Wie damals beim ersten Lockdown sind Sascha Wolf (links) und sein Mitarbeiter Max Voigt derzeit wieder auf Online-Kurse umgestiegen. An den digitalen Endgeräten sind unter anderem auch Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung begeistert dabei. Foto: Torsten Streib

Der Cannstatter Sascha Wolf ist deutschlandweit einer der wenigen Special-Olympics-Tanztrainer. Vier Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung bei den Kursen dabei.

Bad Cannstatt - Mittlerweile hat Sascha Wolf Übung. Mit einem Headset ausgestattet steht er vor einem Laptop, der Raum ist gut ausgeleuchtet. Seine Anweisungen sind klar verständlich, werden – wie schon beim ersten Lockdown im Frühjahr – via einer App in die „heimischen Tanzsäle“ übertragen. Wolf, der seit 2007 die gleichnamige Tanzschule in Bad Cannstatt betreibt, ist aufgrund des erneuten Lockdowns wieder auf Online-Kurse umgestiegen – in den unterschiedlichen Tanzarten.

Auch Hip-Hop gehört zum Repertoire. Ob vor Ort oder Zuhause vor den diversen digitalen Endgeräten – seit einigen Jahren sind auch Kinder und Jugendliche mit mentaler Beeinträchtigung begeistert bei den Kursen dabei. „Vier Teilnehmer und Teilnehmerinnen im Alter von 10 bis 14 Jahren sind fester Bestandteil unserer Gruppen. Regelmäßig besuchen sie die Kurse“, sagt Tanz- und Fitnesstrainer Wolf. Das Thema Tanzen für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung möchte der 38-Jährige populärer machen und auch „anderen Tanztrainern nahebringen“. Seit Mitte September ist er dafür sozusagen auch zertifiziert. Im österreichischen Schladming hat er einen Lehrgang der Special Olympics Bewegung absolviert. Damit sei er einer von nur sieben Special Olympic Tanz-Trainern in Deutschland. Seit vergangener Woche ist er zudem auch noch Sportkoordinator für Tanzen von Special Olympics in Baden-Württemberg.

Einen Special Olympics Wettbewerb hat er ins Auge gefasst: Die Tanz-Weltmeisterschaft-Premiere 2021 in Graz. „Wir sind noch am Überlegen und in Gesprächen mit den Eltern, was sie davon halten. Es wäre sicherlich eine tolle Sache, zumal es nach Graz ja nicht weit ist.“ Ein erhöhtes Trainingspensum sei dann zwar notwendig. Jedoch steht bei den Special Olympics nicht der Erfolg, sondern das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund. „Nicht der Beste zu sein ist entscheidend, so Wolf, „sondern gemeinsam was zu machen.“ Wenn dann auch noch ein Platz auf dem Treppchen herauskommen würde, umso besser. Nicht unmöglich. Es gibt keine Qualifikationsnorm zu erfüllen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden nach einer Sichtungsrunde in verschiedene Leistungsgruppen eingeteilt. „So sind die Chancen, etwas zu erreichen, auch größer.“

Inhalt des Trainerlehrgangs war unter anderem das Bekanntmachen mit den Strukturen von Special Olympics und natürlich der Umgang mit geistig gehandicapten Sportlerinnen und Sportlern. Letzterer ist für Wolf – wie gesagt – mittlerweile Alltag. Erste Erfahrungen im Umgang und Training mit Menschen mit mentaler Beeinträchtigung machte Wolf in Zusammenarbeit mit dem bhz Stuttgart, einem Träger vielfältiger Angebote für Menschen mit Behinderung. Dadurch kam auch der Kontakt zur Patsy & Michael Hull Foundation aus Osnabrück zustande. Diese setzt sich für Inklusion durch Tanz und Bewegung ein und führte Musicals auf. „Das in unterschiedlichen Städten unter Einbindung örtlicher Tanzschulen. Und so kamen sie auf mich zu und ich habe Tänzer­innen und Tänzer für den Background fit gemacht.“ Eine weitere Institution habe danach angefragt, ob Menschen mit geistiger Beeinträchtigung beim Angebot der Tanzschule mitmachen könnten. Es handelte sich um acht Kinder, von denen „heute noch vier bei uns sind“.

Kinder und Jugendliche mit und ohne geistiger Behinderung studieren in der Tanzschule Wolf gemeinsam Choreografien ein. „Kein Problem“, wie Sascha Wolf aus der Erfahrung weiß. Es sei ein Vorurteil, dass Menschen mit mentaler Beeinträchtigung schwierigere Schrittfolgen nicht hinbekämen. Wolf erinnert sich an an einen Hip-Hop-Kurs unmittelbar nachdem er seine Tanzschule zum Präsenzunterricht wieder aufmachen durfte. Alle, auch er, hätten gerätselt, wie die zuletzt eingeübte Choreografie ginge, bevor man in den Lockdown musste. Alle? „Nein, ein Mädchen mit Downsyndrom erinnerte sich an die Schrittfolge und hat es der Gruppe gezeigt.“

Generell benötige es manchmal schon etwas mehr Geduld, müssten bestimmte Ding e in kleineren Schritten und häufiger geübt werden, bis sie sitzen würden – dann aber dauerhaft. „Die Geduld und die erhöhte Aufmerksamkeit musste ich auch erst lernen, hat mir aber für meinen Job im Allgemeinen weitergeholfen.“ Darüber hinaus sei Flexibilität gefragt. Auf gewohnte Abläufe dürfe man sich nicht bauen, vielmehr auf bestimmte Situation auch variable reagieren. „Es kommt auch auf die Tagesform der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an. Darauf muss man sich einstellen.“ Und manchmal auch akzeptieren, wenn jemand keine Lust habe, mitzumachen – wie einmal ein Mädchen. „Sie hat sich ins Eck gesetzt, das Ganze beobachtet.“ Und das sehr aufmerksam, wie der Kurs eine Woche später zeigen sollte . „Sie war dann wieder aktiv dabei, und konnte die Choreografie, die wir zuvor einstudiert hatten.“

Die nicht behinderten Kinder und Jugendlichen sind laut Wolf auch begeistert bei der Sache. „Ihnen fällt die Behinderung teilweise gar nicht auf.“ Bei den Eltern sei das anders. „Aber sie begrüßen es, dass ihre Kinder gemeinsam mit Behinderten unser Angebot nutzen.“

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