Schottergärten haben weniger Vorteile als man denkt. Foto: focus finder/Adobe Stock

Die Instagram-Seite gaerten-des-grauens sammelt viele grausige Fotos von Schottergärten in ganz Deutschland. Wieso entscheidet man sich für einen solchen „Garten“? Und gibt es die auch in schön?

Esslingen - Sie scheinen das Tor zur Gärtnerhölle zu sein. Kies und Schotter soweit das Auge reicht. Zwischen den Steinen wagt sich vereinzelt Unkraut ans Tageslicht. Ganz vorsichtig, weil selbst das Unkraut nicht weiß, ob es hier wachsen möchte. Das höchste der Gefühle: ein trauriger, verkümmerter Bonsai, als einziger Farbtupfer im grauen Meer. Die Instagram-Seite „gaerten_des_grauens“ zeigt etliche, wirklich grausige Beispiele von Schotter und Kiesgärten. Da stellt sich doch die Frage, warum machen Menschen so etwas? Und vor allem: Gibt es die auch in schön?

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Wenn es nach Ministerpräsident Winfried Kretschmann geht, eher nicht. Auf einer Pressekonferenz vergangenes Jahr, bezeichnete er diese Art der Landschaftsgestaltung als „fürchterlich“. Warum es Schotter- und Kiesgärten gibt, bringt ein Blick ins Internet zu Tage. Hier stößt man immer wieder auf Begriffe wie modern, pflegeleicht und unkrautfrei. Sie würden optische Ruhe bringen.

Modern sind die „Gärten“ allemal – sie werden zumindest immer beliebter. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) beobachtet mit Sorge, dass sich immer mehr deutsche Vorgärten in Steinwüsten verwandeln. Dabei würden viele Gartenbesitzer vergessen, dass auch kleine Grünflächen eine besondere Bedeutung für die Artenvielfalt und das Stadtklima hätten. Sie seien Lebensraum für Pflanzenarten, Insekten und Vögel, „Grünflächen liefern saubere, frische Luft“, sagt der NABU. „Kies- und Steinflächen heizen sich dagegen stärker auf, speichern Wärme und strahlen sie wieder ab.“ Also schlecht für Natur und Stadtklima. Ein Grund, weshalb immer wieder ein Verbot dieser Steinwüsten gefordert wird. In Heilbronn gibt es das sogar schon.

Wirklich pflegeleicht?

Dann muss die Existenz dieser Vorgarten-Wüsten durch andere Vorteile berechtigt sein. Wie sieht es mit der Pflege aus? Einmal anlegen und nie wieder anrühren müssen – ganz so einfach sei das nicht, sagt der Esslinger Garten- und Landschaftsbauer Florian Kaumeyer. „Viele meinen, Kies-, Schotter- oder Splitwüsten seien besonders pflegeleicht und eine Unkrautfolie verhindere das Durchwachsen von Wildkräutern.“ Auf Dauer sei es aber sehr aufwendig, eine Steinwüste sauber zu halten. „Selbst eine Unkrautfolie kann das Wachsen von Wildkräutern nicht verhindern zumal die Samen durch Wind und Vögel auch von oben kommen können“, erklärt Kaumeyer. Die Pflege scheint auch kein großer Pluspunkt zu sein, oder wie Kretschmann 2019 kommentierte: „Pflegeleicht darf bei der Natur nicht das Grundprinzip sein.“ Aus diesem Grund hat der Verband Garten- und Landschaftsbau die Initiative „Rettet den Vorgarten“ ins Leben gerufen. „Das Ziel ist die Aufklärung der Gartenbesitzer und damit die Verschotterung der deutschen Vorgärten aufzuhalten“, sagt Marco Riley vom Verband. „Besser und weniger zeitintensiv als Kieswüsten, ist zum Beispiel eine Staudenmischpflanzung.“

Zurück zur Ästhetik: Gibt es nur die grauen, unpersönlichen Schotterwüsten mit Obelisk in der Mitte, oder auch eine schöne, naturnahe Alternative? Kaumeyer klärt ein Missverständnis auf: „Ein schön angelegter Steingarten hat nichts mit einem Kies-, Schotter- oder Splitgarten zu tun. Das sind ja nur Flächen, die aus Steinen bestehen. Davon kann ich nur abraten.“ Der Fachmann versteht unter dieser Gartenart etwas anderes: „Ein gut angelegter Steingarten bietet vielen Pflanzen und Tieren einen wichtigen Lebensraum“, sagt er. Gerade an Hängen und auf kleinen Grundstücken, würden Steingärten Sinn machen. Wichtig sei dabei, dass Pflanzen dominieren. „Hier bieten sich beispielsweise Blaukissen an. Die legen sich dann wie ein Teppich über die Steine.“ Man kann also sagen: Steinwüsten stehen nicht zu Unrecht am Pranger. Für Gesteinsliebhaber geht es aber auch anders: Ein hübscher Steingarten, in dem Pflanzen dominieren, hat tatsächlich das Zeug zum Ruhepol – und ist gut zur Natur.

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