Viele ältere Menschen mangelt es an sozialen Kontakten. Wo man Hilfe finden und wie man Einsamkeit vorbeugen kann.
Es gibt sie fast überall, diese ältere Nachbarin, die man höchstens mal am Fenster sieht. Zweimal in der Woche klingelt der Pflegedienst, sonst bekommt sie nie Besuch. „Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Nachbarin einsam ist, ist sehr hoch“, sagt Elke Schilling.
Schilling ist die Gründerin von Silbernetz, einem anonymen Telefonangebot für alle, die „einfach mal jemanden zum Reden brauchen“, wie es Schilling formuliert, die gerade auch ein Buch mit diesem Titel geschrieben hat („Die meisten wollen einfach mal reden – Strategien gegen Einsamkeit im Alter“. Verlag Westend, 22 Euro).
Frauen über 80 besonders betroffen
Der Bedarf dafür ist in Deutschland groß. Verschiedenen Studien zufolge sind rund acht Millionen Menschen im Alter ab 60 Jahren wenigstens einen Teil ihrer Zeit von Einsamkeit oder Isolation betroffen, bei Frauen ab 80 Jahren beträgt der Anteil der Einsamen gar 15 Prozent.
Frauen wie die Nachbarin, die tagelang oft nur die Stimme des Fernsehers hört und die kaum einer zu Gesicht bekommt, was Einsamkeit gerade im Alter oft unsichtbar macht. Die gesundheitlichen Auswirkungen aber sind groß – und betreffen nicht nur die Psyche, wo sie zu Depressionen und Angsterkrankungen führen kann.
Denn Sozialkontakte schützen auch das Herz und stärken das Immunsystem. Fehlen sie, steigt das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs und Demenz. Einsamkeit ist damit verschiedenen Studien zufolge ein ähnlich großer Risikofaktor wie Alkoholsucht und Fettleibigkeit – und so schädlich wie 20 Zigaretten am Tag.
Auch viele jüngere Menschen kennen das Gefühl von Einsamkeit in manchen Lebensphasen. Doch im Alter wird es durch eingeschränkte Mobilität oft sehr schwer, allein wieder aus der Einsamkeit herauszufinden. „Wer chronisch einsam ist, kann das eigentlich nur durch behutsame Hilfe von außen schaffen“, sagt Elke Schilling.
Im Falle der einsamen Nachbarin empfiehlt sie beispielsweise, einfach mal einen Zettel in den Briefkasten zu stecken und Unterstützung anzubieten oder die Nachbarin einzuladen und vielleicht gemeinsam zu schauen, welche Möglichkeiten für soziale Kontakte es in der Nähe gibt.
Denn in den Telefonberatungen erlebt Elke Schilling häufig, dass viele Ältere gar nicht wissen, welche Hilfs- oder Freizeitangebote überhaupt da sind. „2,5 Millionen Menschen in Deutschland haben keinen Internetzugang. Da hilft es auch nichts, wenn die entsprechenden Angebote im Telefonbuch stehen. Denn ein Telefonbuch kann ich heute auch nur noch online bestellen“, so Elke Schilling. So hat der Malteser Hilfsdienst im Rahmen des Projekts „Miteinander Füreinander“ in den letzten Jahren beispielsweise versucht, mehr Unterstützungs- und Begegnungsangebote für ältere Menschen zu schaffen. Auch die Caritas oder die Diakonie vor Ort sind mögliche Anlaufstellen für weitere Informationen.
Orte der Begegnung? Fehlanzeige!
In vielen Stadtteilen oder Dörfern gibt es Schilling zufolge heute aber keine Begegnungsorte mehr, in denen ältere Menschen miteinander in Kontakt kommen könnten. „Oder sie sind zumindest nicht gut erreichbar“, sagt Elke Schilling. Denn was helfe ein schöner Park mit netten Bänkchen, die zum Plaudern einladen, wenn der Weg dahin zu weit ist – und es keine Möglichkeit gibt, sich unterwegs mal irgendwo hinzusetzen. „Ich würde mir wünschen, wir hätten alle 300 Meter eine Bank mit Armlehnen, dann könnte man zwischendurch eine Pause machen und allein auch wieder aufstehen, wenn man unterwegs ist“, sagt Elke Schilling.
Was Kommunen sonst noch tun können, um gegen die Einsamkeit im Alter vorzugehen, zeigt die schweizerische Stadt St. Gallen mit der Stiftung Zeitvorsorge. Hier können Menschen aktiv der Einsamkeit im Alter vorbeugen, indem sie Zeit ansparen. Die Idee dahinter: Erst leistet man einem älteren Menschen Gesellschaft, trifft sich zum Spazierengehen, Kochen oder Gärtnern. Wünscht man sich dann selbst später im Alter soziale Kontakte, bekommt man sie gratis zurück – dafür bürgt die Stadt St. Gallen.
Rechtzeitig aktiv zu werden hilft
Diese enge Verbindung mit der Kommune unterscheidet das Angebot auch von ähnlichen Projekten in Deutschland, die meist eher als Seniorengenossenschaften funktionieren. Elke Schilling findet die Idee gut, denn sie bringt Menschen dazu, sich rechtzeitig mit dem Thema Einsamkeit im Alter zu beschäftigen – und vorbeugend aktiv zu werden. „Weil Altwerden in Deutschland aber oft mit der einseitigen Sichtweise auf Krankheiten verbunden ist, schieben das die meisten bis ins Rentenalter von sich“, so Schillings Erfahrung.
Mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben würden dann nicht wenige zum ersten Mal mit der Einsamkeit konfrontiert. „Dieses Gefühl ist dann etwas völlig Normales und auch Gutes. Es zeigt uns, dass es uns an etwas mangelt – und wir etwas dagegen tun müssen“, sagt Elke Schilling.
Sie selbst ist 79 Jahre alt und verbringt nach wie vor viel Zeit am Silbertelefon. Anderen zuhören, damit sie sich zumindest während des Gesprächs etwas weniger einsam fühlen – für Schilling und viele ihre Kolleginnen ist auch das ein Weg, selbst der Einsamkeit vorzubeugen.
Hilfe bei Einsamkeit
Verein „Wege aus der Einsamkeit“: Der Verein unterstützt bundesweit Konzepte, die sich mit dem Altern beschäftigen und mit digitalen Bildungsangeboten.
Digitale Engel: Egal ob man online mit den Enkeln in Kontakt bleiben möchte oder Überweisungen künftig am Computer machen will: Die digitalen Engel helfen älteren Menschen bei der Nutzung digitaler Angebote.