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Tennistrainer Johan Vinterstad spielt derzeit auf der Anlage des KV Untertürkheim bei Wind und Wetter. Trotz Kälte große Begeisterung

Untertürkheim - Schneeschippen ist nicht die Kernkompetenz von Johan Vinterstad. Dennoch hat der 56-Jährige in den vergangenen Wochen mehrmals zur Schippe gegriffen und losgelegt. Nicht etwa, um den Bürgersteig vor seiner Wohnung in Fellbach von der weißen Pracht zu befreien. Vielmehr, um wenigstens teilweise seinen Beruf ausüben zu können. Der selbstständige Tennislehrer wäre eigentlich spätestens seit dem verhärteten Lockdown arbeitslos gewesen – Tennishallen wurden ja endgültig geschlossen. Das Nutzen der Sandplätze im Freien ist seit Ende Oktober nicht mehr möglich – der Untergrund lässt es nicht zu und für gewöhnlich fröstelt es die Tenniscracks zu diesen Zeiten. Im Lockdown im Frühjahr sei die finanzielle Unterstützung des Staates noch geflossen, so Vinterstad. Für den November hat er noch keine Hilfe erhalten, weil das Stellen des Antrags sehr kompliziert sei. So ergehe es auch vielen seiner Kollegen, weshalb diese Mini-Jobs angenommen hätten.

Vinterstad suchte nach einer anderen, corona-konformen Lösung, um wenigstens teilweise seinem Job nachkommen zu können. Und Not macht bekanntlich erfinderisch. Der Trainer, der seit 1993 – auch als Spieler – in Diensten des KV Untertürkheim steht, hat sich den Bolzplatz am Dietbach zusammen mit einem Kollegen zu Nutzen gemacht: Ein Allwetterplatz, auf dem auch Tennislinien aufgezeichnet sind. Kurzerhand wurde ein Netz gespannt, der technische Leiter Thomas Schmitt unterstützte ihn, hat ein provisorisches Gerüst mit Flutlichtern hochgezogen, „damit wir auch bis 19 Uhr spielen können“, sagt Vinterstad. Damit der gebürtige Schwede aber auf den grünen Platz konnte, musste er in den vergangenen Wochen mehrmals Schnee wegräumen. Und Übung macht auch an der Schippe den Meister. „Am vergangenen Dienstag war ich in 45 Minuten fertig, zuvor hat es um einiges länger gedauert.“

Das Tennisspielen – nur Einzel ist zulässig – im Freien zu Winterzeiten bei Temperaturen teilweise um den Gefrierpunkt ist gefragt. „90 Prozent meiner sonstigen Schützlinge kommen, teilweise im Skianzug und mit Mütze.“ Auch bei Schneegestöber und schlechter Sicht seien manche motiviert bei der Sache gewesen.

Von Montag bis Freitag steht Vinterstad, der 1988 als Spitzenspieler vom TEV Fellbach verpflichtet wurde und seitdem im Ländle heimisch und verheiratet ist, drei bis vier Stunden auf dem Freiplatz. Das „Winter-Training-Spezial“ richtet sich hauptsächlich an Kinder- und Jugendliche – zwischen 20 Minuten und einer Stunde jagen sie den Bällen hinterher. Aufgrund des Lockdowns und des einhergehenden Sportverbots sind die Nachwuchstenniscracks „froh über jede Bewegung“, weiß der 56-Jährige. Aber auch die Eltern. „Ich finde es super, dass sich beim KVU eine Alternative bietet und sich die Kinder wenigstens etwas sportlich betätigen können“, sagt Stephanie Mierzwa, während ihre neunjährige Tochter Polly am T-Feld stehend die Bälle begeistert mit dem Coach per Vorhand, Rückhand oder Volley übers Netz spielt.

Und kalt? „Überhaupt nicht, das macht voll Spaß“, sagt die mit einem Anorak bekleidete Polly zwischen den Ballwechseln. Vinterstad, der aus Oxelösund, etwa eine Autostunde entfernt von Stockholm stammt, kennt die Eiszeit beim Sport mit der Filzkugel aus seiner Kindheit. Es sei durchaus üblich gewesen, im Winter in Traglufthallen Verbandsspiele um 9 Uhr zu beginnen. Das Problem: Erst im Laufe des Vormittags sei die Heizung angesprungen und „wir haben auch schon mal bei minus zehn Grad angefangen. Doch das war einmal, lacht der Kälte erprobte Schwede, „ich bin mittlerweile etwas empfindlicher geworden“. Aber wie heißt es so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Dementsprechend schwingt der KVU-Coach den Schläger mit Wollhandschuhen, hat bis zu „fünf Trainingsjacken“ übergezogen. So sei es „erträglich, macht riesigen Spaß und ich kann immerhin teilweise meinen Beruf ausüben“.

Seit Ende dieser Woche klettert das Thermometer. Vinterstad kann die Schippe vorerst ins Eck stellen und sich ausschließlich seiner Kernkompetenz widmen – dem Tennisspielen.

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