerdings mehr schlecht als recht. Ramazzotti hat sie, wie andere Lieder auch, zum Nachteil umarrangiert, sie dabei ihrer Schönheit, ihrer Melodik und Betörung beraubt. Selbst formidable Titel wie „I belong to you“ und „Fuoco nel fuoco“, bislang stets konzertante Garanten für rockige Ausbrüche, werden seltsam emotionslos und ohne Charisma abgespult. Eros wirkt wie genervt. Die Wandlung vom schmusigen Italo-Popper zum berstenden Italo-Rocker, sie gelingt ihm in Stuttgart aufgrund einer völlig missratenen Programm-Dramaturgie in keiner Sekunde, obwohl er immer wieder persönlich zur Rockgitarre greift und Soli spielt.

Die Songs des neuen, 14. Albums werden mit wohlwollendem Applaus bedacht. Mit dem Titelsong „Vita ce n’è“ („Da ist noch mehr Leben“), einer Midtempo-Hymne, legt er zwar ordentlich los. Aber bereits beim zweiten Stück „Per il resto tutto bene“ ist schon nicht mehr alles in Ordnung. Hier wie bei „Ho bisogno di te“ schmeicheln sich die Melodien zwar Ramazzotti-typisch ins Ohr, bleiben dort aber wie ein zweiter Aufguss nicht haften.

Da Ramazzotti sieben neue Titel spielt, wirkt das 125 Minuten lange Konzert in Gänze mehr gefällig denn spektakulär, mehr solide denn faszinierend, mehr nett denn mitreißend. Der Eindruck drängt sich mit zunehmender Dauer auf: Ramazzotti will die Früchte ernten, hart arbeiten will er dafür nicht mehr. Man nennt das auch das Pareto-Prinzip (80 Prozent Ergebnis mit 20 Prozent Aufwand), benannt nach dem italienischen Ökonom Vilfredo Pareto. Wenn es eines optischen Beweises bedarf, dann ist es Ramazzottis linke Hand, die er allzu oft in seiner Hosentasche verschwinden lässt.

Dabei ginge viel mehr. Die dramatisch-orchestrale Ballade „In Primo Piano“, die Eros an einem durchsichtigen, illuminierten Flügel intoniert, ist ein ganz starker Moment. Und mit „Per le strade una canzone“, bei dem sich Ramazzotti mit „Despacito“-Star Luis Fonsi auf der Videoleinwand duelliert, zaubert er gar Karibikfeeling in die Arena. Doch statt die Latin-Stimmung in Ausgelassenheit umzumünzen, wendet sich der dreifache Vater ab und macht alles wieder zunichte. Als wollte er die Herzen nicht springen, die Beine nicht tanzen und sich und niemanden mal aus der Kurve tragen lassen. Ramazzotti beschäftigt sich zumeist mit sich selbst, mit der Band, der Bühne und der Technik – und zu wenig mit dem Publikum, dem er als Weltenretter vor und nach „Primo Piano“ wort- und erklärungslos mit Videos über die Vermüllung der Erde und der Meere sowie die Verschmutzung der Luft ins Gewissen bohrt.

Spaß im Schlussdrittel

Erst im Schlussdrittel kommt Spaß, kommt Begeisterung auf, nachdem Schlagzeuger Eric Moore aus Los Angeles das Publikum im Alleingang angeheizt hat. Der Weckruf ist beim bedröppelt zuhörenden Eros ohrenfällig. Plötzlich „funktioniert“ er, wie man ihn kennt. Plötzlich klingen Songs wie „Se bastasse una canzone“ mit Moores gospeligem Intro, der Höhepunkt „Cose della Vita“ mit Monica Hill als Tina Turner-Ersatz und die grandiose Hymne „Musica è“ so kraftvoll, so dreckig, so satt, wie man es sich von Anfang an gewünscht hätte. Eros fängt kurzzeitig Feuer, versprüht Charme und Charisma. Und seine Reibeisen-Stimme klingt wunderbar gefühlvoll wie zu Zeiten seiner großen Hits vor teilweise rund 30 Jahren.

Die Zugabe ist Spiegelbild und Zusammenfassung des regulären Sets. Die Bandvorstellung ist witzlos, der leidenschaftliche Fußballfan hängt peinlich das Kind im Manne raus, „Più bella cosa“ als Abschluss wiederum gerät hervorragend. Zum ersten und letzten Mal singt die Halle mit voller Überzeugung mit. Es ist noch Leben in Eros, aber es muss auf der Bühne deutlich mehr ausgelebt werden.

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