Die Gemeinschaftsunterkunft Viehwasen befindet sich mitten im Industriegebiet. Foto: Elke Hauptmann - Elke Hauptmann

Die Stadt gibt Ende März 2020 die Gemeinschaftsunterkunft Viehwasen auf. Für 87 Flüchtlinge wird neuer Wohnraum gesucht.

WangenDie Elfjährige hatte all ihren Mut zusammengenommen, um in der jüngsten Sitzung des Wangener Bezirksbeirates ihren größten Wunsch zu äußern: „Ich möchte gern in Wangen bleiben. Wenn ich wegziehen muss, verliere ich all meine Freunde.“ Ihrer und vielen weiteren Familien droht der Wegzug, weil die Stadt die Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in der Straße Viehwasen Anfang nächsten Jahres aufgeben wird, informierte Sozialbetreuerin Mareike Luginsland von der Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt (AGDW) das Gremium und bat um Mithilfe bei der Suche nach Wohnungen im Stadtbezirk. „Viele Bewohner leben hier schon länger und fühlen sich in Wangen zuhause.“

Derzeit ist die Gemeinschaftsunterkunft mit 87 Personen belegt, es sind vor allem Familien, teilt das Stuttgarter Sozialamt mit. 58 Erwachsene und 29 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind in den beiden Gebäuden Viehwasen 30 und 32 untergebracht. Sie stammen aus 13 Herkunftsländern. 46 der 87 Bewohner sind bereits anerkannt und verfügen über eine Aufenthaltserlaubnis oder eine Duldung – sie könnten also mit Wohnberechtigungsschein Privatwohnraum beziehen. Die übrigen Bewohner befinden sich aktuell noch im Asylverfahren.

Lösung gesucht

Das Sozialamt versucht gerade, vor allem für die bleibeberechtigten Familien mit Kindern Wohnungen im Stadtbezirk zu finden. Ein Schul- oder Kita-Wechsel soll möglichst vermieden werden. Bleibt die Wohnungssuche erfolglos, müssen die heutigen Bewohner des Viehwasens auf andere städtische Gemeinschaftsunterkünfte im gesamten Stadtgebiet aufgeteilt werden. „Die ersten Bewohner werden voraussichtlich Ende Januar 2020 ausziehen“, teilt die Stadtverwaltung auf Nachfrage mit.

Überraschend kommt das Aus für den Viehwasen nicht: Der Mietvertrag, so wurde bereits vor einem Jahr im Flüchtlingsbericht der Stadt angekündigt, läuft zum 31. März 2020 aus. Eine Verlängerung kam für die Verwaltung nicht in Betracht. Zum einen, weil die Zahl der Geflüchteten, zu deren Aufnahme die Landeshauptstadt verpflichtet ist, sinkt: Lebten Ende 2018 insgesamt 6873 Geflüchtete in einer der 106 städtischen Unterkünfte, waren es im März dieses Jahres noch 6428. Ende 2019 sollen es der Prognose zufolge noch 5888 sein. Zum anderen, weil das in die Jahre gekommene und zuvor lange Zeit als staatliche Asylunterkunft genutzte Gebäude erhebliche bauliche Mängel aufweist. „Es ist ziemlich heruntergekommen und es gab Probleme mit den Abwasserleitungen“, schildert Mareike Luginsland die Situation. Zudem gebe es kaum Spielmöglichkeiten für Kinder und die Verkehrssituation im Industriegebiet sei für sie auch nicht ungefährlich. Was aus dem Gebäude nach dem 30. März 2020 wird, ist unklar. Die Stadt ist lediglich Mieterin. „Die Pläne des Eigentümers über die weitere Verwendung der Immobilie sind dem Sozialamt nicht bekannt.“ Mareike Luginsland und ihre beiden Kollegen werden nach der Schließung des Viehwasens in einer anderen, von der AGDW betreuten Gemeinschaftsunterkunft eingesetzt werden – der Verein ist im Auftrag der Stadt für zehn weitere Einrichtungen in Stuttgart zuständig. In Wangen hatte er im März 2015 die Sozialbetreuung für die Bewohner übernommen. „Die Personen in den Wohnungen und kleineren Unterkünften im Stadtteil werden wir auch weiterhin betreuen“, kündigt Mareike Luginsland an.

Die Verwaltung hofft auch auf die Unterstützung von Eigentümern. Denn: „Auch unter den weiterhin schwierigen Bedingungen des Stuttgarter Wohnungsmarkts ist es ein wichtiges Ziel der Sozialverwaltung, Flüchtlinge, die bereits seit vielen Jahren in Unterkünften der Landeshauptstadt Stuttgart untergebracht sind, in Mietwohnungen zu vermitteln“, heißt es im aktuellen Flüchtlingsbericht. Verwiesen wird darin auf kleine Erfolge: „Monatlich schaffen es durchschnittlich immerhin 115 Bewohner und Bewohnerinnen aus Stuttgarter Flüchtlingsunterkünften in Privatwohnraum zu ziehen.“ Allerdings zeichne sich hierbei ab, dass vor allem junge Alleinstehende leichter WG-Zimmer oder Appartements anmieten könnten als Familien mit Kindern.

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