In Cannstatt steht der ein oder andere Narrenbaum, doch die Narretei findet dieses Jahr vor allem digital statt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die fünfte Jahreszeit fällt bei den Stuttgarter Narren und Karnevalisten entweder ganz aus oder verlagert sich ins Internet.

Stuttgart - Egal, ob Fasching, Fastnacht, Fasnet oder Karneval – in der fünften Jahreszeit hat, wer will, die Chance, für einige Tage mal jemand ganz anderes zu sein. Karneval wirkt aber auch als Tröster und Aufmunterer. Und wann hätte man diese wunderbare Nähe mehr brauchen können als in diesem Jahr der sozialen Distanz. Aber nein, Corona ist uns erhalten geblieben, und die Vernunft siegt bei den Karnevalisten und Narren, deren Bühne sonst ja die Unvernunft ist, über den sonst so fröhlichen organisierten Irrsinn, dessen Hochphase am Schmotzigen Donnerstag eingeläutet worden wäre. Auch in Stuttgart ist das nicht anders. Die einzelnen Zünfte und Karnevalsvereine haben jeweils ihren eigenen Weg gefunden, um mit dem Ausfall umzugehen.

Der Narrenbaum steht, der große Küblerball läuft digital

In der schwäbisch-alemannischen Fastnacht legt man Wert darauf, dass die Fasnet an sich nicht abgesagt werden kann – nur die diversen Veranstaltungen. So handhaben es auch die Protagonisten vom Kübelesmarkt in Cannstatt. Dort hat man sich entschieden, auf die lieb gewonnenen öffentlichen Veranstaltungen wie das Kübelesrennen oder den Küblerball zu verzichten. „Aber ganz absagen wollen und können wir die Fasnet nicht, schließlich handelt es sich bei Weihnachten auch um ein traditionelles Fest“, sagt Küblerratsmitglied Panajotis Delinasakis. Seit dem 15. Januar steht vor dem Cannstatter Rathaus der Narrenbaum, und auch sonst hat sich der Stadtteil hübsch gemacht mit närrisch verkleideten Weihnachtsbäumen und dekorierten Schaufenstern in den Geschäften. Sogar der Brunnengeist wurde virtuell erweckt – wie sich überhaupt die Fasnet bei den Küblern auf deren Homepage und Facebook-Seite abspielt.

Auch der Narrengottesdienst geht online über die Bühne

Für den großen Küblerball gibt es ein Online-Format: Oberkübler Steffen Kauderer und sein Stellvertreter Christian List moderieren am Fastnachtssamstag um 19.30 Uhr eine interaktive Küblershow. Auch für den Narrengottesdienst am Fasnetssonntag wird es ebenfalls eine Online-Alternative geben. Und auch die Kinder sollen mitgenommen werden – dafür wurde eine Kinderfasnets-Rallye organisiert, bei der kleine Narren an den Schauplätzen der Fastnacht knifflige Aufgaben lösen können. „Uns geht es um Abwechslung und Zerstreuung für die Menschen – nicht nur für die organisierten Narren“, sagt Delinasakis. Na dann: Narri, narro, ahoi. Alle Infos unter https://www.kuebelesmarkt.de/dahoim.html.

Die Scilla-Männle haben den Kelterplatz geschmückt

Auch die Scilla-Männle aus Hofen haben das Häs im Schrank gelassen. Dabei schmerzt es vor allem, dass der große Brauchtums- und Maskenumzug durch Hofen am Fastnachtsdienstag nicht stattfinden kann. Damit der Geist der Fastnacht aber zumindest sichtbar wird, haben die Hofener den Platz am neuen Kelterplatz närrisch geschmückt, und Raimund Stetter, der Pressesprecher der Scilla-Männle, hat ein Gedicht über die „Narren im Lockdown“ geschrieben. Dabei stimmt er auch nachdenkliche Töne an und hofft weiter auf die „mentale Stärke“ aller Vereinsmitglieder in Zeiten der Pandemie. Aber er hat ebenfalls eine süße Seite in der ansonsten närrischen Abstinenz entdeckt: „Ich habe zum ersten Mal selbst Fasnetsküchle gebacken – und die waren richtig gut“, sagt Raimund Stetter.

OB Nopper bleibt vom Rathaussturm verschont

Die elf Karnevalsgesellschaften unter dem Dach des Festkomitees Stuttgarter Karneval haben – bis auf den Karnevalsclub Stuttgarter Rössle – ihre Session abgesagt. „Das ist uns nicht leichtgefallen, aber wir schwelgen mit unseren Mitgliedern dafür in Erinnerungen und stehen in ständigem Kontakt“, sagt die Komitee-Präsidentin Anita Rösslein, die ebenfalls den Schwarzen Störchen vorsteht. Auch ein Rathaussturm beim neuen OB Frank Nopper wird es nicht geben. Bei den Stuttgarter Rössle hingegen gibt es nicht nur einen virtuellen Auftritt mit diversen Filmchen. Mit Stephan I. und Carmen III. vom magischen Augenblick wurde auch ein Regentschaftspaar unter Einhaltung der Coronaregeln inthronisiert.

Vielleicht ein Mini-Umzügle durch die Stadt

Thomas Klingenberg, Präsident des Karnevalsvereins Möbelwagen, tut sich schwer damit, ganz auf närrische Aktivitäten zu verzichten, und überlegt, statt dem Umzug am Faschingsdienstag zumindest ein Mini-Umzügle zu organisieren. „Vielleicht fahren wir mit nur einem Wagen und lauter Musik durch die Stadt“, sagt Klingenberg. Für ein bisschen Fastnachtsstimmung sorgt auch die Landes-Bau-Genossenschaft und startet für ihre Mitglieder in Stuttgart am Fastnachtsdienstag eine digitale Fasnetsfeier. Die Mieter können sich beim LBG-Mietertreff online einwählen und eine Stunde lang mit anderen Menschen digital Fastnacht feiern. Verkleiden ist durchaus erwünscht.

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