In neun Jahren als Chef hat Frank Mastiaux den Konzern neu erfunden. Nun geht er – und hinterlässt eine wichtige Frage.
Stuttgart - Was muss ein Manager mitbringen, der den Energiekonzern EnBW führen will? Als das Land vor neun Jahren wieder einmal auf Chefsuche war, stellte sich diese Frage auf dramatische Weise. Der Konzern, der kurz zuvor noch 50 Prozent seines Stroms in seinen Atommeilern produziert hatte, stand plötzlich ohne Perspektive da. Nach dem Tsunami in Japan hatte die Bundesregierung den unverzüglichen Einstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und auch der EnBW ihr bisheriges, einträgliches Geschäftsmodell genommen. Wie muss jemand gestrickt sein, der einen Konzern unter solchen Umständen führen soll?
Gesucht: Schwäbisches Understatement
Im Auftrag an den Headhunter, der sich auf Chefsuche machte, hieß es, die Person an der Spitze solle über „schwäbisches Understatement“ verfügen. Der damals 48-jährige Frank Mastiaux, der den Posten bekam, hat als gebürtiger Essener zwar nichts Schwäbisches, doch über das gewünschte Understatement verfügt er sehr wohl.
Für den Energiegiganten Eon hatte der wenig bekannte Mastiaux zuvor eine Tochtergesellschaft aufgebaut, die das Geschäft mit erneuerbaren Energien vorantreiben sollte. Seine Erfahrungen entsprachen damit genau dem, was die neue grün geführte Landesregierung auch von der EnBW erwartete. Mit einem kleinen Unterschied: Während Eon für das Geschäft mit Ökostrom Milliarden bereitstellte, steckte die EnBW gerade in der größten Krise ihrer Geschichte.
Eine Strategie, die sitzt
Doch schwäbisches Understatement besteht nicht nur aus zurückhaltendem Auftreten, sondern auch aus einer stolzen Leistung. Mastiaux lieferte gleich zu Beginn eine schonungslose Analyse – und zudem höchst ambitionierte Ziele, die er im Unterschied zu manch anderen Konzernchefs auch so formulierte, dass man ihn daran messen konnte. 2,4 Milliarden Euro Gewinn wollte er bis zum Jahr 2020 erreichen und den Anteil erneuerbarer Energien massiv ausbauen – tatsächlich erreichte er das Gewinnziel bereits ein Jahr früher, und der Anteil grünen Stroms hat sich vervielfacht. 40 Prozent der möglichen Erzeugungskapazität beziehen sich auf erneuerbaren Energien, 2025 soll es die Hälfte sein.
Es spricht für den Weitblick des Konzernchefs, dass Strategieschwenks, wie sie in der Autoindustrie üblich sind, praktisch nicht vorgekommen sind. Das Erfolgsgeheimnis von Mastiaux ist einfach und anspruchsvoll zugleich. Er hat eine ausgeklügelte Strategie entworfen und in den folgenden Jahren diszipliniert abgearbeitet, was er sich vorgenommen hatte. So kam er ohne Umwege ins Ziel. Wenn er nun ankündigt, keine Vertragsverlängerung mehr anzustreben, so hört er womöglich just zu der Zeit auf, da es am schönsten ist.
Der Preis der Erfolge
Denn seine Erfolge haben möglicherweise auch einen Preis. Die EnBW ist ein baden-württembergisches Unternehmen, das jeweils knapp zur Hälfte dem Land und oberschwäbischen Landkreisen gehört. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem der ganz Großen in der Energiebranche. Schon vor Mastiaux’ Amtszeit gehörte die EnBW mit dem Ostsee-Windpark Baltic 1 zu den Pionieren der Windstromerzeugung vor der Küste. Es folgten Baltic 2 und in den vergangenen beiden Jahren die riesigen Nordsee-Windparks Hohe See und Albatros, die rechnerisch alle Privathaushalte der Stadt München mit grünem Strom versorgen können.
Risiken der Vorzeigeunternehmen
Die EnBW ist erkennbar zum Vorzeigeunternehmen der grün geführten Landesregierungen geworden, und sie sucht immer neue Gelegenheiten, dies zu beweisen. Im Jahr 2025 soll der Nordsee-Windpark He Dreiht mit der riesigen Leistung von 900 Megawatt ans Netz gehen, der dann zu den größten in ganz Europa zählen wird. Auch für ein Projekt vor der britischen Küste geht das Unternehmen mit hohen Summen in Vorleistung, obwohl die Genehmigung noch Jahre auf sich warten lassen kann; in den USA und Taiwan sind ebenfalls Projekte angedacht.
Manchen Branchenexperten wird bange, wenn sie sehen, dass die EnBW die Erfolge als Ansporn betrachtet, immer größere Räder zu drehen. Bei dem Nordsee-Projekt will sie zudem erstmals auf Subventionen verzichten und damit beweisen, dass sich mit grünen Technologien schwarze Zahlen schreiben lassen. Doch das Risiko, das man mit diesen Ambitionen dem Unternehmen und letztlich auch dem Steuerzahler im Südwesten einhandelt, ist nicht zu unterschätzen. Denn der Bau solcher Anlagen ist nicht mit der Errichtung eines Windrads auf der Hornisgrinde vergleichbar. Auch hängt die Rechnung stark davon ab, in welchem Maße die Technologie bis 2025 weiterentwickelt wird. Manche Experten sehen sich bereits an die Landesbank Baden-Württemberg erinnert, die einst ebenfalls zum Vorzeigeunternehmen des Finanzplatzes werden wollte, ihre regionalen Fesseln sprengte und dies am Ende ebenso teuer bezahlen musste wie die Steuerzahler.
Was passt zur EnBW?
Um das Unternehmen zu sanieren, hatte Mastiaux einst gar keine andere Wahl, als hohe Risiken einzugehen. Nun, da die EnBW stabilisiert und neu ausgerichtet ist, stellt sich die Frage aber in ganz anderer Weise, wie weit sie mit ihren Geschäften gehen will. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird auf diese Frage eine Antwort geben müssen.