Volker Böhringers „Düstere Vorstadtstraße“ von 1935. Foto: Frank Kleinbach - Frank Kleinbach

Die Präsentation von Arbeiten aus der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen legt den Schwerpunkt auf Werke Volker Böhringers.

StuttgartLasziv angewinkelt das nur in einem Strumpf steckende Damenbein, im Mund ein Saxophon, der Kopf mündet in eine merkwürdige Apparatur. Daneben trompetet der männliche Musizierpartner, ein ebenso human-technoides Mischwesen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man unterhalb des manisch jazzenden Maschinenmenschenpaars Skelette, Baracken, Stacheldraht. „Duett im KZ“ reimt in provokant bitterer Ironie der Titel dieser Federzeichnung von Volker Böhringer, entstanden in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Als habe die grelle und aufgekratzte Amüsiersphäre der Roaring Twenties die zwölfjährige deutsche Höllenfinsternis klammheimlich überdauert und blase nun dem über Leichenbergen weitergehenden Leben sarkastisch den Marsch. Klammheimlich hatte auch der 1961 gestorbene Esslinger Künstler weitergemalt und weitergezeichnet, als er von den Nazis mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt wurde. Im ­„Duett“-Blatt lässt er sein Formen- und Themenrepertoire – geschult am großen Otto Dix, entwickelt zur Eigenständigkeit zwischen heißkalter Sachlichkeit und alpträumerischer Surrealität – das massenmörderische Grauen im Wortsinne Revue passieren. Die Maschinenmenschen einer zwiespältigen und doch faszinierenden Technik-Moderne, die roboterhaften Figurenkonstrukte samt Stromstecker, die Humanfragmente, denen etwa ein Saxophon – röhrender Inbegriff von Böhringers Modern-Times-Faible – prothesenartig aus dem Bein wächst: Sie alle finden sich auf etlichen seiner Zeichnungen und hingeworfenen Skizzen. Hier aber spielen sie den Refrain der totalen Entmenschlichung. Hot Jazz wird Totentanz.

Stille Katastrophe

In den Werkhorizont fügt sich der Kontrapunkt: Böhringers menschenleere Industrie- und Stadtrandlandschaften – Stillleben der bröckelnden Backsteinwände, der Telegraphendrähte, Baumstümpfe, Schornsteine, Stacheldrähte auch hier. In „Düstere Vorstadtstraße“ von 1935 mit dem typischen Krümmungseffekt wirken die toten Szenerien dann wie wegschmelzend, als durchglühe eine stille, katastrophische Hitze die kühle Dingwelt.

Zu sehen in der aktuellen Ausstellung „Frau A. S. trifft Volker Böhringer“ mit Arbeiten aus der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen in der Villa Merkel. Böhringer ist mit rund 40 Arbeiten – darunter etliche weitere Höhepunkte wie die rabiaten „Proleten“ von 1930, die expressiven Frauengestalten aus der Nachkriegszeit oder der wie in einem magnetischen Spannungsfeld aufgeladene „Reiter mit Gitarre“ – der Schwerpunkt der Präsenta­tion. Die freilich auf Intervention und Kontexte angelegt ist und nicht zuletzt Neuerwerbungen der inzwischen auf rund 3500 Werke angewachsenen Kollektion zeigt, darunter Geschenke von Künstlern, die in den vergangenen Jahren in der Villa oder im Bahnwärterhaus ausgestellt haben. Etwa die Interieurs mit betagten Computern von Alberto Zamora Ruiz, scharf angeschnittene Inszenierungen einer verlassenen Digitalsphäre: Nichts ist so veraltet wie das Innovativste von gestern. Oder Arbeiten aus der letztjährigen Stiftung des Kunstprofessors Axel Heil, beispielsweise eine vierteilige Radierfolge Walter Stöhrers, informelle Bildgestik mit starken figurativen Bezügen. Besonderer Glücksfall: Stöhrers Übermalung eines Blatts aus der Folge befand sich bereits im Besitz der Sammlung. Jetzt liegt also auch ein Abzug in Urgestalt vor.

Selbstverständlich ist Böhringers Vorbild Dix mit allen drei der Sammlung gehörenden Arbeiten vertreten: einer Schützengraben- und Leichen-Reminiszenz des Ersten Weltkriegs, der grinsenden Spukgestalt der „Nächtlichen Erscheinung“ und dem sachlich-blasierten „Technischen Personal“ mit Nacktmodel-Tattoo auf harter Männerbrust und Bauhaus-Konstruktivismus im Hintergrund. Vom Esslinger Abstraktionspionier Adolf Fleischmann ist Ungewohntes zu sehen: eine Cézanne-nahe Landschaft und ein Bauernkopf, bei dem sich Abstrak­tionselemente zum umstandslosen Porträt verbinden.

Wer ist Frau A. S.?

Und wer ist die rätselhafte Frau A. S. des Ausstellungstitels? Eine mürrisch dreinblickende Dame ungeklärter Identität mit schwarzem Haar und schwarzen Lippen, porträtiert von Emil Nolde. Die von Galerieleiter Andreas Baur und von Julia Herrmann kuratierte Schau geizt nicht mit weiteren Expressionismus-Schätzen der Sammlung, von Ernst Ludwig Kirchner über August Macke bis zu Karl Schmidt-Rottluffs elegantem Blumen-Aquarell. Daran knüpft Fabian Treiber, Schmidt-Rottluff-Stipendiat von 2018, an. Die Unschärferelation der Airbrush-Technik verleiht seinen Vegetationslandschaften und Blumenbildern die Aura von Erscheinungen. Barbara Herolds und Florian Huths „Herbar Digital“ gibt mit computergenerierten Pflanzenstrukturen der künftigen Evolution das Programm vor, und mit der aufs Smartphone oder Tablet herunterzuladenden App „Belle & Aphrodite“ taucht Herold die Villa und den Park in einen blumigen, virtuellen Farbenrausch. Damien Deroubaix wiederum trommelt mit seinem siamesischen Zwillingsskelett zum Totentanz, ausdrücklich auf Holbein, implizit auch auf Böhringer bezogen. Und so gleicht die Schau zwischen blühendem Leben und bitterem Tod einer reichen, helldunkel getönten Entdeckungsreise durch 100 Jahre Graphik, die „Kammermusik“ der bildenden Kunst.

Bis 5. Mai. Öffnungszeiten: dienstags von 11 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Führungen: dienstags, 18.30 Uhr, und sonntags, 15 Uhr.

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