Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert zum Dekameron: Ein Mönch isst mit einem Ehepaar (li.), danach schläft er mit der Frau, während der Mann betet. Foto: Wikipedia

Sexuelle Revolution war gestern: Die Geschichte der neuzeitlichen erotischen Literatur beginnt mit dem vor 650 Jahren gestorbenen italienischen Dichter Giovanni Boccaccio.

Wir alle sind Kinder der sexuellen Revolution. Nichts Körperliches ist uns fremd, von den neuesten Schamhaartrends bis zu sportlich-innovativen Kopulationsmethoden. Und wenn doch, reicht ein kleiner Ausflug in den körperlosen Raum des Internets, um die letzten lauschigen Winkel im Garten der Begierden virtuell zu erkunden.

Manche sehnen sich bereits aus der übersexten und vertinderten Gegenwart in vorrevolutionäre Zustände zurück, wo Tabus noch darauf warteten, gebrochen zu werden. Glaubt man Studien, werden die urbanen Inseln, auf denen sich neoliberale Gefühlsoptimierung in Sexpositive-Partys und polyamorösen Entpaarungsprojekten auslebt, von einem wachsenden Strom der Lustlosigkeit unterspült.

Giovanni Boccaccio auf einem Fresko von Andrea del Castagno, Mitte 15. Jahrhundert Foto: Wikipedia

Aber wer glaubt schon Studien. Vielleicht sollte man im Kielwasser des gerade begangenen 650. Todestags des italienischen Dichters und Humanisten Giovanni Boccaccio einmal einen Blick darauf werfen, wie alles begann. Seine Novellensammlung „Decameron“ steht am Anfang der neuzeitlichen medial vermittelten Lustentfaltung.

Erotische Texte sind mehr als andere auf Stellungen bezogen, die elementarsten darunter sind jedoch historischer Natur: Was frühere Generationen glücklich schwitzend mit einer Hand gelesen haben, wird heute, die Maus fest im Griff, müde lächelnd durchgewinkt. Zum Beispiel eine Konstellation wie diese: „Caterina aber hatte den rechten Arm unter Ricciardos Nacken und umfasste mit der linken Hand das Ding, das ihr euch in Gegenwart von Männern am meisten zu benennen schämt.“

Christentum als Sexreligion

Dieses Ding ist immerhin keine Maus, eher etwas, mit dem man „die Nachtigall mehrmals zum Singen bringen kann“. So heißt es in der Neuübersetzung der zum Jubiläum erschienenen Prachtausgabe des Manesse Verlags, wenn der Teufel in die Hölle geschickt wird. Und wie man sich das genau vorstellen muss, zeigt in einer der hundert Geschichten ein frommer Einsiedler der Muslimin Alibech. Es bereitet ihr so viel Freude, dass sie beschließt, zum Christentum überzutreten.

Das Christentum als Sexreligion, darauf muss man erst einmal kommen. Und doch sind Mönche und Priester in dem Novellenwerk die schlimmsten Finger. Während also die heilige Katharina von Siena etwa zeitgleich, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, fromme Wundertaten in der toskanischen Nachbarschaft Boccaccios vollbringt, vergnügen sich die jungen Leute seines „Decamerons“, die sich vor dem Wüten der Pest auf ein Landgut geflüchtet haben, mit Geschichten wie der von Don Gianni. Dieser verspricht, die Frau eines Freundes in eine brauchbare Stute zu verwandeln, indem er ihr den Schwanz ansetzt. Das klingt frauenfeindlicher, als es ist, zumindest ist der pferdeliebende Ehemann am Schluss der eigentliche Dumme, wenn er ruft: „He, Don Gianni, ich will da keinen Schwanz, ich will keinen Schwanz!“, und sich von seiner Frau dafür anraunzen lassen muss: „Was bist du doch für ein Rindvieh, warum hast du dir und mir alles verdorben? Hast du schon mal eine Stute ohne Schwanz gesehen?“

  • Giovanni Boccaccio: Decameron.
  • 100 Novellen. Neu übersetzt von Luis Ruby und mit einem Nachwort von Ijoma Mangold. Kommentiert von Horst Lauinger und Luis Ruby.
  • Mit Literaturverzeichnis, einem Abriss zu Wirkungsgeschichte und Novellentraditionen, einer Nachbemerkung zur Übersetzung sowie 26 farbigen Illustrationen.
  • Manesse Verlag. 880 Seiten, 160 Euro.

Frauen ziehen bei Boccaccio nur selten den Kürzeren. In der Regel gelingt es ihnen durch schlaue Geistesgegenwart ihr Begehren zu behaupten, gegen eitle Stutzer, lüsterne Mönche und misstrauische Gatten. Nicht nur das heilige Sakrament der Ehe erweist sich dabei als äußerst dehnbar: „Von da an hatte jede der beiden Frauen zwei Ehemänner und jeder von ihnen zwei Ehefrauen, ohne dass es in der Sache zwischen ihnen jemals zu Streit oder Handgreiflichkeiten gekommen wäre“, endet eine Erzählung. Wer sagt, Polyamorie sei eine Erfindung unserer Tage?

