Der Stuttgarter Gerhard Weingartner engagiert sich seit 16 Jahren beim Seniorentelefon Dreiklang der evangelischen Gesellschaft. Mehrmals die Woche ruft er ältere Menschen, die niemand haben, an – und hört ihnen einfach zu.
Gerhard Weingartner ist kein professioneller Zuhörer. Gelernt habe er das nicht, sagt der 76-Jährige. Er ist auch kein Psychotherapeut oder so. Trotzdem macht er in seiner Freizeit seit 16 Jahren genau das: zuhören. Er beschreibt es selbst aber so, dass er in erster Linie etwas verschenke: nämlich Zeit. „Das ist etwas sehr wertvolles und das möchte ich mit anderen Menschen teilen“, sagt Weingartner.
Deshalb hat ihn, als er vor 16 Jahren in Ruhestand ging, ein Inserat mit dem Titel „Wer schenkt älteren Menschen Zeit?“ direkt angesprochen. Seitdem ist er bei der evangelischen Gesellschaft (eva) im Einsatz. Weingartner war sein Leben lang Polizeibeamter bei der Bundespolizei und dort vor allem an Bahnhöfen im Einsatz. Darüber kam er mit Menschen unterschiedlicher Herkunft in Kontakt. „Ich kann nachvollziehen, was in Menschen vorgeht“, sagt der Pensionär.
Er hilft gegen die Einsamkeit
Zu Beginn seines Ruhestandes engagierte er sich zunächst bei der eva im Besuchsdienst, als er eine Augenkrankheit bekam und nahezu erblindete, musste er dies aufhören. Deshalb hat er sich für das Seniorentelefon Dreiklang gemeldet. Zwei bis dreimal die Woche sitzt er nun im ersten Stock bei der eva in der Büchsenstraße in der Stuttgarter Innenstadt und ruft ältere Menschen an, die alleine leben. Die meisten von ihnen sind einsam, können oder wollen aber keinen Besuch bekommen. „Deshalb rufen wir sie an“, sagt Weingartner. Die Kontakte bekomme die eva über den sozialpsychiatrischen Dienst.
Sechs Ehrenamtliche rufen jeweils in zwei Schichten täglich um die 60 bis 70 Menschen einmal die Woche an, auch an Feiertagen. „Da ist ja oft die Einsamkeit am größten“, sagt er. Eine Dame habe ihm sogar einmal gesagt, das Telefonat mit ihm sei ihre schönste Weihnachtsfeier seit langem gewesen.
Weingartners Dienst geht immer etwa eineinhalb Stunden. Meistens schafft er in der Zeit zwei Gespräche, er will niemand kurz abfertigen, sondern nimmt sich Zeit, er mache keine Fließbandarbeit. Seine Gespräche beginnt er immer mit: „Wie geht es Ihnen heute?“ Danach lässt er die Menschen erzählen. Was treibt sie um? Worüber sind sie traurig? Was macht ihnen Angst? „Viele haben kaum Angehörige oder die haben den Kontakt abgebrochen“, sagt Weingartner.
Besonders wenn es die eigenen Kinder gewesen seien, die sich ohne Begründung zurückgezogen hätten, seien die Menschen zutiefst traurig. „Da ist dann immer noch sehr viel Schmerz, weil sie gar nicht wissen, warum“, sagt Weingartner. Oft trauern seine Gesprächspartner auch um Angehörige, haben aber niemand in ihrem Umfeld, mit dem sie darüber sprechen können. Deshalb dürfen sie bei ihm einfach reden.
Viele Menschen können nicht einfach nur zu hören
Zuhören hat in unserer Gesellschaft einen schlechten Ruf. Die meisten Menschen reden lieber gerne selbst. Oder neigen dazu, anderen sofort Ratschläge geben zu wollen oder direkt auf eine Erzählung zu antworten mit „Ja, aber bei mir...“ Warum ist es so schwer, nur zu zuhören? Der Psychologe Erich Fromm schrieb: „Zuhören ist eine Kunst wie das Verstehen von Poesie.“ Was es dafür braucht, führt Fromm ebenfalls aus: volle Konzentration, das Fehlen von Angst, eine frei arbeitende Fantasie sowie die Fähigkeit zur Empathie und eine grundlegende Liebesfähigkeit.
Auch die Forscher Guy Itzchakov von der israelischen Universität in Haifa und seine Kollegin Netta Weinstein vom Institut für Psychologie und klinische Sprachwissenschaften an der Universität Reading haben in einer Untersuchung analysiert, was gutes Zuhören ausmacht. Ihr Fazit: Der Zuhörer müsse dem Gesprächspartner einen „sicheren Ort“ bieten. Dies bedeute „wertschätzend“ und „ohne Wertung“ zu agieren. Guy Itzchakov bezeichnet Zuhören als „Herzstück der sozialen Handlungsfähigkeit“.
