Übereifrige Kontrolleure nehmen in Göppingen alle Mitfahrer wegen eines Schwarzfahrers in „Sippenhaft“. Die VVS entschuldigt sich für den Vorfall in einem Bus der Bahn-Tochter RAB.
Ein Passagier wird im Bus ohne Fahrschein erwischt – und dann geht nichts mehr. Die beiden Kontrolleure beschließen, an Ort und Stelle auf die Polizei zu warten, damit diese die Personalien aufnimmt. Also steht der Bus mit rund 20 Fahrgästen in Göppingen, diese verpassen ihre Anschlüsse oder Termine, andere stehen an der Straße in der Kälte und warten auf ihren Omnibus, der aber nicht kommt. So geschehen im Dezember in der Linie 972 nach Eislingen und Böhmenkirch. Für einen Eislinger Fahrgast ein Unding, er spricht von Sippenhaft und stellt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.
Der Fahrer hat den Motor abgestellt
Es war um 17.08 Uhr, als der Mann an der Göppinger Schützenstraße in den Bus stieg, um nach Eislingen zu fahren. „Bereits zwei Stationen später an der Vorderen Karlstraße war die Fahrt vorläufig beendet.“ Der Fahrer habe den Motor abgestellt. „Wenige stille Minuten später stellte eine Fahrgästin dann die Frage, wann es endlich weitergehe“, schrieb der Eislinger bereits einen Tag nach dem Vorfall in seiner Beschwerde an den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS). „Einer der beiden Kontrolleure ließ die etwa 20 Fahrgäste dann wissen, dass es dauern könne, es sich hier um eine polizeiliche Maßnahme handele. Um welche, verschwieg er allerdings dem staunenden Volk. Auf Nachfrage, wann es dann weitergehe, gab es die Antwort, das wisse er nicht, man warte auf die Polizei.“
Nach 25 Minuten gab der Fahrgast die Hoffnung auf
Die Bitte einiger Fahrgäste, wegen der stickigen Luft im Bus eine Türe zu öffnen, sei wegen „Fluchtgefahr“ abgelehnt worden, aber es sei „die pampige Antwort“ gegeben worden, wer gehen möchte, könne ja gehen, dafür werde dann kurz eine Türe geöffnet. „Es gab keinen tätlichen Angriff, keine Randale, keine Schießerei, man konnte also nur vermuten, dass ein Schwarzfahrer auf frischer Tat ertappt wurde“, wundert sich der Eislinger über das Vorgehen der Kontrolleure. Um das Ganze abzukürzen, hätte ein Fahrgast aushelfen und die Kosten für die Fahrkarte übernehmen wollen, doch das sei abgelehnt worden.
Nach 25 Minuten gab der Fahrgast die Hoffnung auf ein baldiges Weiterkommen auf und verließ mit zwei weiteren Personen den Bus, lief zurück zum Zentralen Omnibusbahnhof, um dort um 18.02 Uhr den nächsten Bus zu nehmen – „ich habe insgesamt eine Stunde verloren“. Er stellt die Frage, „ob wegen einer Fahrkarte um 3,50 Euro 20 Fahrgäste in Sippenhaft genommen werden dürfen und die Polizei geholt werden muss“. Er findet: „Sollte es sich wirklich nur um eine Schwarzfahrt handeln, stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Die selbst ernannten Hilfspolizisten sind da wohl übers Ziel hinausgeschossen, das ging schon in Richtung Freiheitsberaubung. Auch wäre etwas mehr Kommunikation empfehlenswert. Nur den Motor abstellen und dann Schweigen im Walde, ist einfach eine Frechheit.“
VVS entschuldigt sich stellvertretend
Eine Antwort vom VVS bekam der Mann zuerst nicht, erst als sich unsere Redaktion an die Pressestelle des VVS wandte, erhielt auch er binnen Tagen eine E-Mail – genau acht Wochen nach seiner Beschwerde. Für den Verbund ist klar: „Das von Ihnen beschriebene Vorgehen entspricht nicht den üblichen Abläufen im VVS.“ Üblicherweise würden Fahrzeuge nicht auf die Polizei warten, falls diese benötigt werde, sondern es werde das „Rendezvous-Verfahren“ angewandt: „Das Verkehrsunternehmen und die Polizei vereinbaren einen Treffpunkt entlang der Strecke, an dem die Polizei zur Personalienfeststellung hinzukommt. Nur in Ausnahmefällen, etwa bei Gefahr im Verzug, kann die Polizei das Anhalten des Busses anordnen. Nach Ihren Schilderungen lag ein solcher Ausnahmefall jedoch nicht vor.“
Auch die Kommunikation sei nicht in Ordnung gewesen: „Wir bestätigen, dass Busfahrer verpflichtet sind, die Fahrgäste in solchen Situationen angemessen zu informieren.“ Der VVS nehme den Fall zum Anlass, „das betreffende Verkehrsunternehmen aufzufordern, diesen Aspekt in den Schulungen für das Fahrpersonal erneut zu betonen und zu sensibilisieren“. VVS-Pressesprecher Niklas Hetfleisch bestätigt ebenfalls, dass das Vorgehen nicht in Ordnung war. Er schreibt: „Wir möchten uns für den Zwischenfall stellvertretend entschuldigen.“
Zuständig ist der Regionalverkehr Alb-Bodensee
Entschuldigung
Zuständig für die Kontrollen in den Bussen ist nicht der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS), sondern der Betreiber der Strecke, in diesem Fall die Regionalverkehr Alb-Bodensee (RAB), eine hundertprozentige Tochter der DB Regio. Wie auch der VVS, räumt der RAB-Geschäftsführer Marcus Bindel ein: „Die Kontrolleure haben leider falsch reagiert.“
Aufgaben
Marcus Bindel verweist darauf, dass die Mitarbeiter nicht nur Fahrscheine kontrollieren, sondern auch für das Qualitätsmanagement zuständig seien, also auch nach Sauberkeit und Sicherheit in den Fahrzeugen schauten. Das sei „sehr kostenintensiv“ und werde von der RAB bezahlt.