Wer sich in allen Stuttgarter Geschäften bedienen will, zieht besser zu Fuß los. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst - dpa/Frank Rumpenhorst

Nachdem der Online-Handel den Geschäften lange das Leben schwer gemacht hat, probieren diese sich nun auf unterschiedliche Weise im Netz. Eine gemeinsame Plattform fehlt aber.

StuttgartEs könnte so praktisch sein: Von daheim aus online checken, ob die gewünschte Hose oder die Schuhe in der richtigen Größe, das Küchenutensil oder Spielzeug für den nächsten Kindergeburtstag im Laden in der Stadt erhältlich ist, und dann in gewohnter Manier auf Shoppingtour gehen – Erfolgserlebnis garantiert, die Ware vielleicht sogar im Laden reserviert. Die Vorzüge des Online-Shoppens mit einem schönen Stadtbummel verbinden – in Stuttgart läuft das noch holprig. Große Ketten wie Media-Markt/Saturn oder Galeria Karstadt Kaufhof haben längst online und offline Shoppen verbunden und zeigen auf ihren Webseiten an, was in den Filialen vorrätig ist. Bei kleineren Geschäften landen User hingegen sowohl im gut geführten Online-Shop des Traditionsgeschäfts Tritschler, aber auch vor digital verschlossenen Türen wie beim Spielwarenhändler Kurtz. Eine gemeinsame Plattform, auf der Kunden online quer durch die Stadt bummeln können, fehlt. Andere Städte wie Leinfelden-Echterdingen oder Heilbronn haben solche Webseiten geschaffen, auf denen sich Händler an einem gemeinschaftlichen Online-Shop beteiligen können.

Eine Handvoll Geschäfte in Stuttgart hat sich in diesem Jahr dem größten deutschen Online-Händler Otto.de angeschlossen. Das Hamburger Versandhaus bietet zusammen mit dem Einkaufszentrumsbetreiber ECE Einzelhändlern in und um die Center die Möglichkeit, ihre Ware online anzubieten und im Webshop die Verfügbarkeit in der Filiale anzuzeigen. In Stuttgart betreibt ECE neben dem Milaneo auch die Königsbau-Passagen.

Das Projekt ist im Sommer gestartet. Bislang nutzen die Plattform nur einige große Ketten, die andernorts auch in den ECE-Centern vertreten sind, wie Jack Wolfskin, der Schuhhändler Reno oder der Spielwarenhändler Mytoys. „Unsere Produkte sind durch das Programm in Deutschland noch sichtbarer und breiter verfügbar“, sagt Jack-Wolfskin-Vertriebs­chef Markus Bötsch. Wie viele Kunden über die Funktion aber tatsächlich ihren Weg in die Geschäfte des Outdoor-Händlers im Einkaufszentrum Milaneo oder in dem Laden am Rotebühlplatz gefunden haben, kann man nicht nachvollziehen. Auch in der Mytoys-Filiale auf der Königstraße wurden die Mitarbeiter noch nie auf den Service angesprochen. Bei Tritschler prüft man, ob man sich Otto.de anschließen soll. Der Haushaltswarenspezialist verkauft bereits ausgewählte Waren bei Amazon und unterhält einen umfangreichen eigenen Webshop, in dem sich Kunden anzeigen lassen können, welche Produkte in den Filialen verfügbar sind. „Das nehmen die Kunden sehr gut an“, sagt Elisa Schürle, Leiterin E-Commerce bei Tritschler und betont: „Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem eigenen Online-Shop.“ Dennoch fände man bei Tritschler eine gemeinsame Handelsplattform für Stuttgart eine gute Idee.

Dabei hat eine Marktanalyse des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI gezeigt, dass die lokalen Marktplätze im Online-Handel bislang keine nennenswerte Rolle spielen. Auch Citymanager Sven Hahn hält von so einem Projekt für Stuttgart wenig. Ein lokaler Marktplatz sei schwierig umzusetzen, weil die Händler zu unterschiedliche Online-Strategien verfolgen. Zudem sei die Konkurrenz von Online-Größen wie Amazon, Otto.de oder Zalando zu groß. „Ich glaube nicht, dass der lokale Handel die Marktmacht hat, denen etwas entgegen zu setzen“, sagt Hahn.

Schon vor Otto.de hat Zalando begonnen, kleine Einzelhändler auf seiner Plattform anzubinden. 1.300 sind es deutschlandweit, bis Jahresende sollen es 1.500 sein. In Stuttgart haben sich bislang fünf Händler angeschlossen. Die Kooperation ist nicht ganz günstig. Welchen Umsatzanteil Zalando einbehält, hängt von der gehandelten Ware ab. In einem ersten Schritt können die Händler ihre Produkte direkt aus ihren Geschäften verschicken. Irgendwann soll die bestellte Ware auch im Laden abgeholt werden können. 2020 soll die sogenannte Same-Day-Delivery, also Lieferung noch am Tag der Bestellung, geübt werden. Das Pilotprojekt mit 100 Händlern startet aber in Berlin. Stuttgart hat erst einmal nichts davon.

Für Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, führt aber kaum ein Weg an solchen Kooperationen vorbei. „Da können Umsätze gemacht werden, die vielleicht sonst im stationären Handel verloren gehen.“ Gerade für kleine Händler seien sie eine Chance, überhaupt online zu verkaufen. „Der eigene Online-Shop ist so teuer, dass kaum jemand dran denken darf“, sagt die Handelsexpertin. Gemeinsame Plattformen seien deshalb umso wichtiger. „Wir sind da aber noch ganz am Anfang“, räumt Hagmann ein. Bis sich also auch in Stuttgart der Stadtbummel online ohne Stolpersteine vollziehen lässt, wird es eine Zeit brauchen, glaubt sie: „Drei bis fünf Jahre wird das dauern.“

Zwischen Kooperation und Konkurrenz

Amazon: Der Konzern lässt Einzelhändler seit geraumer Zeit Waren auf seinem Marketplace anbieten. In den Kaufhäusern von Galeria Karstadt Kaufhof können Pakete von Amazon abgeholt werden. Außerhalb Deutschlands hat der Online-Gigant nicht nur die Biosupermarktkette Whole Foods gekauft, sondern in den USA mehrere Geschäfte für Lebensmittel eröffnet, in denen Kunden automatisch mit dem Handy über ihren Amazon-Account bezahlen. Auch Läden mit Online-Verkaufsschlagern unterhält Amazon in den USA, ebenso wie Buchläden. In Deutschland gab es vergangenes Jahr für kurze Zeit einen sogenannten Pop-up-Store in Berlin.

Zalando: Der Online-Händler versucht seit Jahren, sich mit stationären Händlern zu vernetzen – und will diverse Möglichkeiten testen bis hin zur Bestellung in den Laden. Gleichzeitig eröffnet der Versandhändler eigene Outletläden. In der Hirschstraße in Stuttgart gibt es ein Zalando-Outlet.

Otto.de: Im Sommer wurde ein Projekt namens connected commerce gestartet, um sich mit stationären Händlern zu vernetzen. Bislang kommen Ketten zum Zuge, die in den Einkaufszentren der Schwesterngesellschaft ECE vertreten sind, auch wenn ihre Filialen außerhalb der Center liegen.

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