Auch andere Ordnungsprinzipien werden lustvoll unterlaufen. So heißt es nach dem heißen Showdown eines bemerkenswert tolerant absolvierten Ehebruchscharmützels, „dass sich der junge Mann am nächsten Morgen noch auf dem Weg zur Piazza nicht ganz sicher war, ob er in der Nacht mehr bei der Gattin oder beim Ehemann gewesen sei“.

Boccaccio entfesselt eine bisher unterdrückte Naturkraft

Während draußen die Pest das Land entvölkert und das Mittelalter apokalyptisch versinkt, feiern Boccaccios junge Leute ein Fest des Lebens. Und in den Geschichten, mit denen sie sich die Zeit verkürzen, kopulieren antike Quellen, Liebesentwürfe der Troubadours und unmittelbare Anschauung wild durcheinander. Das Ergebnis ist ein Mensch, der uns nahesteht: anfechtbar, orientierungslos, Glied einer säkulare Umbrüche durchlebenden Gesellschaft, hin- und hergerissen zwischen überlebten Heilslehren und diesseitigen Lockungen – und durch und durch sexualisiert. Im größten Teil der hundert Geschichten geht es um die Weisen des Beieinanderliegens, gegen alle erdenklichen Widerstände. Das ist keine Reduktion des Menschen auf das Körperliche, sondern die Erweiterung einer spiritualistisch eingedampften Rumpfexistenz um eine bisher unterdrückte Naturkraft: um „Lust und Wonnen“, „Stachel des Fleisches“ – um das, wie es einmal heißt, was in den Weiten der Steppe „von der Liebe erhitzte Hengste über die Stuten der Parther herfallen“ lässt.

Natürlich haben sich jene Kräfte schon vor Boccaccio auch literarisch bekundet. Doch war das erotische Phantasma genötigt, erhebliche Umwege einzuschlagen. Es nahm Zuflucht in moralischen Texten oder Beichtspiegeln.

So heißt es beim Bischof Burchard von Worms rund dreihundert Jahre früher: „Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung in Form eines männlichen Gliedes angefertigt nach Maßgabe deiner Wünsche und ihn an Stelle deiner Schamteile oder abwechselnd mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen Weibern Unzucht getrieben?“

Kein Wunder leben sich Boccaccios Mönche, einmal freigesetzt, so fantasievoll aus. Ohne Klerus jedenfalls, so scheint es, läuft nichts in der erotischen Literatur.

Das gilt auch für die Folgen. Nachdem Boccaccio einmal die Tür aufgestoßen hatte, wurden die erotischen Darstellungen in der Literatur häufiger, vor allem aber expliziter: „Alter, steck mir den Finger in den A(...) und sehr, sehr langsam stoß den Schw(...) mir ganz hinein“, heißt es in der modernen    Übersetzung von Thomas Hettche der Sonette des Renaissance-Dichters Pietro Aretino. Er hatte sie auf eine Bilderfolge Giulio Romanos gedichtet, auf der in etwa genau dies zu sehen war. Gemalt hatte der Raffael-Schüler das anstößige Werk übrigens an die Wände des Vatikans.

Die sexuelle Kommunikation zwischen (Vorstellungs-)Bild und Text hat sich längst ins Internet verabschiedet. Genau ein Mausklick trennt uns von allen erdenklichen genitalen Genüssen. Das ist die Krux der zeitgenössischen erotischen Literatur, dass die Überschreitung von Grenzen nur noch als formaler Akt zu leisten ist, an dem niemand mehr leibhaftig Anstoß nimmt.

Wo die letzte Körperregion hinreichend benannt, die letzte Falte ausgiebig beschnuppert, die wildeste Praktik fleißig praktiziert wurde, bleibt nur noch das Manipulieren von Geltungsbereichen: Wer bisher auf Liebesschwulst und Arztromane abonniert war, bekommt nun eben noch Klitoris, Penis und Peitsche terminologisch korrekt nachgereicht. Nichts anderes erklärt die gegenwärtige Konjunktur von Spicy Romantasy. Der Übertritt des Schamlosen in die Sphäre des Harmlosen ist daran das einzig Aufregende, von geradezu viagrischer Erlösungskraft allenfalls für die Verlagsbranche. Boccaccios Geschichtenfreunde hätte man damit wohl in den Schlaf gelullt.

Giovanni Boccaccio

Leben
Giovanni Boccaccio (1313-1375) wuchs in Florenz auf und absolvierte in Neapel eine kaufmännische Lehre. Aus Widerwillen gegen den Kaufmannsberuf begann er ein Jurastudium, welches er jedoch nicht abschloss. In Neapel verkehrte er am Hof des Königs. 1340 kehrte er nach Florenz zurück und arbeitete dort als Richter und Notar. Unterbrochen von zahlreichen Reisen mit seinem Freund Petrarca und Aufenthalten in Mailand, Venedig, Neapel und Rom verbrachte er den Rest seines Lebens zurückgezogen auf seinem Landgut bei Florenz.

Werk
Boccaccio ist einer der bedeutendsten Erzähler der europäischen Literatur. Sein weltberühmtes Hauptwerk, „Das Dekameron“ mit seiner einzigartigen Erzählkonstruktion, setzte Maßstäbe für die Gattung der Novelle.