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Angeln und die Natur genießen wird immer beliebter. Auch am Max-Eyth-See. Anglern ist es dabei wichtig, die Ruhe zu spüren.

Hofen - Markus Münch hatte mit drei Jahren das erste Mal eine Angel in der Hand. Die Leidenschaft fürs Fischen ist ihm seitdem nicht abhandengekommen. Der heute 49-Jährige kann verstehen, dass sein Hobby gerade einen gewissen Boom erlebt. „Für mich bedeutet Angeln: in der Natur abschalten, entspannen – der Fisch ist nur ein Bonus obendrauf“, erläutert der EDV-Experte. Und in Corona-Zeiten sei das der ideale Sport, fügt er hinzu, während er seine Rute am Stuttgarter Max-Eyth-See auswirft.

Rund 10 000 Menschen im Südwesten haben das beschauliche Hobby für sich entdeckt und wollen ihm so schnell wie möglich an Seen oder Flüssen nachgehen. 3000 Angelfreunde hatten Glück und haben nach Angaben des Landesfischereiverbandes Anfang Mai die erste Fischereiprüfung seit einem Jahr abgelegt. In besonders großen Sälen in den Landratsämtern und Städten und in mehreren Tranchen wurde das Angelexamen coronagemäß organisiert. „Die haben sich sehr gefreut, endlich am Ziel zu sein“, sagt Verbandsgeschäftsführer Reinhart Sosat.

Aber 7000 weitere Frauen und Männer warten sehnlichst darauf, ihren Praxistag als Voraussetzung für die Prüfung zu absolvieren. „Denn Angeln kann man ja nicht nur theoretisch lernen“, sagt Sosat. Dass diese Treffen eines Ausbilders mit sechs Prüflingen am Wasser wegen Corona nicht erlaubt sind, versteht er nicht. „Der Aufenthalt an frischer Luft mit Masken und Distanz ist doch ziemlich risikolos.“ Doch langsam kommt Bewegung in die Sache: Nach Angaben des Sozialministeriums kann die praktische Ausbildung in Regionen mit einem Wert von unter 100 bei der Sieben-Tage-Inzidenz stattfinden. Das lange Warten hat die verhinderten Angler in spe umso mehr genervt, da sie eine 30-stündige Ausbildung hinter sich haben. Da geht es nicht nur simpel um die Kenntnis der Fische und Fangtechnik, sondern auch um Gewässerökologie und Fischhege sowie Fischereirecht, Tier- und Naturschutz. Von 60 Fragen müssen die Aspiranten in der Prüfung mindestens 45 richtig beantworten. Nach dem Bestehen kann man bei der zuständigen Gemeinde einen Fischereischein auf Lebenszeit beantragen.

Der Leiter der Fischereiforschungsstelle in Langenargen, Alexander Brinker, findet den Aufwand gerechtfertigt. „Es handelt sich um Wirbeltiere, und die haben gesetzlich einen hohen Schutzstatus und dürfen nicht unnötig leiden.“ Das heißt auch, dass die Hobby-Angler nur zum privaten Lebensmittelerwerb Fische fangen dürfen – nicht zum Spaß.

150 000 Menschen im Südwesten haben das begehrte Zertifikat und sind meist Mitglied in einem der 800 Angelvereine im Land. Im Bodensee fangen sie Felchen und Saiblinge sowie in Neckar und Rhein Karpfen, Hechte, Zander und vereinzelt Aale. Im Schwarzwald sind die Forellen und die Fliegenfischerei besonders beliebt. Kontrollen durch Kommunen, Angelvereine und am Bodensee durch die staatliche Fischereiaufsicht sorgen dafür, dass Flüsse und Seen nicht überfischt werden.

Angler müssen Schonzeiten und die Größe der Tiere beachten. Familienvater Münch darf im Jahr nicht mehr als 40 Hechte fangen. Wenn er Glück hat, fängt er schon mal ein Exemplar von einem Meter. „Da freut sich die Familie“, sagt der „Kochtopfangler“. Jeder Fang wird mit Datum, Uhrzeit, Länge und Gewicht ins sogenannte Fangbuch eingetragen, das er seinem Württembergischen Anglerverein am Jahresende vorlegt. Zahlen zum Aufkommen und den Fischarten seien gerade beim Max-Eyth-See notwendig, meint Münch. Dort verendeten aufgrund von Sauerstoffmangel im Sommer 2019 rund 50 000 Tiere. Der Hechtfischer merkt an magerer Ausbeute die Folgen des Fischsterbens.

Für den Angelsport muss man erst mal tief in den Geldbeutel greifen: Online-Kurs 150 Euro, Praxistag 150 Euro, Prüfung 35 Euro, Fischereiabgabe 8 Euro im Jahr plus Verwaltungsgebühr der Gemeinde – und natürlich das Equipment. Dessen Preisspanne reicht vom Discounter-Anfängerset für 25 Euro bis zur 2000 Euro teuren Luxus-Rute. Hinzu kommt die Vereinsgebühr, die zwischen 40 und mehreren Hundert Euro im Jahr pendelt. Je nachdem, ob der Verein einen trüben Tümpel oder einen attraktiven Schwarzwaldbach anzubieten hat. Verbandsmann Sosat verweist auf eine Studie, wonach Angler im Schnitt 9000 Euro im Jahr für ihr Hobby ausgeben, darunter auch Ausgaben für Angelreisen.

Fischforscher Brinker freut sich über das Interesse an einem Hobby, dem er selbst nachgeht. „Das ist wirklich eine gute Sache – wenn die Menschen die Natur erleben, wollen sie sie auch schützen.“ Auch ökologisch schneide Fisch glänzend ab. „Im Vergleich zu allen anderen tierischen Lebensmitteln liegt der Fisch vorn – er braucht keine Ställe, Fütterung, Kühlung und Transport und verursacht deshalb kaum CO2-Ausstoß.“

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