Eine Landwirtin aus Rubiera, 2009. Foto: Francesco Neri, 2020/Hartmann Books

Francesco Neri fotografiert Bauern und Bäuerinnen in Norditalien. Die vieldeutige Porträtserie zeugt von einer Welt voller Entbehrungen, die für den Kitsch nicht taugt.

Stuttgart - Typisch für stressgeplagte Großstädter ist ihre Verklärung des Landlebens. Dem scheinbaren Widerspruch zwischen authentischem Landleben und urbaner Entfremdung verdankt etwa die Tourismusindustrie seit dem 19. Jahrhundert ihren Erfolg bei der Vermarktung der Provinz als Idyll. Urlaubende Städter suchen jenseits der Ballungszentren den Kitsch, mindestens aber Erholung und Ruhe, wobei sie gern die wahren Existenzbedingungen der Landbevölkerung ignorieren.

Vordergründig unspektakulär

Der italienische Fotograf Francesco Neri fotografiert seit 2009 die Landwirte seiner Heimat, der Emilia-Romagna – auch so ein Sehnsuchtsziel. Für seine Porträts verwendet er eine Großformatkamera, was für Neris Anspruch an Farbtongebung, Detailgenauigkeit und Bildschärfe spricht. Für die brillante Serie „Farmers“ besuchte der 1982 in Faenza geborene Fotokünstler viele ältere Menschen, die noch in kleinbäuerlichen Strukturen leben und arbeiten. Das Setting ist vordergründig unspektakulär, die Leute wurden in ihrer vertrauten Umgebung fotografiert, meist in ihrer Arbeitskleidung, manchmal mit einem banalen Werkzeug wie einem Eimer in der Hand.

Vermeintliches Idyll

Die Unschärfe des Hintergrunds lässt das vermeint­liche Idyll verschwimmen. Als Betrachter bleibt man gewissermaßen ahnungslos, das Dorf als romantisches Refugium ist unsichtbar. Die Augen der Porträtierten sind stets auf das Objektiv gerichtet – und die niemals lachenden Gesichter erzählen auch nichts, was wirklich schön ist. Mühsal und Sorgen finden sich in den Falten und Schwielen der Bauern, doch auch ein gewisser Trotz und Stolz, das bisherige Leben im Abseits irgendwie bewältigt zu haben. Und zwar ohne jene Neurosen, welche die Städter mitbringen, wenn sie wieder zur Sommerfrische anrücken und sich etwas einbilden. Womöglich sind die ambivalenten Bauernporträts nicht instagramtauglich. Dafür sollten sie in Galerien hängen – oder in Wohnzimmern von genervten Großstädtern.

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