Emmanuel Macron wird bei Protesten immer wieder verspottet. Hier fordern Frauen bessere Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und gleiche Bezahlung wie die Männer. Foto: AFP/CHRISTOPHE ARCHAMBAULT

Emmanuel Macron steckt seit zwei Jahre im Umfragetief. Das Volk traut seinem Präsidenten nicht mehr zu, das Land aus der Krise zu führen zu können – daran ist er nicht ganz unschuldig.

Paris - Emmanuel Macron steckt in der Sackgasse. Vor dem französischen Präsidenten türmt sich ein schier unüberwindbares Gebirge von Problemen - aber sein Volk verweigert ihm die Gefolgschaft. Die Wirtschaft ist wegen der Corona-Pandemie abgestürzt und steht vor historischen Herausforderungen. Offenbar werden in der Krise die bisweilen katastrophalen Zustände im Pflege- und Krankenhausbereich. Eine wütend geführte Diskussion über Rassismus und Polizeigewalt offenbart tiefe Gräben in der Gesellschaft. Die Demonstrationen der Gelbwesten sind zwar abgeflaut, aber die soziale Ungleichheit besteht weiter. Die dringend benötigte Reform des Rentensystems, das Prestigeprojekt Emmanuel Macrons, liegt nach heftigen Protesten offiziell auf Eis – praktisch aber ist sie tot.

Frankreichs ratloser Präsident

Emmanuel Macron wirkt angesichts dieser Situation zunehmend ratlos. Drei Jahre ist er inzwischen Präsident von Frankreich - und seit zwei Jahren steckt er im Umfragetief. Er scheint seinen Absturz selbst nicht zu fassen, ist er doch nach seinem Vorgänger, dem blassen François Holland, einst wie ein Erlöser im Elysée-Palast empfangen worden. Dieser junge und selbstbewusste Siegertyp wollte Frankreich zu neuer Kraft und altem Glanz verhelfen. Doch anstatt im politischen Olymp zu residieren, muss Emmanuel Macron ums Überleben kämpfen.

Die Schuld dafür must der Chef im Élysée bei sich selbst suchen. Er messe seinen Erfolg nicht an Umfragen, sondern an den Zahlen der Wirtschaft, schleuderte er seinen Kritikern anfangs unbeirrbar entgegen. Als selbstbewusster, marktliberaler Denker ging er davon aus, es genüge, den Zweiflern nur lange genug den Sinn seines harten Reformprogramms zu erklären. Für ihn war es logisch, dass überholte Privilegien abgebaut werden müssen, damit die Wirtschaft in einer globalisierten Welt flexibler und erfolgreicher werden kann. Macron sah die Zahlen, nicht aber die Menschen.

Macron wird als Sonnenkönig verspottet

Für die Betroffenen jedoch war die Öffnung der Märkte keine Verheißung. Für viele hieß es, dass sie Angst um ihren Job haben mussten, weniger verdienten oder länger arbeiten mussten. In dieser ersten Phase seiner Präsidentschaft hat Emmanuel Macron den Keim gelegt für eine politische und auch emotionale Entfremdung zwischen ihm und seinem Volk. Macron wurde in den Augen vieler Franzosen der „Präsident der Super-Reichen“ – ein Attribut, das der ehemalige Investmentbanker nicht mehr loswerden sollte.

Es sollte nicht sein einziger Fehler bleiben. Dass der Staatschef die sozialen Proteste der Gelbwesten anfangs über Wochen ignorierte und dann vor allem mit überharten Polizeieinsätzen beenden wollte, hat das Urteil der Menschen über ihre Präsidenten als arrogante Politik-Schnösel zementiert. Bei den auch jetzt immer wieder aufflammenden sozialen Protesten laufen die Demonstranten häufig mit Plakaten von Macron als Sonnenkönig Ludwig XIV. durch die Straßen.

Emmanuel Macron auf Versöhnungskurs

Dabei hat Emmanuel Macron in seiner Amtszeit mehrere Anläufe unternommen, sich mit seinem Volk zu versöhnen. Auf dem Höhepunkt der Proteste der Gelbwesten blickte er schon einmal in den politischen Abgrund. Damals initiierte er die „Grand Débat“, eine Art landesweite Bürgersprechstunde. Wochenlang tourte der Präsident hemdsärmelig durchs Land, hörte sich geduldig die Sorgen und Nöte der Menschen an und schwärmte von einem neuen „Vertrag für die Nation“. Emmanuel Macron zog alle Register, umschmeichelte seine Zuhörer, schüttete sie mit dem ihm eigenen Pathos zu, warb um sie. So konnte er als großartiger Kommunikator zwar die Lage entspannen - aber die Menschen mochten ihn noch immer nicht. Viele taten die „Grand Débat“ als gut inszeniertes Polit-Theater ab. Schlimmer noch: die meisten Franzosen hatten schon zu jenem Zeitpunkt das Vertrauen in ihn verloren. Inzwischen glauben sie nicht mehr daran, dass er in der Lage ist, das Volk und das Land zu führen.

Der Präsidenten müht sich vergebens

Selbst in der Corona-Pandemie, in der sich das Volk in den meisten Staaten Europas hinter ihren Regierungen sammelte, konnte Macron nicht punkten. Die sehr harten Beschränkungen in Frankreich wurden vom Volk mit erstaunlicher Geduld getragen. Profitiert hat davon bisher allerdings eher Premierminister Édouard Philippe, nicht aber der Präsident.

Emmanuel Macron muss handeln, will er seine Wiederwahl in zwei Jahren nicht schon jetzt in die Binsen schreiben. Also hat er sich entschieden, das Ruder radikal herumzureißen. Verfolgte er bisher einen wirtschaftsliberalen Kurs, sollen nun die sozialen Aspekte stärker betont werden. Angesichts der Erfolge der Grünen in vielen europäischen Ländern will er auch den Umweltschutz ins Zentrum seines Tuns rücken. Frankreich werde sich angesichts der Krise ungeahnten Ausmaßes neu erfinden müssen, hatte der Präsident zuletzt immer wieder betont – gemeint damit hat er offensichtlich vor allem sich selbst.

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