Da ist viel Schmerz und viel Trauer
Dass ist es auch, was Gerhard Weingartner seinen Zuhörern vermitteln möchte: gehört zu werden. Und er macht noch etwas darüber hinaus, er hält mit ihnen ihren Schmerz aus. „Ich bin sehr gut in der Lage, diesen mitzutragen“, sagt Weingartner. Und oft könnten die Menschen ihren Schmerz nirgends anders loswerden. Manchmal spürt er, dass am anderen Ende der Leitung jemand mit den Tränen ringt. „Dann ermuntere ich sie, die Tränen einfach laufen zu lassen und sich auszuweinen.“
Weingartner gibt auch keine Ratschläge. Das Wort beinhalte ja zwei Komponenten: Rat und Schläge. Und letzteres wolle er seinen Gesprächspartnern nicht zumuten. Deshalb hält er sich damit zurück, stellt nur Fragen. Viele Gespräche drehen sich um das Thema Altersheim. Oft stünde der Gang dorthin kurz bevor, sei aber mit vielen Ängsten verbunden. Was geschieht dort? Was ist mit meiner Wohnung und meinen Sachen? Werde ich mich dort wohlfühlen? Auf die Fragen kann ja auch Gerhard Weingartner keine Antworten geben. „Das Altersheim ist ja oft auch die Endstation im Leben. Das spüren die Menschen“, sagt er.
Viele hadern mit dem Altersheim
Auch Armut ist ein großes Thema seiner Angerufenen. Viele kriegten immer weniger, entwickelten dann Ängste vor Zugereisten. Sie glaubten, die kriegten alles und die Deutschen nichts mehr. Diese Ängste kann der ehemalige Polizist zwar nicht nachvollziehen, deshalb macht er dann auch darauf aufmerksam, dass dies auch Menschen in Not seien, die Unterstützung brauchen.
Vielleicht kann Gerhard Weingartner auch deshalb so gut mit dem Schmerz von anderen so gut umgehen, weil er ihn selbst so gut kennt. Als seine Augenkrankheit begann, fiel er in ein tiefes Loch, er war oft verzweifelt und wurde dann depressiv. Eine Therapie und vor allem zwei sehr gute Freunde haben ihm wieder herausgeholfen. Heute geht es ihm besser. Vor allem sein Ehrenamt gebe ihm innere Zufriedenheit. „Wenn ich mit dem Geschenk Zeit jemand helfen kann und der andere das auch annehmen kann, dann macht mich das glücklich.“
Deshalb war es für ihn wichtig, dass es ihm selbst wieder gut geht. Wenn es ihm akut schlecht gehen würde, dann sei er kein guter Zuhörer mehr. Deshalb sei es für ihn wichtig, aktiv zu sein. „Es muss immer ein kleiner Funke da sein, der darf nicht erlöschen.“ Er verbringt dafür auch viel Zeit in seinem Garten. Anfangs habe er ziemlich gehadert, dass er immer weniger sehen kann. Heute macht er es umgekehrt: „Ich erfreue mich daran, was ich noch sehen kann.“
Viele Menschen, die er anruft, sind schon älter. Deshalb muss er sich auch immer wieder von welchen verabschieden. Eine Dame sei 104 Jahre alt geworden, über einen sehr langen Zeitraum sei er mit ihr in Kontakt gestanden. Bis zum Schluss sei sie im Altersheim gewesen, auch dort rufe er an. Sie hatte irgendwann den Wunsch, dass sie sich einmal treffen. Diesem Wunsch ist er nachgekommen. Aber das sei eigentlich die Ausnahme, betont er.
Manchmal wiederholen sich die Gespräche mit den Menschen immer wieder. Aber auch das hält Weingartner aus. Er sage nie: „Darüber haben wir doch letztes Mal schon gesprochen.“ Er versucht dann eher irgendwann, auf etwas anderes über zu leiten. Hauptsächlich seien es Frauen, die er anruft. Er tauscht dann mit ihnen schwäbische Kochrezepte aus, fachsimpelt mit ihnen, was der beste Kartoffelsalat ist oder wie eine gute Tomatensoße geht.
Weingartner legt großen Wert darauf, dass jedes seiner Gespräche gut zu Ende geht. Wenn sich ein Thema im Kreis dreht, setzt er schon auch mal einen Punkt. Und dann sagt er: „Darüber sprechen wir nächstes Mal.“ Damit seine Gesprächspartner wissen, er ruft wieder an.
Telefonischer Kontakt gegen Einsamkeit
Kontakt
Das Seniorentelefon Dreiklang richtet sich an ältere Menschen, die sich einsam fühlen und denen es schwerfällt, andere Begegnungs- und Kontaktmöglichkeiten zu nutzen. Am „Dreiklang“-Telefon unter der Telefonnummer 07 11/20 54 399 sitzen jeweils montags, mittwochs und freitags in der Zeit von 10 bis 12 Uhr ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In erster Linie hören sie den Menschen verständnisvoll zu und nehmen Anteil. Daneben vermitteln sie bei Bedarf an andere Einrichtungen, die weitere Unterstützungsmöglichkeiten anbieten.
Ablauf
„Dreiklang“ ist ein aktives Telefon. So kann auch vereinbart werden, dass der Ältere regelmäßig (etwa einmal pro Woche) angerufen wird. Diese Anrufe sollen dem Älteren gut tun und dazu beitragen, dass nicht unbemerkt bleibt, wenn es ihm schlechter geht. (nay)