T.C. Boyle im November 2017 bei der LesART in Esslingen. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Faszination und Schrecken psychedelischer Drogen lotet der amerikanischen Pop-Literat T.C. Boyle aus. In seinem Roman "Das Licht" begibt sich die geistige Elite auf einen LSD-Trip.

MünchenDie Suche nach dem Licht, nach einem vollkommen neuen Horizont, raubt dem jungen Wissenschaftler, Fitz genannt, den Verstand. Denn sein Bewusstsein öffnet die halluzinogene Droge LSD nur am Anfang. Dann bleibt dem Suchenden in Tom Coraghessan Boyles neuem Roman „Das Licht“, der am Montag zuerst in deutscher Sprache erscheint, nichts als die dumpfe Gier nach Sex und nach Alkohol. Mit der ihm eigenen Ironie denkt sich der amerikanische Pop-Literat, der 2018 seinen 70. Geburtstag feierte, in die Köpfe der Jünger des Hippie-Gurus Timothy Leary hinein. Der Psychologe und Dozent an der Elite-Universität Harvard erforschte in den 60er-Jahren die Wirkung von LSD, das der Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1943 im Selbstversuch entdeckt hatte. Danach driftete Leary ab. Er landete im Gefängnis, floh ins Ausland.

Spiel mit Farben und Fantasien

Schon das Cover des neuen Boyle-Romans, der bei Hanser erschienen ist, spielt mit verwirrenden optischen Effekten. Auf den 380 Seiten reißt Boyle sein Lesepublikum in den Sog seiner Erzählkunst. Auf einer Lesereise durch Deutschland und die Schweiz, die am 4. Februar in Berlin beginnt, stellt der Starautor sein Werk vor. Das Experiment, Sprache mit psychedelischen Bildern fast wie in einem Drogenrausch anzureichern, ist geglückt. Schon im Vorspiel im Basel des Jahres 1943 spielt Boyle virtuos mit Farben und Fantasien. Da kommt die Sekretärin des Chemikers Albert Hoffmann, der bei seinen Versuchen mit Mutterkorn die Droge entdeckte, bei einem Selbstversuch mit neuen Welten in Berührung. Plötzlich sieht der Schaffner in der Straßenbahn aus wie ein Clown, die Stimme einer Frau erzeugt Farben: leuchtendes Grün, Frühlingsgrün, Bananengelb.

Mit leichten literarischen Strichen versetzt Boyle die Figuren in unbekannte Weiten. In diesem Niemandsland verlieren sie den Boden unter den Füßen. Mit dem geschichtlichen Exkurs schlägt der amerikanische Autor, der seinen Welterfolg mit historischen Romanen begründet hat, einen Bogen zur Entdeckung der Droge im Sandoz-Labor in der Schweiz. Der Blick auf die Persönlichkeit Albert Hofmanns, dessen Entdeckung nicht alleine der Forschung und medizinischen Zwecken diente, sondern die später ungezählte Menschen in die Abhängigkeit trieb, bleibt in dem mit etwas mehr als 30 Seiten zu knapp geratenen Kapitel diffus. Da lässt Boyle, dessen Kurzgeschichten durch ihre Dichte verblüffen, zu viele Lücken. Gar zu bezugslos schwebt dieses Vorspiel im literarischen Raum.

Das sind die Leser des Meisters brillanter Charakterstudien anders gewohnt. In den weiteren Teilen besinnt sich Boyle auf diese Stärke, lenkt den Blick auf die Anfänge des jungen Psychologen Fitz in Harvard. Der Elitestudent tut alles, um in den inneren Zirkel des Wissenschaftlers Tim Leary zu kommen. Das gelingt ihm und seiner Frau Joanie auch schneller als gedacht. Mit einem frustrierenden Job in der Bibliothek verdient die Mutter eines halbwüchsigen Sohnes den Großteil des kärglichen Lebensunterhalts der Familie. Fitz‘ Stipendium würde kaum reichen, die Rechnungen zu bezahlen. Auch sie fühlt sich anfangs zu den Partys hingezogen, die Leary immer samstags abhält. Dass die Jünger des Gurus, den Boyle als ignoranten Egomanen beschreibt, durch ständigen Drogenkonsum in den Abgrund rutschen, spiegeln ihre Fantasien. „Fitz bestand nur noch aus Geist, und sein Geist war ein sehr ungemütlicher Bursche, der auf sein Bewusstsein eindrosch, bis es sich fügte, der mit Herrlichkeit und Höhenflügen knauserte und ihm nur vorführte, was er zeit seines Lebens unterdrückt hatte – aus dem einleuchtenden, durch und durch überzeugenden Grund, dass es ihn vernichten würde, es zu sehen, davon zu wissen, es in seinem innersten Kern zu spüren.“

Suche nach Gott stirbt im Rausch

Boyle zeichnet das erschütternde Bild einer geistigen Elite in den USA der frühen 60er-Jahre, die vor wirklicher Erkenntnis in den unendlichen Rauschzustand flüchtet. Die Suche nach Gott, nach einem neuen Bewusstsein, stirbt im Drogen- und Brandyrausch der Kommune in Millbrook, die der Guru nach dem Rauswurf aus Harvard mit seinen Getreuen bezieht.

Boyles Erzählstil oszilliert zwischen Faszination und Schrecken. So zertrümmert er die Träume des jungen Doktoranden, der am Ende nur noch von seiner „Pissertation“ spricht. Längst wäre er zur wissenschaftlichen Arbeit auch gar nicht mehr fähig. Das Bild vom Gehirn, das zunehmend einem Schweizer Käse gleiche, geistert auch durch die Köpfe der anderen Figuren, die gemeinsam den Traum einer neuen Familie wahr machen wollten. Diese Seifenblasen lässt Boyle platzen, in dem er die Erzählperspektiven wechselt. Mal folgen die Leser dem Träumer Fitz, dann seiner Frau Joanie, die zunehmend die Schattenseiten der psychedelischen Scheinwelt erkennt.

Die nadelspitze Ironie des Autors übersetzte Dirk van Gunsteren intelligent ins Deutsche. Erst im April erscheint die amerikanische Originalausgabe „Outside Looking In“ erscheint erst in den USA. Die Fiktion vom Leben des Hippie-Gurus Leary wirft auch die Frage nach der Legalisierung psychedelischer Drogen für alle auf. Der schillernde Sumpf, in den die Menschen in „Das Licht“ driften, scheint da eine eindeutige Botschaft zu vermitteln.

Dieses Ziel verfolgt der Autor ganz gewiss nicht. Gerade die offenen Fragen sind es, welche die Faszination seiner Literatur ausmachen. Indem Boyle in „Das Licht“ den Blick auch auf Persönlichkeiten wie den Science-Fiction-Schriftsteller Aldous Huxley lenkt, der LSD für die intellektuelle und künstlerische Elite freigeben wollte, zeichnet er ein spannendes Bild jüngerer Geistesgeschichte. Mehr von diesen in den Hauptteil brillant eingeflochtenen Exkursen und kühnere Striche bei der Nabelschau des Protagonisten, die Boyle am Ende zu dick aufträgt, hätten den Erzählfluss bereichert.

T.C. Boyle: „Das Licht“, Carl Hanser Verlag München, 2019, 380 Seiten, 25 Euro.

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