Mit einer Gebläsespritze wird das Behandlungsmittel ins Blätterwerk gesprüht. Dabei werden selbst die Baumspitzen in bis zu 40 Meter Höhe erreicht. Kommt es doch zu einem Raupenbefall, werden die Gespinste mit einem speziellen Sauger entfernt. Foto: Elke Hauptmann/Bodo Marks

Die Stadt Stuttgart geht wieder gegen den Eichenprozessionspinner vor. 2100 Bäume werden mit einer speziellen Lösung gegen die Raupen des Falters „geimpft“. Deren Brennhaare können Allergien auslösen.

Untertürkheim - E in Knopfdruck genügt und schon fegt ein Sturm durch die Krone der mächtigen Eiche. Mit kraftvollen 30 Bar drückt die auf einem Pick-up montierte Gebläsespritze ein Behandlungsmittel von unten ins Blätterwerk – bis zu 40 Meter hoch reiche der Luftstrom, erläutert Thomas Kuhn, der Vertreter einer Fachfirma, die im Auftrag des Stuttgarter Garten-, Friedhofs- und Forstamtes (GFF) gut die Hälfte der 2100 ausgewählten Bäume im Stadtgebiet gegen den Eichenprozessionsspinner „impft“. Der künstliche Wind verteilt den „Bacillus thuringiensis“, der den wegen ihrer Brennhaare gefürchteten Raupen den Garaus machen soll.

„Das funktioniert“, sagt Amtsleiter Volker Schirner im Brustton der Überzeugung. Seit 2009 habe das GFF gute Erfolge mit der vorbeugenden Spritzung von Eichen mit einer wässrigen Neemöl-Lösung erzielt. „Würden wir die Raupen nicht bekämpfen, gäbe es jedes Jahr eine richtige Plage.“ Natürlich können und sollen nicht alle der rund 7400 Eichen im Stadtgebiet entsprechend behandelt werden. Bäume in Wald-, Natur- und Landschaftsschutzgebieten zum Beispiel bleiben aus ökologischen Gründen von der Präventionsmaßnahme unberührt. Das Amt treffe jedes Jahr aufs Neue eine Auswahl; der Schwerpunkt liege im Außenbereich von Schulen, Schwimmbädern, Kindergärten und Spielplätzen, auf Friedhöfen, in stark frequentierten Straßen sowie in Grün- und Sportanlagen. Einsatzgebiete seien vor allem die Filderbezirke und der Bereich Neckar, „weil es hier viele Eichen gibt“, sagt Schirner.

Allergische Reaktionen

G espritzt wird das für den Menschen als unschädlich geltende Pflanzenschutzmittel mit Beginn des Blattaustriebs. Die Raupen des unscheinbaren Nachtfalters schlüpfen im Frühling aus den im Vorjahr in den Zweigen abgelegten Eiern, sobald die Temperaturen ausreichend hoch sind. Auf Futtersuche wandern sie häufig in langen Prozessionen (daher der Name) über Stämme und Äste, manchmal auch von einem Baum zum anderen. „Im Stadt- und Forstbereich sind bislang noch keine Eichen aufgrund von Fraßschäden eingegangen“, räumt Schirner ein. Die Bekämpfung sei aus einem anderen Grund erforderlich: Etwa im April und Mai sind die Larven des Spinners im dritten von sechs Stadien und bilden dauerhaft giftige Brennhaare aus. Die Zeit von Ende Mai bis August – und sogar noch darüber hinaus – ist allerdings für den Menschen gefährlicher. Denn dann verlieren die Tiere viele ihrer Härchen, die vom Wind verbreitet werden. Und diese können bei empfindlichen Personen stark juckende, entzündliche Reaktionen der Haut, der Augen oder der Atemwege auslösen .

Giftige Brennhaare

Wichtig sei das Mittel einzusetzen, bevor der Eichenprozessionsspinner seine gefährlichen Brennhaare entwickelt, betont Fachmann Kuhn. Aufgebracht wird das aus dem Neembaum gewonnene Öl in einer fünfprozentigen Lösung, erklärt er. „Für einen etwa 15 Meter hohen Baum werden nur zehn Liter des Gemischs benötigt, für einen 25 bis 30 Meter hohen Baum etwa das Doppelte.“ Die Lösung werde beim Versprühen antistatisch aufgeladen, um eine bessere Haftung an den Blättern zu erzielen. Die Raupen nehmen den Bazillus dann beim Fressen auf. Die Bakterien bilden im Darm ein Kristallprotein, das die Raupen verenden lässt. Die Methode hat sich laut dem GFF-Chef bewährt. „Sie muss aber jedes Jahr wiederholt werden, da das Mittel nur eine kurzzeitige Wirkungsdauer von wenigen Tagen hat.“ Eine Restgefahr bleibe, da nicht alle Raupen bei der vorbeugenden Sprühbehandlung „erwischt“ werden, weiß Schirner aus Erfahrung. Immer wieder werden von aufmerksamen Bürgern oder den städtischen Baumkontrolleuren befallene Bäume gemeldet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wandern die Raupen zwar nicht mehr, aber sie verpuppen sich in Nestern an der Eiche – und von denen geht noch immer eine Gefahr aus. Deshalb werden von Fachleuten mit einem Spezialsauger entfernt. Laut Schirner ist das jedes Jahr bei 150 bis 300 Bäumen der Fall. Übrigens nicht nur bei Eichen. Diese seien zwar zu 99 Prozent betroffen. „Es gab jedoch schon einzelne Sichtungen von Raupen auf Buchen und Linden.“

Gut 120 000 Euro Kosten

Die Schädlingsbekämpfung lässt sich die Stadt einiges kosten: Je nach Befall belaufen sich die Ausgaben dafür auf 80 000 bis 120 000 Euro jährlich, so der Amtsleiter. Wird das Problem eigentlich schlimmer? Jein, meint Schirner. „Die Eichenprozessionsspinner haben einen zehnjährigen Zyklus, ähnlich wie Maikäfer, die alle vier bis fünf Jahre vermehrt auftreten. Möglicherweise wird dieser Zyklus jedoch mit den zunehmend warmen Temperaturen im Frühjahr, verbunden mit wenig Niederschlag künftig nicht mehr wirksam. Bei diesen Bedingungen haben die Raupen sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten und bessere Überlebensbedingungen“, erläutert Schirner. Natürliche Fressfeinde muss der Eichenprozessionsspinner in Stuttgart kaum fürchten: Kuckuck, Pirol und Wiedehopf kommen, wenn überhaupt, nur ganz vereinzelt vor.

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