Corinna Steinmeyer hat der Statue von König Wilhelm II. von Württemberg vor dem Stadtpalais ein Tragetuch mit Puppe umgehängt. Foto: Caring Men/Steinmeyer

Württembergs letzter König Wilhelm II. trägt ein Baby im Tragetuch – eine Aktion in 13 deutschen Städten macht auf die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit aufmerksam.

Wilhelm II. hatte drei Kinder, von denen nur die Tochter, Pauline, das Erwachsenenalter erlebt hat. Dass Württembergs letzter König (1848–1921) sich zum Hundespaziergang den Nachwuchs im Tragetuch vor den Bauch geschnallt hätte – undenkbar. Und gerade deshalb ist die Statue vom „Herrn König“ mit seinen Spitzen hinter dem Stuttgarter Stadtpalais prädestiniert, um auf eine unbequeme Wahrheit hinzuweisen: Das Gros im Haushalt wird in Familien immer noch von Frauen geleistet. Sie stecken im Beruf zurück, sie kümmern sich vornehmlich um die Kindererziehung und um das, was im Haushalt anfällt. Sie pflegen Angehörige. Sie denken an Impftermine und an die Winterschuhe, ans Geschenk für den Kindergeburtstag und ans Abfragen der Vokabeln. Alles unbezahlt.

„Unsere Botschaft geht an die Gesellschaft und die Politik. Viele Männer wünschen sich ja, mehr eingebunden zu sein.“

Laura Karisch, Coachin und Initiatorin der Aktion

Zum Aktionstag Equal Care Day am vergangenen Sonntag, 1. März, hat Laura Karisch deshalb eine Kunstaktion initiiert; „Caring Men“ – schnallt den Männern die Manduca um!“ In 13 deutschen Städten wurden Statuen von berühmten Männern mit einem Tragetuch und Babypuppe ausgestattet, um sie „als sorgende Figuren“ zu zeigen, die sie – allein epochenbedingt – wohl eher nicht gewesen sind. In Dresden bekam ein Abbild des Schriftstellers Erich Kästner eine Babytrage verpasst, in Heidelberg die Statue des Chemikers Robert Wilhelm Bunsen. In Gerlingen (Kreis Ludwigsburg) wurde die Figur „Der Flötenspieler“ zum sorgenden Papa.

Die Idee hat Karisch, Coachin und Beraterin aus Münster (Westfalen), von ähnlichen Aktionen in Großbritannien und Österreich abgeguckt. „Ich fand den Einfall so genial. Das wollte ich nach Deutschland holen“, sagt die 35-Jährige, die selbst einen anderthalbjährigen Sohn hat. Über die Liga für unbezahlte Arbeit und andere Aktionsbündnisse, die das Thema gerechte Verteilung von Care-Arbeit in den Mittelpunkt stellen, rief sie zum Mitmachen auf. In einer Gruppe beim Messengerdienst Signal organisierten sich Karisch und ihre Mitstreiterinnen und einigten sich auf die Männerstatuen. „Wichtig war uns, dass die Persönlichkeiten keinen problematischen historischen Hintergrund haben“, sagt Karisch. Einigermaßen bekannt sollten die Herren auch sein – und gut zu erreichen: „Wenn eine Statue auf einem meterhohen Sockel steht, ist es zu kompliziert, ihr eine Babytrage umzuhängen.“

Laura Karisch ist die Initiatorin der Aktion. Foto: Caring Men/Karisch

Praktisch, dass Hermann-Christian Zimmerles Bronze-König in der Urbanstraße ganz ohne Sockel auskommt. Daher hat Corinna Steinmeyer ihn auch ausgewählt. Die Softwareentwicklerin aus Kornwestheim engagiert sich in der Liga für unbezahlte Arbeit. Sie hat einen elf Monate alten Sohn, bald endet ihre Elternzeit – das Thema Care-Arbeit ist für die 35-Jährige damit auch persönlich gerade sehr aktuell. Als sie der Wilhelm-Statue an einem Tag Mitte Februar das Tragetuch mit der Puppe umband, hätten viele Vorbeigehende amüsiert geschaut.

Am Sonntag hat Laura Karisch die Fotos und Videos der Aktion veröffentlicht – und „extrem positive Rückmeldungen“ bekommen. „Es gab unfassbar viele Likes, Kommentare und Shares – und kein einziges Feedback war negativ“, sagt sie. „Was natürlich auch an meiner Bubble liegen kann.“ Also ihrem persönlichen Umfeld.

Für Karisch greift ein bloßes „Jetzt sollen mal die Männer ran“ zu kurz. „Unsere Botschaft geht an die Gesellschaft und die Politik“, sagt sie. „Viele Männer wünschen sich ja, mehr eingebunden zu sein.“ Aber dafür, so Karisch, braucht es andere Strukturen: „Frauen müssen bezahlt werden wie Männer. Care-Arbeit muss ganz anders bewertet werden. Und nicht zuletzt muss sich ein anderes Bild von Männlichkeit durchsetzen.“

Aktion zum Weltfrauentag

Frauenstreik – auch in Stuttgart
„Ohne uns steht alles still“ – unter diesem Motto ruft die Initiative „Enough“ einen Tag nach dem Internationalen Frauentag zum Frauenstreik auf. Am Montag, 9. März, sind alle Frauen – und Männer, die sich solidarisch zeigen wollen – dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. In ganz Deutschland sind Veranstaltungen und Kundgebungen geplant: In Stuttgart von 16 bis 18 Uhr auf dem Schlossplatz. Mit der Aktion will das Aktionsbündnis auf die Ungleichbehandlung von Frauen hinweisen.